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Plötzlich Zwilling

Ibeyi im Gespräch

Im Dezember 2014 stellten wir Lisa-Kaindé und Naomi Díaz zum ersten Mal vor – im Rahmen eines Specials über fünf Acts, denen wir 2015 den baldigen Durchbruch wünschten. Den haben Ibeyi inzwischen geschafft: Sie traten in Beyoncés Filmalbum »Lemonade« auf, können Iggy Pop und Michelle Obama zu ihren Fans zählen und sind kurz davor, Ende September mit ihrem zweiten Album einen weiteren großen Schritt zu machen. Annett Bonkowski traf sie nun zum zweiten Mal.
Geschrieben am
Leise ächzen die Stufen zum Berliner Apartment, in dem mich Ibeyi zum Gespräch erwarten. Die Sommerhitze des Tages hat sich ihren Weg bis unter das Dach gebahnt und harrt dort ebenso geduldig aus wie die beiden Schwestern Lisa-Kaindé und Naomi Díaz. Sichtlich unbeeindruckt von der Wärme, wirken die beiden nicht im Geringsten geplättet, als ich endlich die Treppe hinter mir lasse und das kurz aufkommende Kopfkarussell eine Pause einlegt. Noch bevor wir uns mit einem kräftigen Händedruck begrüßen, empfangen mich die beiden Französinnen mit aufrichtiger Herzlichkeit im Blick. 

Selbst die beeindruckende Lockenpracht auf ihren Köpfen wippt mir scheinbar fröhlich entgegen. Dass ich auch Zwilling bin, freut die beiden. Allerdings bin ich nicht die erste Zwillingsbegegnung an diesem Tag: »Du bist heute schon die Zweite! Das ist so cool!« ruft Lisa-Kaindé leicht euphorisch. Naomi reagiert dagegen um einige Nuancen sachlicher: »Während unserer Schulzeit wurden wir nie als Zwillinge wahrgenommen, weil jeder von uns sein eigenes Ding gemacht hat. Wir waren sogar in unterschiedlichen Klassen. Auch zu Hause war das nicht anders. Wir haben uns nie identisch angezogen und hatten keine Probleme damit, nicht als zwei eigenständige Personen wahrgenommen zu werden. Erst, seit wir uns Ibeyi nennen, ist das für uns ein Thema.« Daran sind sie selbst allerdings nicht ganz unschuldig, schließlich bedeutet ihr Bandname in der westafrikanischen Sprache Yoruba »Zwillinge«.

Selbst bei den Aufnahmen zu ihren Songs bleibt offenbar genügend Raum für individuelle Schritte auf dem gemeinsamen musikalischen Weg, erklärt Lisa-Kaindé: »Jede von uns nimmt ihren Gesang allein auf. Ich spiele auch nicht begleitend auf dem Piano, wenn Naomi ihre Vocals einsingt.« Die murmelt, halb auf dem stylishen Sofa neben mir zusammengerollt, erleichtert ein »Bitte nicht!« in Richtung ihrer Schwester. Da ist sie: die erste kleine Spitze, die während unseres Gesprächs noch des Öfteren zwischen den beiden hin und her sausen wird. Dabei sind sie immer halb ernst, halb neckend – aber längst nicht mehr so frech und herausfordernd wie bei unserem letzten Gespräch.

Rückblende

Knappe drei Jahre ist meine erste Begegnung mit ihnen im frostigen Berliner Winter mittlerweile her. Damals reisten sie mit ihrem Debüt »Ibeyi« als Support von Chet Faker durch halb Europa. Die Angewohnheit, sich regelmäßig ins Wort zu fallen, haben sie mittlerweile abgelegt und durch aufmerksames Zuhören ersetzt.

