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Tausche Burn-out gegen Album

Grizzly Bear im Gespräch

Die Voraussetzungen für die Entstehung von »Painted Ruins«? Entschleunigung, Rücksicht, längere Auszeiten, erwachsenes Handeln und Achtsamkeit gegenüber sich und den Bandkollegen. Annett Bonkowski ließ sich von Chris Taylor und Daniel Rossen erzählen, wie man ein Burn-out verhindert, die Berghain-Türsteher austrickst und Berlin knackt
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Der Titel »Painted Ruins« führt erst einmal in die Irre. Den Makel überpinseln, knallige Farbe drauf, wo die Fassade bröckelt, den schleichenden Zerfall verstecken und sich beim Anblick der bunten Oberfläche selbst einreden, dass doch eigentlich alles in bester Ordnung ist? Nö, nicht bei Grizzly Bear. Chris Bear, Ed Droste, Daniel Rossen und Chris Taylor wussten, dass mit einem neuen Anstrich nicht alles getan und mehr als ein paar neue Klangfarben nötig sein würden, um sich wieder unter dem eigenen Band-Dach heimisch zu fühlen.

Die Risse zogen sich vor allem durch das Innere der ausgelaugten Bandmitglieder, die sich beim Touren mit ihrem bis dato erfolgreichsten Album »Shields« schlicht übernommen hatten. Bassist und Produzent Chris Taylor zieht Bilanz: »Es war ausgesprochen wichtig für uns, wieder einige Zeit zu Hause zu verbringen und uns nicht nur als Musiker auf Tour zu fühlen. Wir mussten uns erst einmal wieder an die Vorstellung eines Privatlebens gewöhnen. Die zurückgewonnene Stabilität hat dazu geführt, dass wir überhaupt in der Lage waren, wieder miteinander Musik zu machen.«

Das Tourleben hing so schwer über den vier Köpfen, dass die Entstehung ihres fünften Studioalbums »Painted Ruins« ohne eine grundlegende Neuorientierung auf gleich mehreren Ebenen unvorstellbar gewesen wäre. Der gesamte Albumprozess wurde bewusst entschleunigt und die Achtsamkeit gegenüber sich selbst und den Bandkollegen in den Vordergrund gerückt. Ein wahres Geschenk, erklärt Daniel Rossen: »Als wir jünger waren, haben wir teilweise bis vier Uhr morgens aufgenommen. Nun haben wir realisiert, dass wir nicht in diesem festgefahrenen Muster arbeiten müssen. Erst recht nicht mehr mit Mitte 30. Vieles auf diesem Album basiert auf der Erkenntnis, erwachsen zu handeln und jeder Idee mit Respekt zu begegnen. Eine große Portion Gelassenheit gab es inklusive.«  Alte Strukturen wurden folglich aufgebrochen. Von einem Album war erst einmal lange Zeit gar keine Rede. Die Sessions in Upstate New York und Los Angeles fügten sich erst nach und nach zu einem Ganzen zusammen, und es wurde schon weit vor Betreten der jeweiligen Studios eine kreative Bilanz gezogen. »Es ging uns vor allem darum, diesen Tornado der Verwirrung, den zum Beispiel die Arbeit an ›Veckatimest‹ in uns hervorgerufen hatte, um jeden Preis zu vermeiden«, schildert Taylor den Prozess. »Wir wollten vorab sichergehen, genügend Material zusammenzuhaben, auf das wir uns alle einigen konnten, um dann zwei Wochen lang an einem isolierten und schönen Ort miteinander abzuhängen. Auch bei ›Shields‹ gingen wir diesen Schritt viel zu früh. Alles fühlte sich zu heiß und ungemütlich an und hat uns völlig verrückt gemacht.«
Davor und dazwischen gönnte sich jedes Bandmitglied auf seine Weise Distanz von Grizzly Bear. Taylor zum Beispiel verbrachte ein ganzes Jahr in Berlin – und wurde zum regelmäßigen Berghain-Gänger. Aller Angst vor den finster dreinblickenden Türstehern zum Trotz, wie er uns verriet: »Ich habe es geliebt, dort zu tanzen, und wurde nur ein Mal abgewiesen. Man muss einfach aussehen, als wäre man nur zum Tanzen da, und darf sich nicht von den angsteinflößenden Typen einschüchtern lassen.« In dieser Zeit überwand er den typischen Touri- oder Expat-Blick und bringt die Stadt heute ganz gut auf den Punkt: »Berlin ist etwas schwer zu knacken. Ich habe mich manchmal ein bisschen komisch gefühlt, als ich dort gelebt habe, aber gleichzeitig hat dieser kleine Kampf mich sehr bereichert und meine Liebe zu Berlin intensiviert.«

Zurück in den Vereinigten Staaten konnte Taylor dann mit neu gewonnener Energie und einigen Songskizzen im Gepäck zusammen mit seinen Freunden Ed Droste, Chris Bear und Daniel Rossen wieder zu den Instrumenten greifen. In seinen Augen war das nicht selbstverständlich: »Hätte jeder von uns nicht die nötige Zeit gehabt, einmal den Fokus auf das eigene Ich zu legen, glaube ich kaum, dass wir jemals wieder als Band zusammengefunden hätten.« Doch so war der Grizzly-Mojo zurück, und Chris Taylor konnte in seiner Rolle als Produzent langsam vorfühlen, ob die Weichen für »Painted Ruins« richtig gestellt waren. Voller Hoffnung und mit genügend Berghain-Adrenalin im Blut klopfte Taylor immer wieder beim Rest der Band an. Bis er schließlich alle so weit motiviert hatte, es erneut musikalisch miteinander zu versuchen: »Ein Teil von mir fängt irgendwann immer wieder an, sich zu den anderen in der Band vorzutasten. Das geht nur mit viel Respekt voreinander und einem Gespür dafür, die Dinge so zu navigieren, dass es sich am Ende gut für alle Beteiligten anfühlt.«
Die politische Entwicklung in ihrer Heimat USA sorgte während der Entstehung bereits für genug Unbehagen, kommentiert Daniel Rossen die Lage: »Alle versuchen, hoffnungsvoll zu bleiben, aber am liebsten würde ich die Zähler auf Null zurückdrehen.« Nach wie vor bestimmen zwar nicht politische Ereignisse die neuen Grizzly-Bear-Stücke, sondern die Nuancen zwischenmenschlicher Irrungen und Wirrungen. Und doch hat die Band den Drang, politisch aktiv und wachsam zu sein. Das betont Chris Taylor noch einmal ausdrücklich: »Die momentane politische Situation in den USA ist ein gottverdammtes Desaster. Es ist unmenschlich und falsch. Dagegen vorzugehen ist absolut notwendig. Man muss dem ganzen Wahnsinn irgendeine Form von positiver Energie entgegensetzen. Wenn du all das Schreckliche einfach nur absorbierst, wirst du davon aufgefressen. Darum werden wir auch in Zukunft weiterhin unsere Stimme erheben und uns in dieser Richtung engagieren.«

Grizzly Bear

Painted Ruins

Release: 18.08.2017

℗ 2017 Grizzly Bear Music, LLC, under exclusive license to RCA Records

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