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rückblick ohne zorn

Ian Simmonds

Von Neuseeland bis Norwegen, von Compost bis Main Squeeze, von Gilles Peterson bis IG Culture - eine ganze Branche von Musikern, Labels und DJs bemüht sich heute um die Werte und Errungenschaften unserer Väter und Mütter. Sie graben nach dem alten Jazz, nach den seltenen Platten, nach dem guten Groo
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Autor: intro.de

Von Neuseeland bis Norwegen, von Compost bis Main Squeeze, von Gilles Peterson bis IG Culture - eine ganze Branche von Musikern, Labels und DJs bemüht sich heute um die Werte und Errungenschaften unserer Väter und Mütter. Sie graben nach dem alten Jazz, nach den seltenen Platten, nach dem guten Groove, den schon in den 70ern, vor einer ganzen Generation also, bärtige Kifferprototypen in verrauchten Studios auf Analogbandmaschinen gebannt haben. Diese Suche nach den Wurzeln ist zwiespältig: Einerseits ist natürlich heute nicht falsch, was die Ahnen damals versucht haben. Ihre Platten bewegen heute vielleicht mehr Herzen denn je. Ihre Grooves versetzen, etwa in Form von 2000 Black-Maxis oder Far Our-Alben, leicht auf Vordermann getrimmt, mehr Hintern in Schwingung als jemals zuvor. Andererseits aber sind doch inspirierende neue Kunststile und aufregende Weiterentwicklungen immer aus radikalen Brüchen mit der Elterngeneration entstanden - und nicht aus entspannten Familienverhältnissen. Der Wegfall des Generationskonflikts bringt nämlich auch Sättigung, harmlose Kontemplation und selbstgenügsames Grooven Arm in Arm mit den Alten mit sich.
Ian Simmonds ist so einer, der den Zugang zur Kunst von seinen Eltern in die Wiege gelegt bekommen hat. Sein Vater war Jazzmusiker, brachte ihm schon als Kind Trompetespielen bei und ist auch heute noch seine größte Inspirationsquelle: “Er spielt selber nicht mehr, er hat nämlich alle seine Zähne verloren. Er lernt aber immer noch dazu, obwohl er schon 72 ist. So will ich auch mal werden”, sagt Ian und steckt sich eine weitere selbstgedrehte Zigarette an. Ian, heute 34, reiste mit seinen musizierenden Eltern durch die Welt, bis er 17 war. Er lebte in den USA und Australien, bevor er sich in London niederließ und dort in den späten 80ern als Bassist bei der Acid-Jazz-Combo The Sandals einstieg. Die Band veröffentlichte zwei Alben auf London Records und ließ sich schon 1992 von den Soma-Machern Slam sowie den Dust Brothers remixen, die später als Chemical Brothers recht berühmt werden sollten. 1994 lösten sie sich zusammen mit Acid Jazz auf, und Ian hing mit Leftfield rum, bevor er 1995 begann, als Juryman seine ersten Soloplatten zu veröffentlichen. 1997 gab es zusammen mit dem großartigen Luke Gordon alias Spacer (einem seiner besten Freunde) das tiefgründige Juryman Vs. Spacer-Album “Mail Order Justice” auf SSR. Ein Jahr später erschien auf K7 dann die Ian Simmonds-LP “Last States Of Nature”, jetzt folgt “Return To X”.
“‚Return To X’ ist die Rückkehr zu einem Punkt in mir selber”, sagt Ian, “auch zu meinem Vater und dem, was er mir beigebracht hat.” Immer wieder Papis Einfluss also. Der hat die Platte gehört und gutgeheißen - trotz seiner 72 Jahre. Ein Klang-Tagebuch, tiefgründiger Sample-Jazz, cinematisch, klassisch, mit massig Spinett-Samples. Sehr persönliche Musik aus dem Inneren für das Innere. Das passt zu dem sanften, wuschelhaarigen Traveller-Typen Ian: latent hippiesk, ebenso wie seine Titelgebungen (“Theme To The Last Puma” etwa oder “Ocean Hill”). “Ich bin eben ein bisschen wie ein Zigeuner”, bestätigt er und grinst. “Ich lebte die meiste Zeit meines Lebens aus dem Koffer. Darum werde ich immer noch kribbelig, wenn ich zu lange an einem Ort bleibe. Ich muss die Welt fühlen. Aber es ist eine dunkle Welt, wir leben in einer seltsamen Zeit. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass Menschen andere Menschen oft schlecht behandeln. Vielleicht klingt meine Musik darum so düster.”
Jedenfalls wäre es eine interessante Frage, wie Ians Musik wohl klingen würde, wenn er seinen Vater und dieser seine Musik hasste; oder die Musik von Jason Swinscoe (Cinematic Orchestra), der Ähnliches über seine glückliche Jugend erzählt hat; oder die von vielen anderen Jazz- und Funk-Updatern, die schon in Mamas Plattensammlung wühlen durften, als sie noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum rannten. - Sicherlich doch radikaler, neuer, wüster, wütender, aufbrechender. Ian jedenfalls plant passenderweise gemeinsame Produktionen mit Jason Swinscoe.
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ians Musik, die seiner hier erwähnten Kollegen und die vieler Geistesverwandter, ist wunderschön, ergreifend, warmherzig und toll. Aber eben auch traditionsverhaftet, beruhigend, retro-besinnlich. Haben sich denn nach dem Ende von Drum’n’Bass alle Ansprüche an sonische Revolutionen, an den großen Aufbruch, an die passende Musik für das 21. Jahrhundert in rückwärtsgewandte Jazz-Latin-Dub-Afrobeats aufgelöst? Macht denn außer Clicks’n’Cuts keiner mehr Zukunftsmusik? “Ich mache Musik vor allem für mich und für meine Seele”, sagt Ian dazu, “auch wenn das ein bisschen wie ein Hippie-Ideal klingt.” Tut es. “Ja, aber ich hatte eben immer viel Unterstützung von meiner Familie dabei. Ich meine, wie viele Eltern zwingen ihre Kinder dazu, Ärzte oder Rechtsanwälte zu werden? Da hatte ich doch wirklich Glück.”

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