Damals begleitete ihre Mutter und Managerin, die französisch-venezolanische Sängerin und Fotografin Maya Dagnino, die beiden auf Schritt und Tritt. Heute ist sie nicht in der Nähe, wie ich nach vorsichtigem Abscannen des Raumes bemerke. Ein erstes Anzeichen dafür, dass die in Paris geborenen Zwillinge mit kubanischen Wurzeln mit nunmehr zweiundzwanzig Jahren und einigen musikalischen Abenteuern mehr im Lebenslauf durchaus an Selbstständigkeit gewonnen haben. Neben weltweiten Shows rund um ihr Debüt aus dem Jahre 2015 tauchten die Schwestern Díaz im letzten Jahr nicht nur in Beyoncés »Lemonade«-Filmspektakel auf, sondern wurden sogar in der BBC-6-Radiosendung »Iggy Confidential« von der liebenswertesten Hautfalte des Punk-Rock, Mr. Pop, erwähnt. Ein Ritterschlag für die jungen Künstlerinnen, erzählt Lisa-Kaindé aufgeregt: »Er spielte einen unserer Songs in seiner Sendung und wusste sogar, dass venezolanisches Blut durch unsere Adern fließt. Das ist verrückt. Ich bewundere seinen Wissensdurst und seinen Charakter. Ihn einmal zu treffen wäre unheimlich toll!«

Lichtblicke

Mit diesen Worten rutscht die Lead-Sängerin von Ibeyi bis auf den Rand ihres Stuhles vor. Jede Geste ihrer Hände wird begleitet vom angenehmen Rasseln ihrer Armreifen. Aus jedem ihrer Worte sprudelt Energie – und das, obwohl ihre Percussion spielende Schwester Naomi normalerweise den Rhythmus vorgibt und als extrovertiert und laut gilt, wie sie selbst zugibt: »Ich kann ganz schön verrückt sein, aber ich habe gleichzeitig diese sehr verschlossene, zurückgezogene Seite in mir. Dennoch liebe ich es, mich mit Menschen auszutauschen.«

Den von Iggy Pop vorgelebten Wissensdurst und seine große Neugier auf das Leben tragen auch Ibeyi in sich. Bewundernswert, wenn man sich die frühen Schicksalsschläge ins Gedächtnis ruft, wie den Tod ihres Vaters, dem Buena-Vista-Social-Club-Mitglied Angá Díaz, und den Verlust ihrer älteren Schwester, die 2014 plötzlich verstarb. Ihre Trauer verarbeiteten sie auf ihrem Debüt in nachdenklichen und gefühlvollen Songs – »Think Of You« und »Yanira« –, begleitet von minimalistischen Klängen. Neben Schmerz transportieren die Stücke aber auch Hoffnung: »Wir haben es immer geschafft, hoffnungsvoll zu bleiben. Wenn du als junger Mensch so etwas durchmachst, bleibt dir nur das, oder du hörst auf zu leben. Darum lieben wir auch Frida Kahlo so sehr. Sie hat mit ihrer Kunst etwas Wunderschönes geschaffen, obwohl ihr ganzes Leben hart und schmerzerfüllt war«, flüstert Naomi gedankenversunken.

Weltschmerz

Das viele Reisen von Kontinent zu Kontinent und der damit verbundene rege Austausch mit ihren Mitmenschen haben Ibeyi zu selbstbewussten jungen Frauen heranwachsen lassen. Der einfühlsame Kern und der Mut, sich schwierigen Themen zu widmen, sind geblieben. Nach dem Ende der Tour und einigen wenigen Wochen der familiären Auszeit auf Kuba nahmen die Schwestern erneut mit ihrem Mentor, dem XL-Recordings-Gründer Richard Russell, Songs auf, um all die gewonnenen Eindrücke der letzten Jahre musikalisch einzufangen. Den Charakter der neuen Songs beschreibt Lisa-Kaindé mit folgenden Worten: »Unser erstes Album beschäftigte sich viel mit unserer persönlichen Vergangenheit. Die neuen Stücke unterstreichen dagegen unseren Entdeckungsdrang. Wir haben uns bewusst der Welt und ihren Problemen geöffnet und begegnen diesen großen Themen, um wieder Kraft zu schöpfen. Auf diese Weise fühlen wir uns nicht mehr ganz so machtlos wie zuvor. Es ist wichtig, die Missstände auf dieser Welt nicht zu ignorieren. Indem wir darüber singen und Leute zu unseren Shows kommen, bekommen wir etwas von dieser Energie zurück.«

