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Generationentreffen der Krautrocker

Michael Rother trifft Fujiya & Miyagi

Michael Rother hat Krautrock mit Neu! in den 1970ern zu höchstem internationalen Renommee verholfen. Fujiya & Miyagi transportieren dessen Motorik-Beat leichtfüßig in die Gegenwart. Henrik Drüner belauschte das Aufeinandertreffen zwischen den Generationen in Hamburg.
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Michael Rother hat Krautrock mit Neu! in den 1970ern zu höchstem internationalen Renommee verholfen. Fujiya & Miyagi transportieren dessen Motorik-Beat leichtfüßig in die Gegenwart. Henrik Drüner belauschte das Aufeinandertreffen zwischen den Generationen in Hamburg.

Während nebenan in den Ausstellungsräumen der britische Fotograf Paul Graham mit seiner Retrospektive die Fotoästhetik der Nachkriegsära zwischen Sozialdokumentation und Kunst inszeniert, ist Zeit in der Bibliothek der Hamburger Deichtorhallen ein sehr relativer Begriff. So erzählt der 60-jährige Gitarrist Michael Rother im Gespräch mit David Best und Steve Lewis von Fujiya & Miyagi wie selbstverständlich, dass er zwischen 1976 und 1998 kein einziges Konzert gegeben habe.

Dennoch: Rother ist als ehemaliges Mitglied von Kraftwerk, Neu! und Harmonia ein perfekter Leumund für die heterogene Krautrock-Stilistik. Nach fast 40 Jahren sind die einstigen Provokateure an die heutige Musikavantgarde angedockt. Dass ihr Sound seit einigen Jahren angesagter ist denn je und von etlichen Bands adaptiert wird, beweist nicht nur die Compilation »Brand Neu!«, auf der so unterschiedliche Krautrock-Sympathisanten wie Oasis, Ciccone Youth, Primal Scream, Foals oder LCD Soundsystem vor Rothers Band den Hut ziehen.

Ebenfalls vertreten: Fujiya & Miyagi aus Brighton. Seit 2000 dominieren bei dem Quartett der typische Can-Beat und minimale harmonische Wendungen - aktuell anzuhören auf ihrem vierten Album »Ventriloquizzing«. Der sympathische Nebeneffekt im Sechs-Augen-Gespräch: Vor lauter Verehrung gegenüber Rother vergessen Best und Lewis völlig ihre Promotion-Pflichten, sind viel zu sehr am Insiderwissen des Protagonisten interessiert, zumal dieser auch noch von seiner gerade beendeten spannenden »Hallogallo 2010«-Tour, auf der er mit Steve Shelley (Sonic Youth) und Aaron Mullan (Tall Firs) Songs von Neu! und Harmonia spielte, berichten kann.
Drei Musiker, zwei davon Fans, eine intensive Stunde Dialog-Pingpong.

SL: Michael, wie lief die Tour?

MR: Ich bin so müde. 33 Konzerte in einem Jahr, quer durch alle Jahreszeiten. Buenos Aires, New York, Malmö und zuletzt am Wochenende in Istanbul. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich immer den warmen Regionen den Vorzug geben.

DB: Wir geben ja über 100 Konzerte im Jahr - nur so kann man heutzutage als Musiker noch Geld verdienen.

MR: Ich hatte wirklich tolle Musiker um mich herum. Steve Shelley ist ein unglaublicher Schlagzeuger, so kraftvoll, präzise, die Leute im Publikum drehen durch. Alles hat seine Berechtigung in seinem Spiel. Wie bei Jaki Liebezeit [Can-Drummer] ist jeder einzelne Schlag wichtig. Auf Tour bestätigte sich wieder einmal, dass der Sound im Ausland mehr geschätzt wird als bei uns.

In Deutschland hatten wir das am wenigsten enthusiastische und älteste Publikum, genau wie bei Neu! und Harmonia. Und: Es kommen zu viele Männer. In anderen Ländern sind die Zuschauer jünger, und es gibt eine bessere Geschlechtermischung.

SL: Ist doch immer schön, wenn Frauen zu den Shows kommen. Männer gucken aufs Equipment, starren vor sich hin. Das hat eher wenig Spaßpotenzial.

MR: Jetzt lasst uns über euch sprechen. Ihr habt ein neues Album. Was auffällt: Es ist absolut reduziert. Ich muss mir das noch wesentlich öfter anhören. Bei mir ist alles viel zugemüllter mit Sounds, übereinandergelagerten Spuren, alles verschwimmt.

