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So war's in Haldern: Musikalische Landpartie

Haldern Pop 2013

Der Name Haldern Pop sorgt bei vielen Musikfans für glänzende Augen. In diesem Jahr lockt das Festival bereits zum 30. Mal an den Niederrhein.
Geschrieben am

Donnerstag

 

Na also, die Sonne scheint. Hatte man bei der Abreise aus dem Rheinland noch unter Nieselregen leiden müssen, klart der Himmel pünktlich zur Ankunft auf der zum Zeltplatz umfunktionierten Kuhweide auf. Das Haldern 2013 kann beginnen.

 

Vorbei sind die Zeiten, in denen nur wenige Besucher schon am Donnerstag anreisen. Im 30. Jahr hat sich das Haldern Pop endgültig als 3-Tages-Festival etabliert. Rund zwei Drittel der erwarteten 7000 Besucher bevölkern bereits im Verlauf des Eröffnungs-Tags das Gelände vor dem Spiegelzelt oder wandern nachmittags durchs Dorf auf dem Weg zur örtlichen Kirche, denn auch hier finden Konzerte statt.

Auf der Biergartenbühne vor dem antiken Spiegelzelt wartet mit Mikal Cronin gegen 18.30 Uhr bereits ein sehr früher, potentieller Höhepunkt. Leider hat der US-Indie-Barde und seine langhaarige Band mit einigen Soundproblemen zu kämpfen. Obgleich der Slacker-Pop aus Laguna Beach schön verschlurft und sommerlich daherkommt und so gut zum lauen Abend passt, verfliegen die zweite Gesangsstimme und so manche Gitarre im Sommerabendhimmel. Diese Probleme haben We Were Promised Jetpack knapp zwei Stunden später nicht. Die Schotten haben sich in dieser Festivalsaison bereits beim Immergut und der c/o Pop warmgespielt und sind auch heute in guter Form. Wuchtig und kompakt klingt ihr Post-Punk-Indie-Rock, in den vorderen Reihen wird gesprungen. Klar, dass »Quiet Little Voices« die erwartete Mitsinghymne wird.

 


 

 

 

Im Anschluss ist Zuhören, statt Mitmachen angesagt. Folk-Chanteuse Julia Holter taucht das Spiegelzelt in rotes Licht und einen Sound, der sich in langsamen Wellen im Raum ausbreitet. Keine leichte Kost, in diesem Ambiente indes bestens aufgehoben. Wer es straighter mag, wird wenig später im Biergarten von Suuns zufrieden gestellt. Die Kanadier waren bereits vor zwei Jahren zu Gast in Haldern. Im Vergleich zum damaligen, sphärischen Auftritt im Spiegelzelt, reagiert die Band heute auf den Publikumszuwachs mit einem tanzbaren, elektronisch dominierten  Noise-Rock-Set.  Die Bassdrum drückt, die Höhen knistern und flirren, bei passendem Volumenlevel. 

 

 

 

Dagegen fällt die Show des hochgehandelten Pianisten und Songwriters John Grant im Spiegelzelt ein wenig ab. Obwohl Grant, der mit dem Publikum in nahezu aktzentfreiem Deutsch kommuniziert, in Sachen Charisma und Songwriting punktet, vermögen es nur wenige Stücke das ganze Zelt zu packen. Ganz anders, als wenig später beim Finale vor der Biergartenbühne. Gold Panda hat Lust auf Bewegung und spielt ein Set wie Samstagnacht. Ein Sommernachtstanz aus Minimal, Electro und Chillwave. Die Menge macht mit, die Hände fliegen. Ist das hier wirklich das Haldern?   

 

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Freitag

 

Wer zu den Frühaufstehern gehört, und das sind in Haldern einige, der wandert zur Mittagszeit ins Dorf, um sich in der Haldern Pop Bar auf den Tag einzustimmen. Die kleine Kneipe bietet erfahrungsgemäß ebenso vielen Menschen vor den großen Schaufenstern Platz, wie im Gastraum.  So auch heute, als mit dem kanadischen Singer/Songwriter Ben Caplan einer der ausdrucksstärksten Vollbärte des Wochenendes auf der Bühne erscheint. In einer großartigen, mitreißenden Show spielt sich Caplan aus ein Repertoire das von Gypsy und Folk bis Shanties, Blues und Gospel reicht. Dagegen beginnt es auf der Hauptbühne fast schüchtern. Ein scheues »Hallo“ eröffnet pünktlich um 15.00 die Hauptbühne. Pascal Finkenauer, der von Indie Rock, über LoFi-Punk bis Chansons und einem Fettes Brot-Feature schon so einiges gemacht hat, scheint aktuell bei dramatischem Stadionpop angekommen zu sein. Denn so zurückhaltend, wie seine erste Ansage ist das folgende Set keinesfalls. Die Gitarren bauen sich zu Wänden auf, es wird auf epische Weite gezielt.