Let’s talk about sex

Während viele andere junge Kolleginnen perfekt gestylt über Boyfriends, das Erwachsenwerden und die ganz normalen Dramen des Alltags singen, ist die Essenz von Ibeyi mit deutlich mehr Tiefgang gesegnet. Und Natürlichkeit: Eine sitzt lässig in Latzhose vor mir, die andere ist in bunten Leggings und T-Shirt neben mir in das Sofa versunken. Ganz ohne Make-up. Nur die Statement-Kette am Hals von Lisa-Kaindé deutet darauf hin, dass die Geschwister ihre innere Haltung nach außen tragen können, ohne dabei verspielt oder schüchtern zu sein.

Auf das Schubladendenken der Musikindustrie und die in den Medien zur Schau gestellte überzuckerte Form von Weiblichkeit reagieren die Zwillinge regelrecht allergisch. Sichtlich frustriert darüber macht Lisa-Kaindé ihrem Unmut, von einem permanenten Kopfschütteln begleitet, Luft: »Die Mehrheit aller jungen Künstlerinnen ist ähnlich gestylt, singt über die gleichen Dinge und hat sogar eine fast identische Grundhaltung: Sie verkaufen Sex. Es ist völlig okay für mich, wenn du von Natur aus sexy bist und das auch in deiner Kunst präsentierst. Aber wenn du es nur tust, um berühmt zu werden und anderen zu gefallen, ist das absolut falsch. Rihanna wacht wahrscheinlich jeden Morgen supersexy auf und ist dann genau das für den Rest des Tages. Sie ist authentisch. Springst du aber einfach nur auf diesen Zug auf, um Platten zu verkaufen, machst du das Problem, nur für deine Zuschauer weiblich und sexy zu sein, nur noch größer.«
Bild: Tereza Mundilova
Es ist ein Thema, das die junge Sängerin und Pianistin als Teil der Industrie, aber auch privat sehr beschäftigt: »Ich hinterfrage ständig mein Handeln, was diesen Aspekt betrifft. Tue ich etwas, weil ich wirklich so empfinde oder weil ich mich unbewusst dazu gedrängt fühle, anderen zu gefallen? Jede Frau sollte sich diese Frage stellen. Ganz besonders als Musikerin. Ich bewundere Freundinnen von mir, die diese sexuelle Energie besitzen und sich nicht dafür schämen oder sie gar verstecken. Das bedeutet für mich Freiheit.«

Singen gegen das System

Als Frau an die künstlerische Vielfalt zu appellieren oder sich insbesondere auf musikalischer Ebene gesellschaftspolitischen Themen zu widmen, ist für Ibeyi gerade in den letzten Jahren zur Herzensangelegenheit geworden. Dass diese Themen nun auch verstärkt ihr aktuelles Songwriting beeinflussen, wertet das Duo nicht als ausdrücklich feministischen oder politischen Akt. Eher als natürliche Reaktion auf das sich momentan immer weiter zuspitzende Weltgeschehen, betont Lisa-Kaindé vehement: »Es erstaunt mich immer wieder – sobald Frauen über Frauenthemen reden, gelten sie als politisch. Oder wenn Frauen über Ungerechtigkeit und Rassismus singen. Männer können über die gleichen Dinge reden und werden nicht sofort als politisch eingestuft. Das zeigt deutlich, dass die Welt sich ab und zu falsch herum dreht.« Allerdings hält das die Zwillinge nicht davon ab, weiterhin öffentlich ihre Meinung kundzutun. Oder für einen neuen Song sogar eine Rede der ehemaligen First Lady Michelle Obama zu sampeln, in der sie sagt: »The measure of any society is how it treats its women and girls.« 