SL: Wir waren früher teilweise sogar noch minimaler, mit nur einer Gesangs-, Bass- und Drumspur. Diesmal nutzten wir etwas mehr, aber du hast recht, es ist sehr komprimiert. Nachdem wir zu Beginn stark mit Referenzen gearbeitet haben, konzentrieren wir uns jetzt darauf, etwas Eigenes zu schaffen. Aufgenommen haben wir in Sacramento und Los Angeles bei Thom Monahan. Du kennst ihn vielleicht durch seine Arbeiten mit Devendra Banhart oder Vetiver ...

MR: Nein. Aber selbst ein nichtmusikalischer Hörer kann bei euch nachvollziehen, was passiert. Es klingt so, als könntet ihr den Albumsound exakt auf der Bühne rekonstruieren.

DB: Wir versuchen es. Zu viert geht es sicherlich einfacher [Fujiya & Miyagi sind durch das Hinzukommen von Matt Hainsby und Lee Adams mittlerweile ein Quartett]. Nur für mich als Schlagzeuger ist es hart, die leiseren Gesangsparts zu singen.

Woher kommt denn bei Fujiya & Miyagi die Affinität für Krautrock und generell die Vintage-Faszination?

DB: Der Sound der Platten ist fantastisch, unabhängig von der Musik. Darüber hinaus war es für mich einfach die Erkenntnis, dass ein Song nicht aus Strophe, Refrain, Strophe, Bridge, Refrain bestehen muss. Dass ein Song auch aus einem Akkord bestehen kann. Die Krautrock-Ära steht für mich für ein ganz anderes Songwriting. Man merkt vielen Veröffentlichungen der letzten Jahre an, dass ein Bedürfnis nach der Wärme von Analogequipment besteht. Das hat Thom Monahan unterstützt. Du hattest wahrscheinlich auch so einen Fuhrpark, oder?

MR: Überhaupt nicht. Für das erste Neu!-Album benutzten wir nur Gitarre, Bass, Fuzz, WahWah, ein Delay, eine Dynacord Echolette und einen Equalizer, aufgenommen auf 8-Spur-Band. Heutzutage schreibt ihr richtige Songs, in den 70er-Jahren machten wir einfach drauflos. Eine Spur nach der anderen. Erst wurde die Basis gelegt, beispielsweise von der Gitarre. Entscheidend war, wie im Anschluss die Effekte eingesetzt wurden.

Michael, hast du damals denn schon mit dem legendären Fairlight CMI, dem ersten digitalen Synthesizer mit Sampling-Technologie, gearbeitet?

MR: Der kam erst zehn Jahre später für die Solosachen »Lust«, »Süssherz & Tiefenschärfe« und »Traumreise« [zwischen 1983 und 1987]. So ein verrücktes Instrument! Man konnte zu der Zeit für den Preis ein Haus kaufen. Ich sah den Film »Liquid Sky«, hörte die Sounds und dachte: Wow! Ich fuhr also nach München und kaufte mir ein Exemplar. Er ist so laut!

Ich baute eine Art Hundehütte, damit man überhaupt noch die Musik hören konnte. Zum ersten Mal konnte ich Orchesterklänge und einen Sequenzer verwenden. Ich verbrachte Wochen damit, die Programmiersprache zu lernen, vertiefte mich in die Anleitung. Mittlerweile hat dieses Experimentieren mit Geräten an Bedeutung verloren. Wenn John Frusciante zu Gast ist, möchte er aber immer sofort damit arbeiten.

SL: Habt ihr als Hallogallo denn auch ein Album zusammen eingespielt?

MR: Wir haben viel mitgeschnitten, Ideen aufgenommen. Aber ich brauche Zeit dafür. Was auf der Tour auffiel: Es wurden sehr viele Bootlegs zu den Konzerten mitgebracht. In den Neunzigern, als Klaus [Dinger, Neu!-Schlagzeuger; verstarb 2008] und ich stritten, hatten diese Gangster so viel Erfolg damit, irgendwelche scheinbaren Neu!-Aufnahmen auf CD zu verkaufen.

SL: Heute ist es mit illegalen Downloads ein ähnlicher Fall. Gerade heute Morgen haben wir gesehen, dass unser Album bereits runtergeladen werden konnte - und dabei kommt es erst in einigen Wochen raus. Echt frustrierend!

Was ja nicht jeder weiß: Herbert Grönemeyer ist es zu verdanken, dass die Neu!-Alben wieder alle verfügbar sind auf seinem Label Grönland.

