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Mit Christian Steinbrink

Immer noch Indie? #258

Am Jahresende hat man einen frei: Wir wenden uns all den ausfransenden Rändern zu, die Indie oder vielleicht schon nicht mehr Indie sind.
Geschrieben am
Ich kann mich nicht erinnern, wann die klassischen, bunt überquellenden Elemente des japanischen Pop das letzte Mal so verdichtet und stimmig zusammengesetzt wurden wie auf »Fantasica« (Noble), dem dritten Album der Netlabel-Aktivisten N-Qia. Süßliche Melodien legen sich über komplexe, aber atmosphärisch verstärkende Arrangements, die all die elenden Klischees Tokios bestätigen, sie aber auch verführerisch schmackhaft machen. Ein Album wie ein Füllhorn der Wonne.

Mis

Fringe Popcical

»Out Of Range« (Paradise Of Bachelors), das fünfte Album der Westküsten-Formation Gun Outfit, wirkt tatsächlich, wie es heißt: außer Reichweite. Indie- und Country-Rock bilden einen weiten, gemächlichen Fluss, der bis tief in den Süden der USA und an Orte führt, die den meisten von uns für immer verborgen bleiben werden. Tradition und Transzendenz verbinden sich in der Wüste zu einer unüberschaubaren, teilweise psychedelisch angehauchten Weite, deren Koordinaten allenfalls Acts wie Lambchop oder The War On Drugs bekannt sein dürften. 

Gun Outfit

Out of Range

Release: 10.11.2017

℗ 2017 Paradise of Bachelors

Acht »First Songs« (Woodsist) reichen Anna St. Louis, um mit einer Art alternativem Lo-Fi-Country eine beeindruckende Stimmung aus karger, düsterer Grandezza zu erzeugen. Ihr Gitarrenspiel erinnert an Folk-Ikonen der 1970er, während der distanziert-melancholische Gesang deutlich am Country orientiert ist. St. Louis’ »First Songs« klingen zwar noch nicht formvollendet, gewinnen aber gerade dadurch Reiz und bringen für Großtaten in naher Zukunft alles Nötige mit.

Anna St. Louis

First Songs

Release: 03.11.2017

℗ 2017 Woodsist / Mare

Nachschub von Angel Olsen: Die Country-Rock-Ikone in spe hat mit »Phases« (Jagjaguwar) ihre gar nicht mal so lange andauernde Karriere rekapituliert und vergessene Songs aus allen, nun ja, Phasen und Produktionsstadien zusammengetragen. Entsprechend unzusammenhängend klingt die Compilation, sie setzt aber immer wieder Spitzen und unterstreicht die Vielseitigkeit und Klasse dieses verschrobenen Supertalents.

Angel Olsen

Phases

Release: 10.11.2017

℗ 2017 Jagjaguwar

Ein feinsinnig versponnenes Kleinod ist Erik Fastén mit seinem Solodebüt »10 Songs« (Adore) gelungen. Nämlich zehn Stücke, die in ihrem von Jazz und Folk inspirierten Songwriting weniger an die klassische Indie-Wonne aus Fasténs schwedischer Heimat erinnern, sondern vielmehr an Postcore-Songwriter wie etwa Karates Geoff Farina. Seine instrumentalen Fertigkeiten zeigt Fastén in wenigen etwas vollmundiger instrumentierten Songs und einem Gitarrenspiel, das dem seines Landsmanns José González ähnelt.

Erik Fastén

10 Songs

Release: 03.11.2017

℗ 2017 Adore Music

Ein ähnliches Kleinod, allerdings aus Südafrika, ist »Becoming« (gilhockman.com) des Underground-Einzelkämpfers Gil Hockman. In dessen locker geschwungenem Songwriting mischen sich Lo-Fi-Synthies und teilweise hektische Rhythmus-Partikel mit sinnlich-verlorenen Melodien, so leicht und doch so ausdrucksstark, dass es eine wahre Freude ist. Manchmal erinnern weltvergessene Song-Fetzen an Pedro The Lion oder Grandaddy, allerdings lässt sich Hockman im Vergleich zu ihnen seine Experimentierfreude seltener nehmen.