Die für die jungen Französinnen wichtigen Werte wie Unabhängigkeit, Vielfalt und Hoffnung bestimmen immer mehr sowohl ihre musikalische, lyrische als auch ihre persönliche Haltung – inmitten eines Systems, das in ihnen einen immer wiederkehrenden Unmut weckt, sei es in ihrer Heimat Frankreich oder vor allem während ihrer Reisen durch die USA. Als ich mein Interview auf diese Themen lenke, sprechen die Schwestern offen über ihre Ängste:

Was löst bei euch als jungen Wählern das größte Unbehagen aus?
N: Politik wird generell nur von alten Leuten gemacht. Sie kommen alle aus demselben verdammten System. 
LK: Ob zu Hause in Frankreich oder den USA, überall existieren die gleichen Probleme: Korruption, Rassismus und Armut. Es ist erschreckend, wenn man feststellt, dass kein einziger Politiker etwas mit dir zu tun hat. Du sollst wählen gehen, aber es gibt niemanden, zu dem man eine Verbindung spürt. Oder der einem das Gefühl gibt, er versteht dich.

Ihr selbst habt französische, kubanische und venezolanische Wurzeln. Habt ihr jemals rassistische Anfeindungen erlebt?
N: Zum Glück waren wir bisher persönlich nie derartigen Angriffen ausgesetzt.
LK: Weißt du, warum Bernie Sanders der einzige Politiker ist, mit dem ich mich gerne einmal zusammensetzen würde? Er hat in seinem Wahlkampf immer wieder davor gewarnt, dass das amerikanische System die Gesellschaft weiterhin spalten will. Alles spielt sich in Communitys ab – weißen, schwarzen, asiatischen oder mexikanischen Communitys. Es ist verrückt. Wir sind sehr stolz darauf, dass unsere Musik einen verbindenden Charakter hat. Zu unseren Shows kommen Menschen jeglicher Herkunft, und sie singen gemeinsam.

Könntet ihr euch vorstellen, einmal außerhalb der Musik in irgendeiner Form politisch aktiv zu werden?
LK: Ich kann mir das nur schwer vorstellen. Zumindest nicht für die nähere Zukunft. Die Musik ist unsere Art, mit Menschen in einen Dialog zu treten und für uns wichtige Themen zu kommunizieren. Außerdem bin ich so schlecht darin, Reden zu halten! Das Problem unserer Generation ist, dass niemand in die Politik geht, weil man überall nur schreckliche Beispiele von Politikern sieht, die ihren Job schlecht machen.

Welchen Beitrag kann die Kunst in deprimierenden Zeiten wie diesen leisten?
LK: Künstler haben die Verantwortung, etwas Wahrhaftiges zu transportieren. Nicht unbedingt etwas Politisches, aber etwas, das von Herzen kommt. Ich habe mich nie von Politikern verstanden gefühlt, sondern meine Antworten immer in der Kunst gesucht. Genau deshalb darf man als Künstlerin nie damit anfangen, sein Schaffen als selbstverständlich anzusehen oder faul zu werden. Du musst es dir verdienen.

Schlussworte

Im Studio arbeiteten Ibeyi hart an diesem Vorsatz und dem mit Spannung erwarteten Nachfolger ihres selbstbetitelten Debüts. Hindernisse überwanden die beiden auf dem Weg dahin einfach mit doppeltem Eifer, und die gemeinsamen Ambitionen machten selbst lange Studiotage vergessen. Die besondere Dynamik und die zwischen den Zwillingen hin und her fließende Energie, die – evoziert durch ihre unterschiedlichen Wesenszüge und die enge Geschwisterliebe – ihre Musik so maßgeblich bestimmen, bringt Lisa-Kaindé gegen Ende unseres Gespräches treffend auf den Punkt: »Wenn du gemeinsam mit jemandem kreativ bist, den du liebst, dann ist der Prozess ganz einfach.«

Ibeyi

Ash

Release: 29.09.2017

℗ 2017 XL Recordings

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