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Stürme und Katzen

Gisbert zu Knyphausen im Gespräch

Eine Platte auf Leben und Tod sei sein neues Album geworden, sagt Gisbert zu Knyphausen. Auf »Das Licht dieser Welt« verarbeitet der Liedermacher die Höhen und Tiefen der vergangenen fünf Jahre. Verena Reygers traf ihn in seiner alten Heimat Hamburg und knibbelte mit ihm an den frischen Narben.
Geschrieben am
Orkan über Hamburg: Auf dem Weg zum Interview mit Gisbert zu Knyphausen radele ich an entwurzelten Bäumen vorbei, der Nahverkehr ist fast vollständig zum Erliegen gekommen, sogar Tote hat Orkan Xavier hinterlassen. Aber jetzt, nach dem Sturm, klart der Himmel auf und wirft sein Licht auf ein zerrupftes Stück Welt, das sich langsam wieder berappelt. Es ist die perfekte Allegorie zu »Das Licht dieser Welt«, dem ersten Album von Gisbert zu Knyphausen seit sieben Jahren: der alles entwurzelnde Sturm, die Stille danach und schließlich das Licht. »Stimmt«, nickt zu Knyphausen, »das ist irgendwie alles drin in diesem Album.« – Diesem Album, das der Wahl-Berliner sogar »eine Platte auf Leben und Tod« nennt. Dessen Geschichte kann nicht nach vorne gehen, ohne den Blick nach hinten zu richten.  

Nach zwei erfolgreichen Soloalben gründet zu Knyphausen 2011 mit dem Hamburger Songwriter und Künstler Nils Koppruch das Duo Kid Kopphausen. Im August des folgenden Jahres veröffentlichen sie ihr Debüt »I«, nur zwei Monate später stirbt Koppruch völlig überraschend. Ein Verlust, der die Hamburger Kunst- und Musikszene bis heute schmerzt. »Das war schon eine ganz schön dunkle Zeit«, erinnert sich zu Knyphausen. »Ich habe einen guten Freund verloren, aber auch die Band, mit der wir das kommende Jahr geplant hatten, war weggebrochen, weshalb ich mich nicht so in die Arbeit stürzen konnte, wie das vielleicht andere in so einer Phase machen würden.«
Statt zu arbeiten oder auf Tour zu gehen, zieht sich der Musiker fast völlig zurück. »Das erste Jahr war hart, und dann ging es stetig aufwärts, aber ich hatte trotzdem noch nicht die Ambitionen gefunden, ein neues Album zu machen.« Stattdessen unterstützt er seinen alten Kumpel Olli Schulz auf Tour – am Bass. »Ich bin kein Bassist, aber für Olli Schulz reicht es«, lacht zu Knyphausen dieses verhalten-heisere Lachen, das nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen will. Es folgen eine vom Goethe Institut initiierte Reise in den Iran, das Kinderlied »Immer muss ich alles sollen« sowie mit Husten ein gemeinsames Bandprojekt mit Moses Schneider und Der Dünne Mann. »Ich habe mich schon zwischendurch gefragt, ob ich nicht noch mal einen ganz anderen Weg einschlage«, gibt er zu, »aber ich habe nichts gefunden, das mich so begeistert wie die Musik.«

Also beginnt zu Knyphausen vor zwei Jahren ernsthaft, Songs für ein neues Album zu schreiben. Darunter vieles, das von den Jahren davor und dessen unterschiedlichen Gemütslagen geprägt ist. »Das Licht dieser Welt« ist, wie sollte es anders sein, eine melancholische Platte geworden, die sich aber überraschend versöhnlich mit dem Leben zeigt. So taucht ein Wort wie »frei« immer wieder auf, vor allem in Songs wie »Niemand« oder »Unter dem hellblauen Himmel«, wo zu Knyphausen die verschiedenen Interpretationen des Freiseins auslotet – bis hin zum Tod: »Du darfst gehen, du bist frei.«

»Wenn man es negativ betrachten will, ist der Tod die Freiheit vom Kampf des Lebens. Nach dem Motto: ›Nur im Tod kannst du ultimativ frei sein – oder wenn du komplett verrückt wirst‹, wie Conor Oberst es mal formuliert hat.« Und dann lacht er wieder, in der Gewissheit, dass Glück nur die eine Seite der Medaille ist, dass das aber auch in Ordnung ist.
Befreit hat sich der 38-Jährige auch musikalisch. Statt an der Gitarre hat er viele Songs am Klavier komponiert. Es gibt zwei Stücke mit englischem Text, die Band ist neu und wurde um Vibrafon, Trompete, Posaune und Synthesizer erweitert. Für die Aufnahmen wurde nicht alles live eingespielt, sondern unter anderem vom Produzenten Jean-Michel Tourrette liebevoll und ohne Zeitdruck am Computer arrangiert. Würde man zu Knyphausen nicht besser kennen, man würde den Trost, den diese Platte mit Beats, Claps und Spannungsbogenrhythmik verspricht, beim ersten Hören in die Neo-Biedermeier-Schublade stecken.   Der versöhnliche Grundton auf »Das Licht dieser Welt« war zu Knyphausen anfangs gar nicht bewusst. »Beim Songschreiben dachte ich eher: ›Mann, das ist ja doch wieder ganz schön traurig.‹ Ich habe gar nicht gemerkt, wie optimistisch viele der Songs eigentlich klingen.«

Selbst »Kommen & Gehen«, ein Schlüsselsong auf dieser Platte, der sich mit Geburt und Tod beschäftigt, schlägt den Bogen vom Lebensende der eigenen Großmutter zu der Frage, wie es ist, »wenn wir in diesem Wettrennen in das Licht durch die Ziellinie sind«. Auf die Textzeile angesprochen, zuckt zu Knyphausen mit den Schultern: »Ich selbst habe gar keine so große Angst vor dem Sterben, ich bin eher neugierig – ohne todessehnsüchtig zu sein –, was danach kommt.« Denn »Etwas Besseres als den Tod finden wir überall«; zu Knyphausen hat den Song seines Freundes Koppruch zu Ende geschrieben und aufgenommen – ein rastlos rhythmisches Stück, »ein typischer Nils-Song mit einfachen Aufzählungen, die in ein Märchenzitat münden, durchaus positiv und humorvoll«.

Es ist das vorletzte Stück auf dieser Platte, mit der zu Knyphausen sich zurück ins Leben gekämpft hat. Mit der rein instrumentalen Klavierimpression »Carla Bruno« gleitet man fast leichtherzig aus dem Album. Der Titel ist übrigens nicht die Verballhornung einer französischen Chansonsängerin und ehemaligen Première Dame, sondern der Name einer Katze an einem von zu Knyphausen sehr geschätzten Ort in Südfrankreich. Der ungewöhnliche Name rührt daher, dass die Besitzer die Katze Bruno getauft hatten, um dann festzustellen: »Mist, ist gar kein Junge.« »Es war mir wichtig, dass nach dem Song von Nils noch ein Stück kommt, aber ohne, dass dann noch etwas gesagt werden muss«, erklärt er. Denn – was soll man noch sagen – nach der Stille kommt das Licht. 

Gisbert zu Knyphausen

Das Licht dieser Welt

Release: 27.10.2017

℗ 2017 [PIAS] Recordings Germany

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