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Geiselfahrt unter Freunden

Egotronic

Was passiert, wenn man das „flagship der anti-german youth“ Egotronic auf eine Reise nach Hause schickt, in die Dörfer und Kleinstädte der Nation, da, wo Deutschland ganz bei sich ist?
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Was passiert, wenn man das „flagship der anti-german youth“ Egotronic auf eine Reise nach Hause schickt, in die Dörfer und Kleinstädte der Nation, da, wo Deutschland ganz bei sich ist? Ihr zum Wahnsinn neigendes Label Audiolith lud zur Dorfdisco-Geiselfahrt, Intro war natürlich dabei: Aida Baghernejad hat sich Torsun, Endi und KT&F mal vorgenommen.

Wer Deutschland verstehen will, wird oft gesagt, sollte nicht in die großen Medienstädte fahren, nicht nach Hamburg, Köln oder München. Die "Seele" des Landes findet man in den Dörfern, Kleinstädten und suburbanen Wohngebieten. Alles, was Deutschland ausmacht, Herzlichkeit und Xenophobie, technische Innovation und kleinbürgerliche Enge, Streuselkuchen und heruntergelassene Rollos, findet man eher in den sanften Hügeln Schwabens als in Berlin-Kreuzberg. Und schließlich sind die meisten kreativen Kids, die in den Großstädten die Welt von morgen entwerfen, auch nur Zugezogene. So hat auch das Mastermind von Egotronic, Torsun, seinen Rave gegen Deutschland nicht etwa in Berlin begonnen, sondern in einem kleinen Luftkurort im südhessischen Niemandsland, wo es noch wirklich was zu hassen gibt.

Mit der Dorfdisco-Tour kommt ihr ja in gewisser Weise auch wieder zu den Wurzeln zurück. Hat dich deine Jugend auf dem Dorf beeinflusst in deiner Musik?
T: Es war Notwehr! Als Teenager im Kaff Lindenfels war ich verhasst, weil ich mir mit zwölf das erste Mal die Haare grün gefärbt habe. Für mich war "Dorf" eigentlich immer so ein ganz großes Hassteil. Geht gar nicht. Als ich klein war, sind die Leute dort Mofa gefahren, haben grüne Bomberjacken getragen, braune Wildleder-Cowboystiefel und Vokuhila-Frisuren. Natürlich fanden die mich scheiße. Das war damals Dorf, das war Hass, totaler Hass.

Aber früher ist jetzt lang vorbei, und in Döbeln, dem ersten Stopp unserer Wahnsinnsfahrt, ist das Publikum völlig ausgerastet und hat fast den Laden zerlegt. Nur ein paar Kilometer von Mügeln entfernt feierte das Publikum Textzeilen wie "Unseren Frieden mit Deutschland haben wir immer noch nicht gemacht" gnadenlos ab. Torsun brachte seine besten Rockstar-Posen, während Döbeln einfach nicht genug bekam - erst nach zwei Zugaben durften Egotronic die Bühne verlassen.

Ich hätte gar nicht gedacht, dass ihr so eine Fanbase in der Provinz habt ...
T: Wir wissen, dass es ganz viele Fans auf den Dörfern gibt. Wir haben immer viel in der Provinz gespielt. Gerade im Osten kommen Leute, die eben keine Nazis sind, zu unseren Konzerten und finden es geil, dass da jemand hinkommt, der "moderne" Musik macht und den Leuten aus der Seele spricht. Wir sind oft in der Gegend gebucht für Soli, zum Beispiel in Mügeln. Einfach, weil klar ist: Fuck, die sind da echt auf verlorenem Posten, die Leute, die eben nicht rechts sind.

Ist die Dynamik und Energie vom Publikum auf dem Dorf anders?
T: Gar nicht. Die freuen sich, wenn Leute da sind, fahren ab. Wie in Hamburg auch.
K: Nee, das ist schon auch total unterschiedlich. Manchmal gibt es in einem Dorf, von dem man noch nie was gehört hat, eine unfassbare Dynamik im Saal, und manchmal ist es in irgendeiner größeren Stadt viel lahmer.

Im Bus riecht es nach Bier, Red Bull und Schweiß, alle gefühlte fünf Minuten wird für eine Raucherpause angehalten, denn zu den wenigen Regeln im "Fidibus" gehört das Rauchverbot. Alle sind müde vom vorigen Abend, manche sind gleich komplett wach geblieben, andere wurden wach gehalten. Streuner von Frittenbude beispielsweise, der es eigentlich mag, mit Egotronic auf Tour zu gehen: "Solange Torsun keine Texte von den Ärzten wiedergibt, stundenlang, morgens, wenn man schlafen will."