MR: Das Interessante ist: Im Ausland muss man erst mal erklären, wer Herbert ist. Hier kennen von zehn Leuten sicher neun seinen Namen, und sieben haben Platten von ihm zu Hause. Er war so ein Glücksfall für uns! Ich weiß nicht, ob ihr seinen Hintergrund kennt: Seine Frau starb, sein Bruder starb, und er war komplett blockiert, konnte keine Musik machen. Aber er ist so ein energetischer Typ, der einfach ein Ventil braucht. Das wurde das Label.

SL: Hat er dazu geführt, dass du dich mit Klaus Dinger wieder vertragen hast?

MR: Das ist nicht so einfach. Wir sprachen mit ihm über die Problematik, setzten ihn ins Bild. Klaus entschuldigte sich für gewisse Sachen. Ich meine, Klaus starb vor zwei Jahren, da möchte ich nicht so gern ... Die Entschuldigung war zumindest nicht hundertprozentig ernst zu nehmen. Meiner Meinung nach war es eine taktische Entscheidung. Ihr habt Klaus nie getroffen? Okay, er war ein Getriebener, leicht paranoid. Er hatte ständig die Befürchtung, von Leuten ausgetrickst zu werden.

Er misstraute jedem - nur ich gehörte aus irgendeinem Grund nicht zu den Gangstern. Herbert schaffte es mit seiner sympathischen Art und dem hartnäckigen Wunsch, Neu! herauszubringen, uns zu überzeugen. Wir hatten komplette Kontrolle, anderthalb Jahre lang, konnten alles entscheiden. Ich erinnere mich daran, wie Klaus den Typen im Metropolis Studio in London, also einen Experten, immer wieder anschrie. Das war sein Stil. Wir krochen über die Ziellinie. Erst später erfuhr ich, dass Klaus eine Woche vor Release bei Herbert angerufen und ihn gefragt hatte: »Wirst du die Veröffentlichung stoppen, oder willst du, dass ich zu meinem Anwalt gehe?« Die Verantwortlichen von Grönland sagten daraufhin: »Okay, dann geh.«

Wieder getroffen habe ich Klaus bei Promotionterminen. Er wollte eine Welttournee, war gigantomanisch. Ich bremste die Euphorie. Aber normales Sozialverhalten war nicht mehr möglich bei Klaus. Im Stil von: »Ja, ich hab das gestern versprochen, aber das interessiert mich heute nicht mehr.« In den 80er-Jahren waren Drogen auch seine ständigen Begleiter. Er schrieb auf seiner Website, dass er stolz darauf war, mehr als 1000 LSD-Trips genommen zu haben. Er war ein tougher Mensch, aber die Situation verschlechterte sich.

DB: Es war also nur die Musik, die euch verband?

MR: Sein Hauptproblem: Er wartete nicht darauf, dass er angegriffen wurde, sondern suchte den ersten Schlag. Man muss auch ehrlich sagen, dass er ein super Schlagzeuger war. Voller Energie. Dadurch auch magisch, beispielsweise beim Song »Hero« [auf "Neu! 75"]. Er brauchte dafür nur einen Take. Conny [Konrad »Conny« Plank, legendärer Produzent, vor allem bei Kraftwerk, Neu! und Cluster; verstarb 1987] und ich hörten ihm bei den Aufnahmen zu, schauten uns an und wussten: Nichts konnte besser gespielt werden.

SL: "Neu! 75" war ohnehin mein Lieblingsalbum, mit diesen zwei verschiedenen Seiten ...

MR: Auch ein Resultat der Auseinandersetzungen. Klaus wollte zwei ständige Schlagzeuger, mehrere Gitarren, er wollte an den Bühnenrand, was als Drummer sonst nicht möglich gewesen wäre. Ich war an einem zweiten Drummer nicht interessiert. Also fanden wir einen Kompromiss: Wir fingen nach seiner Version an, eine Woche lang. Als wir wechseln wollten, wusste er von nichts mehr. Wir stoppten die Aufnahmen für einen kompletten Tag, saßen schweigend nebeneinander im Studio. Am Ende sah er ein, dass ich nicht beigeben würde. Auch bei Harmonia gab es diese Auseinandersetzungen - der Bandname war wirklich ein Witz. Da lachten wir drüber.

Intro empfiehlt das aktuelle Album: Fujiya & Miyagi - »Ventriloquizzing« (Full Time Hobby / Rough Trade)

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