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»Superman ist ein Idiot«

Franz Ferdinand im Interview

Es gibt zwei Dinge, mit denen man Franz-Ferdinand-Sänger Alex Kapranos ins Grab bringen kann: Wenn man in seiner Gegenwart die Worte »New Wave« oder »Britpop« in den Mund nimmt und die Erwähnung seines Ex-Kollegen Nicholas McCarthy, der die Band im vergangenen Jahr verlassen hat. Zwar äußert sich Alex nur positiv über Nicks Entscheidung, dennoch muss er im Anschluss an die Frage zum Asthmaspray in seiner Tasche greifen. Glücklicherweise konnte Leonie Scholl für den Rest des Interviews das Cortisol-Level von Alex und Band-Neuzugang Julian Corrie niedrig halten.
Geschrieben am
»Always Ascending« klingt beinah wie ein Schlachtruf oder wie ein etwas pathetisches Firmenmotto. Was bedeutet der Albumtitel für euch?
Alex: Es ist die Wiedergeburt einer Band. Der Beginn eines neuen Jahrzehnts für Franz Ferdinand, ein neuer Sound, der aber noch die DNA von dem trägt, was die Band immer ausmachte. Wir wollten einen Sound für 2018 machen, den noch niemand vorher gehört hat. Eine raue Rock’n’Roll-Platte, aber mit dem Spirit zeitgenössischer Dance-Musik.
Julian: Wir wollten das Beste beider Welten haben. Das Album wurde live gespielt und auch live aufgenommen. Es trägt also die Energie und Emotion von Leuten, die wirklich miteinander gespielt haben und nicht nur so tun, als ob.  

Wie lief bei diesem Arbeitsprozess das Songwriting ab? 

A: Es war in zweierlei Hinsicht spannend, zum einen geografisch, denn wir haben die Songs im ländlichen Schottland geschrieben, in der vollkommenen Isolation. Dann sind wir nach London gegangen, um das Album mit Produzent Philippe Zdar aufzunehmen. Es gab also diesen Kontrast zwischen der Abgeschiedenheit in der Natur und der urbanen Intensität. Zum anderen war die Art interessant, wie wir gearbeitet haben. Es gab eine lange Phase der Vorbereitung. Nach dem Schreiben haben wir sechs bis acht Monate lang geprobt und gelernt, es zusammen zu spielen. Und dann kam diese sehr kurze Dauer der Ausführung. Das Aufnehmen hat nur sechs Tage gedauert, war also genau das Gegenteil von dem, wie man es heutzutage normalerweise macht. Wir lieben das gigantische Sound-Spektrum der Musik heute, man kann viel mehr machen als eine Rockband vor 30 Jahren. Andererseits können wir das Überprogrammieren und Überkorrigieren nicht leiden. Es nimmt die Menschlichkeit aus der Musik.

Welchen Einfluss hatte euer Produzent auf das Album? 

A: Philippe ist wie der crazy Freund, mit dem man abends weggeht und dann viel verrücktere Sachen macht als normalerweise. Er hat uns dazu ermutigt, Dinge zu tun, die wir sonst nicht getan hätten. Und genau das brauchten wir. Wir wollten gepusht werden und hinter unsere Grenzen kommen. Außerdem hat Philippe einen großartigen Geschmack und ist ein Meister seiner Kunst. Er ist ein toller DJ, er kommt vom Dancefloor. Er versteht die Dynamiken und die Power von Tanzmusik. Aber er schätzt genauso sehr rohen Rock’n’Roll. 
J: Wir haben als Band so lange geprobt und aufeinander gehangen. Es war genau das richtige Timing, als er dann dazukam und einen Blick von außen und seine spezielle Magie mit einbrachte. Er hörte die Songs und war direkt enthusiastisch. Es war eine glückliche Fügung.
Für wie wichtig haltet ihr elektronische Parts in der heutigen Popmusik? Gerade im Indie- und Rockbereich wird ja oft gemeckert, dass Pop deshalb heute oft so artifiziell klänge. 
A: Mir ist es völlig egal, was für ein Instrument man benutzt. Ob man nun Banjo spielt oder einen modularen Synthesizer, man muss nur etwas Innovatives damit machen. Oder etwas emotional Ehrliches oder etwas, das einfach nur cool ist und dich tanzen lässt. Elektronische Musik ist ja auch nichts Neues mehr. E-Gitarren wurden Anfang der 1930er erfunden, Keyboards Ende 1930. Es gibt also keinen so großen zeitlichen Unterschied. Und selbst der Computer ist eine Erfindung aus den 1950ern. Es gibt nicht so viel Neues an der Technik, es geht darum, was du damit machst. Das Wichtige ist dein Gehirn, deine Persönlichkeit.