Auf der nächsten Seite: Fortsetzung des Interviews.

Was passiert, wenn man das „flagship der anti-german youth“ Egotronic auf eine Reise nach Hause schickt, in die Dörfer und Kleinstädte der Nation, da, wo Deutschland ganz bei sich ist? Ihr zum Wahnsinn neigendes Label Audiolith lud zur Dorfdisco-Geiselfahrt, Intro war natürlich dabei: Aida Baghernejad hat sich Torsun, Endi und KT&F mal vorgenommen.

Wie kommt man eigentlich auf die Idee, so eine Tour zu organisieren? Labelchef Lars Lewerenz drückt es pragmatisch aus: "In Städten feiern ist auch immer gut, aber auf dem Land feiern ist einfach besser." Und was für einen besseren Anlass gäbe es, als dass die neuen Alben von Bratze, Frittenbude und natürlich Egotronic alle im Frühjahr erscheinen?

Wie lief die Arbeit am neuen Album ab? Du warst bisher bekannt dafür, allein zu arbeiten. Hat sich das beim neuen Album geändert?
T: Nein, die meiste Zeit habe ich immer noch alleine in dem Studio gesessen. Was sich aber bei dieser Platte geändert hat, war zum Beispiel, dass der Endi oft vorbeigekommen ist, dass ich auch manchmal gesagt habe: "Hey, ich komme gerade nicht weiter." Er kam dann vorbei und hat sich eingeklinkt. Es ist das erste Mal überhaupt bei einem Album, dass ich den Text mit jemandem zusammen geschrieben habe. Und natürlich, dass öfters Gäste dabei waren, die mitgemacht haben. Aber wenn man es auf Stunden umrechnet: Die meiste Zeit habe ich trotzdem alleine verbracht.

Auf dem neuen Album ist eine unglaublich große Bandbreite an Stilen zu finden, es hat fast was von einer Compilation ...
T: Ja, es war wirklich dem Mastering und dem Mixing von Phil de Gap geschuldet, dass es überhaupt noch homogen wurde, weil es eigentlich alles so unterschiedlich war. Es musste jemand mixen und mastern, der es hinkriegt, dass die Stücke zueinander passen. Ich dachte auch am Anfang: Scheiße, da ist jetzt ein Haufen Stücke fertig, aber es passt nix zum andern.

Bei "Lustprinzip" ist klar, die Leute hören "Raven gegen Deutschland", die Leute hören "Lustprinzip". Bei dem neuen Album ist es anders, fast jeder hat einen anderen Liebling. Das finde ich eigentlich ganz geil, dass fast jeder sagen kann: "Dieses ist mein Liebstes" oder "Das finde ich geil". Ich habe meine persönlichen Lieblinge, aber dadurch, dass es so breit gefächert ist, ist für jeden was dabei.

Wie kam es eigentlich zu den ganzen Kooperationen?
[Plötzlich wird Musik laut, irgendjemand hat eine Kassette mit einem 1994er-Radiomitschnitt eingelegt. Einige, die kurz eingedöst waren, schrecken auf. Man blinzelt durch die Gegend und muss sich wieder erinnern, wo man hier eigentlich gelandet ist.]
T: MACHT MAL LEIIIISER!!! WIR MACHEN HIER EIN INTERVIEW!!!! Das war der einzige feste Plan von Anfang an, mit ganz vielen Leuten was zu machen. Es war immer so, dass es Features gab, auf jedem Egotronic-Album eigentlich, vom ersten bis jetzt. Es war ganz klar von Anfang an Programm, zu fragen, wer alles Bock hat, ich würde gerne was zusammen machen. Man wusste auch nicht, was für ein Stück dabei rauskommt. Captain Capa zum Beispiel sind eine Band, die finde ich super, und da haben wir zusammengearbeitet. Der Ashi hat eine wunderbare Stimme, da wollte ich unbedingt was machen, wo er singt.

Irgendwann kommen wir in Oelde an, einer Münsterländer Kleinstadt, aufgeräumt und so sauber, dass man bestimmt vom Asphalt essen könnte. Die komatöse Reisegesellschaft stolpert aus dem Bus. Es könnte keinen größeren Gegensatz zwischen den blitzblank geputzten Fassaden der Stadt und den Feierleichen geben. "Willkommen in der westdeutschen Vorstadthölle", sagt jemand. Es werden sich hastig Zigaretten angezündet, schließlich sind Regeln wie das Rauchverbot im Bus dazu da, eingehalten zu werden. Der Bürgermeister Karl-Friedrich Knop von Oelde wäre stolz.


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