 

Die Goldenen Zitronen beim Haldern? Wer hätte das gedacht. Und es funktioniert wunderbar. Schorsch Kamerun ist bestens gelaunt und freut sich sichtlich über die positive Stimmung, die ihm und seiner Band vom Publikum gegenüber entgegengebracht wird. Es ist Nachmittag, die Sonne scheint und die Konsum-, Gesellschafts- und Überhaupt-alles-Kritik der Goldies trifft den Nerv. Die Band groovt, wenn es geht und verkantet, wenn es sein muss. Post-Punk buchstabiert man so.

 


 

 

 

Der »Soul-Star des Wochenendes« scheint sich zu einer festen Kategorie des Haldern zu entwickeln. Nachdem im vergangenen Jahr Charles Bradley am Donnerstagabend das Spiegelzelt eroberte, ist es heute Lee Fields , dem die Hauptbühne tanzend Liebe spendet. Der 61jährige wird von Musikern begleitet, die seine Söhne sein könnten und doch jeden Aspekt der Soulgeschichte verinnerlicht haben. Modernität zeigt sich hier vor allem durch tighte Breaks und ein rollendes Schlagzeug. Neben den Hausbands des Daptone-Labels gehören The Expressions zum besten, was man gegenwärtig in dieser Richtung erleben kann. Schon nach wenigen Songs sind die Menschen dabei und es entwickelt sich ein gegenseitiger Austausch von Sympathie.

 

 

 

Tom Odell darf im Anschluss seinen TV erprobten Hit »Another Love« zur Abendunterhaltung beitragen, bleibt ansonsten aber ähnlich farblos, wie zu späterer Stunde Sophie Hunger. Der dramatische Songwriter Pop/Rock der Schweizerin ist professionell gemacht und wird von ihrer Band wuchtig inoniert, lässt allerdings den letzten Funken vermissen. Nett, um durch den Abend zu schunkeln und sich auf James zu freuen, den Headliner der Hauptbühne.

 

Das Haldern Festival und seine Macher sind bekannt für ihre Liebe zum Britpop der späten 80er und frühen 90er. Paul Weller kam immer wieder gerne. Dass jedoch heute die 2007 re-formierten James hier spielen, darf man durchaus ungewöhnlich nennen. Dementsprechend hat sich der Platz vor der Hauptbühne ein wenig geleert, das Durchschnittsalter ist gestiegen, die Atmosphäre vorfreudig gespannt. Sänger Tim Booth und seine Band treten in der 90er-Besetzung auf und man spürt  schnell, dass es sich hier zum Glück nicht um eine Revival-Oldie-Truppe handelt. Viel eher wirkt der Auftritt auf sympathische Weise aus der Zeit gefallen: mit seiner hippie’esken Light-Show, der groovenden Rhythmusgruppe und einem Frontmann, dessen Outfit direkt aus einem britischen Drum’n’Bass-Club der 90er zu kommen scheint.

 

Den Schlusspunkt setzen an diesem Abend Metz. Und was für einen! Nachdem Owen Pallet die Feingeister bedient hat, ist es Zeit für das erste Mosh Pit des Festivals. Metz hatten auf der Anreise Probleme mit ihrem Gepäck und spielen ihr Set auf geliehenen Instrumenten, die zu großen Teilen von der Folk-Rock-Combo Bear’s Den stammen. So laut wie heute haben diese Gitarren vermutlich noch nie gekreischt. Die kanadische Noise-Band wütet sich durch ihr Set, der Schweiß fließt schon nach wenigen Minuten. Brett, sagt man wohl zu so einer Show. Mit einem Fiepsen im Ohr geht’s anschließend zum Campingplatz.

 

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Samstag

 

Der letzte Tag beim Haldern Pop gehört fast traditionell den Headlinern. Heute lungern die meisten Besucher entspannt den Tag über im Sonnenschein vor der Hauptbühne herum. Nur die wirklich eifrigen befolgen noch immer ihren strikten Zeitplan, um frühe Spiegelzelt-Höhepunkte wie Buke & Gase und ihre selbst entworfenen Instrumente zu sehen. Das amerikanische Duo und ihre sechssaitigen Bariton-Ukulele sowie ein Bass-Gitarre-Hybrid werden rasch zum Gesprächsthema des weiteren Tages.

 

Ebbot Lundberg ist Stammgast in Haldern. Im vergangenen Jahr veröffentlichte das aus dem Festival erwachsene Label das Abschiedsalbum seiner Band The Soundtrack Of Our Lives, wenig später trat der Schwede bereits mit der Akustikgitarre in der Haldern Pop-Bar auf. Heute Nachmittag ist er in Begleitung der Brüder Anders und Staffan Ljunggren alias Trummor & Orgel. Die ungewöhnliche Besetzung aus Gesang, Schlagzeug und einer beeindruckenden, alten Orgel, funktioniert hervorragend. Das Trio spielt sich durch Lundbergs Katalog, der neben TSOOL auch Stücke von seiner ersten Band Union Carbide Productions umfasst. Hinzu kommen Interpretationen von den Stranglers oder den Beatles. Ein Konzert, das für Abwechslung im sonst eher Indie-lastigen Hauptbühnenprogramm sorgt.