Code 7 - Gil Hockman Records

Becoming

Der bisher zumeist im heimischen Untergrund agierende Italiener Ambulance offenbart sich der Restwelt mit der EP »Give It A Try« (Bulbart) als weiteres, verblüffend überzeugendes Songwriter-Talent. Speziell die Arrangements seiner fünf Songs beweisen eingängiges Hit-Potenzial ohne jedes überflüssige Ornament und erinnern an die Posies oder Badly Drawn Boy, in besonders melodischen Momenten sogar an den großen Teenage Fanclub.

Ambulance

Give It a Try - EP

Release: 11.10.2017

℗ 2017 Andrea Artistico

Wenden wir uns in Richtung Noise: »Fleuve« (Weyrd Son) von den Belgiern Thot ist immer dann besonders gut, wenn ihr Mastermind Grégoire Fray seinen Hörern unmittelbar ins Gesicht shoutet und die Dynamik der Songs Wendungen nimmt, wie man sie etwa von den 31Knots liebte. Wie ihre Werke ist auch Thots Album ein unruhig zitternder stilistischer Gemischtwarenladen mit sehr viel Know-how und Emotion und reicht von Postcore bis in düstere Industrial-Gefilde.

Thot

Fleuve

Release: 20.10.2017

℗ 2017 Grégoire Fray

Und es kommt noch härter: Vi Som Älskade Varandra Så Mycket ist Schwedisch für »Wir, die wir einander so liebten«; »Den Sorgligaste Musiken I Världen« (Moment Of Collapse) meint »Die schlimmste Musik der Welt«. Dahinter steckt eines der besten europäischen Screamo-Alben der letzten Jahre, dessen LP vergriffen ist und das dankenswerterweise nun auf CD wiederveröffentlicht wird. Selbst Verächtern des Genres müssen die sacht akzentuierten Facetten von Wut auffallen, die dieses schwedisch krächzend besungene Album aufmacht. Dieselbe Liga wie etwa La Dispute oder The Hotelier erreicht es zumindest musikalisch spielend.

Vi som älskade varandra så mycket

Den sorgligaste musiken i världen

Release: 07.10.2014

℗ 2014 Blood of the Young Records. All rights reserved. Unauthorized reproduction is a violation of applicable laws. Distributed by Catapult.

Früher nannte man hier beim Intro das, was das Duo Audiac auf sein zweites Album »So Waltz« (Klangbad) gebannt hat, »Freispiel«: Um eine immer wieder theatralisch an Anohni erinnernde, croonende Stimme herum entwickeln sich äußerst stimmungsvolle Soundscapes, die von digitalem Noise über Hall-Erlebnisse bis hin zu barjazzigen Piano-Figuren reichen, dabei aber nie Gebrauchskonventionen entsprechen. Die Verbindung von Atmosphäre und Ambition beherrschen die Fernbeziehungspartner aus Hamburg und Tübingen herausragend, weswegen sich Fausts Hans-Joachim Irmler auch gerne als Produzent einbrachte.

Audiac

So Waltz

Release: 20.10.2017

℗ 2017 Klangbad

Dass auch Knarf Rellöm und Die Goldenen Zitronen alt werden, muss niemanden mehr sorgen – es gibt ja schließlich jetzt Die Nerven. Deren Output erstreckt sich neben den Bandalben auch über ein wenig übersichtliches Netz aus Neben- und Soloprojekten mit einem bemerkenswert hohen Qualitätsniveau. Das aktuellste Indiz dafür kommt vom Bassisten Julian Knoth alias Peter Muffin und nennt sich »Ich und meine 1000 Freunde« (Treibender Teppich). Die sechs versammelten Songs rocken so schroff wie klug, und ihre Referenzen reichen bis in die frühen akademischen Kellerverliese der Hamburger Schule wie Rellöms Huah! oder Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs. Sie machen klar: Niemand muss sich mehr allein fühlen. 

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