 

Es ist knapp 17 Uhr, Ort und Zeit erscheinen perfekt für eine Abschiedsgala. Bei strahlendem Sonnenschein kommen Kettcar auf die Bühne und werden begeistert empfangen. Im Herbst wird sich die Band elf Jahre nach dem Debütalbum »Du und wieviel von deinen Freunden« für unbestimmte Zeit in eine kreative Pause begeben. Die Leute haben daher Bock auf Nostalgie und Mitsingen. Schön, dass die Band die Stimmung zu nehmen weiß und zwischen wenige neue Stücke eine Hit-Revue abfährt. »Balkon Gegenüber«, »Graceland« und »Balu« sind nicht die einzigen Songs, bei denen das Publikum Sänger Marcus Wiebusch äußerst textsicher unterstützt.  Im Zeittunnel zurück und noch einmal mit Gefühl. So schön kann es sein, kollektiv alte Lieblingslieder wieder zu entdecken.

 

Die Sonne steht tief, die Hauptbühne ist in goldenes Nachmittagslicht getaucht. Haldern-Experten wissen, es wird an dieser Stelle Jahr für Jahr Zeit für harmonischen Indie Pop mit mehrstimmigem Gesang. 2013 sind es Local Natives, die den Soundtrack zum Urlaubsgefühl präsentieren dürfen. Trotz einiger technischer Problemchen während des Auftritts, werden die eingängigen Stücke der Band aus Los Angeles - die überwiegend ihr gefälliges, aktuelles Album »Hummingbird« spielt - erwartungsgemäß fröhlich angenommen. Die ersten Seifenblasen schwirren über die Köpfe der Besucher.  

 

In seiner Heimat Irland war Glen Hansard bereits als Sänger der Band The Frames ein Star, durch den Film »Once« wurde er weltweit bekannt.  Wie es sich für einen Oscar-Gewinner gehört, wird hier geklotzt, statt gekleckert.  Daher lässt sich Hansard von einer elfköpfigen Band unterstützen, die ihren Job dank starker Streicher- und Bläsersektion hervorragend erledigt. Zum großen Finale spielt Hansard den Film-Hit »Falling Slowly« und bittet dazu eine Zuschauerin auf die Bühne, die ihre Rolle als Duett-Partnerin mit Bravour erfüllt. Ein Moment, wie zu zweit im Kino: kitschig, aber schön. Glen Hansard beweist mit diesem Auftritt seine ganze Klasse.

 

Und weiter geht’s mit den großen Namen. Es ist das einzige Deutschlandkonzert der New Yorkerin, die sich gerne rar macht. In diesem Sommer umfasst Regina Spektors Europa-Kalender ganze 13 Termine. Man darf also durchaus von einer exklusiven Headlinerin sprechen, auch wenn sich viele Besucher zum 30ten Haldern-Jubiläum andere Acts auf dieser Position hätten vorstellen können. Die zierliche Künstlerin und ihr Flügel stehen im Zentrum der Bühne. Schon allein die Positionierung – die Begleitband verschwindet im Hintergrund – macht klar: diese Dame ist eine Lady. Spektor inszeniert sich sehr charmant als niedliches Mädchen und bricht diese Rolle durch ihre oftmals bitter ironischen Texte. Während sie spielt, scheinen die schlanken Finger der Sängerin in den melancholischen Momenten des Sets über die Tasten zu schweben. Oder sie hüpfen, dem Mädchen-Thema folgend und intonieren so einen fröhlichen Pop.

 

Efterklang erfüllen den Job als Hauptbühnen-Headliner souverän. Die Dänen absolvieren in diesem Festivalsommer eine Ochsentour und spielen gefühlt an jedem Wochenende drei Mal. Dass Set sitzt daher ebenso gut, wie das Jackett von Sänger Casper Clausen und lässt auch Hits wie »Modern Drift« nicht vermissen. Eine aufwändige Lichtshow unterstützt die sphärischen, komplexen Stücke und macht das Konzert zur audiovisuellen Erfahrung. Dem Publikum gefällt’s, auch wenn man zwischenzeitlich im Strobo-Gewitter die Augen schließen muss.

 

Wer mag, tanzt im Anschluss noch zu Brandt Brauer Frick im Spiegelzelt. Oder, so halten es die meisten: man lässt mit Bier und Freunden das Festival auf dem Campingplatz ausklingen.

 

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