Julian, du als »der Neue«: Wie war das für dich, jetzt ein Teil von Franz Ferdinand zu sein, die ja zuvor ein fest zusammengewachsenes Bandquartett bildeten?

J: Als die erste Single rauskam, war ich 18 oder 19 Jahre alt, und seitdem habe ich die Band gemocht und ihren Werdegang verfolgt. Ich hatte das Gefühl, dass wir die gleichen Ideen und Einflüsse haben. Als wir uns zum ersten Mal trafen, haben wir darüber geredet, was wir an Musik mögen und was nicht. Ich war schon immer an Pop und Songwriting interessiert, aber mit einem strangen Twist. Es ist schwer, einen Popsong zu schreiben, der sowohl eingängig ist und hängen bleibt, aber gleichermaßen etwas darin passiert, das du so nicht erwartest. Das kann viel härter sein, als bewusst experimentelle Musik zu machen. Und ich habe gemerkt, dass die Jungs das genauso sehen wie ich. Es war wie ein gutes Date, man hat einfach gemerkt, dass es passt. 
A: Uns war Ehrlichkeit am wichtigsten. Als Band verbringst du so viel Zeit miteinander. Wir haben für Monate zusammen gelebt, füreinander gekocht und miteinander gearbeitet. Man muss sich einfach verstehen. Wenn man auf sozialer Ebene nicht miteinander klarkommt, funktioniert es auch musikalisch nicht. Es macht keinen Sinn, mit jemandem in einem Raum zu sein, der super spielen kann, aber einfach ein Idiot ist und man ihn nicht reden hören will oder, noch schlimmer: der widerwärtig ist und dich verarscht.  

Es gab noch eine Änderung im Line-up: Dino Bardot unterstützt euch jetzt an der Gitarre. Was ändert sich dadurch? 

A: Ich spiele immer noch bei einigen Songs Gitarre, aber ich freue mich jedes Mal auf Lieder wie »Finally« oder »Feel The Love Go«, bei denen ich nur singen muss und mich komplett darauf konzentrieren kann, ohne Ablenkung. Gleichzeitig Gitarre zu spielen und zu singen ist, wie zu telefonieren und gleichzeitig etwas anderes zu machen, zum Beispiel ein Ei zu kochen. Die Konversation ist einfach nicht so fokussiert. Also nehme ich die Pfanne runter und rede einfach nur.  J: Dino brät jetzt das Ei.
 
Ich hoffe, er ist ein guter Koch. Mein Lieblingssong auf dem neuen Album ist »Lois Lane«. Seid ihr große Comicfans, oder wovon wurde er inspiriert? 
A: Wir wollten über einen Charakter schreiben, der emotional ehrlich und stark ist, uns dabei aber nicht so sehr von persönlichen Erfahrungen beeinflussen lassen. Es war eher so, wie einen Roman oder ein Drehbuch zu schreiben. Wir wollten diese coole, starke Frau thematisieren. Und da kam uns Lois Lane in den Sinn. Als ich den ersten Superman-Film gesehen habe, war sie für mich der stärkste Charakter. Superman ist überhaupt nichts dagegen. Also klar, er hat diese magische Power, und er kann Laser aus den Augen schießen. Aber sie ist die wahre Persönlichkeit. Und genau das wollten wir in diesem Song zeigen. Der männliche Charakter ist dagegen eher ein Idiot. 
J: Es ist ein ziemlich realistisches Bild von männlich-weiblichen Beziehungen. Superman versagt ständig, und dann kommt Lois Lane vorbei und löst alle Probleme.

Und der Song »Lazy Boy« – ist er autobiografisch? 
A: Er ist komplett autobiografisch. Ich habe das Stück geschrieben, während ich auf dem Bett meiner Freundin lag, um elf Uhr morgens, als sie schon seit zwei Stunden auf der Arbeit war. Ich sang es mir selbst vor und habe es mit meinem Handy aufgenommen. Es war die Grundlage für das, was wir später daraus gemacht haben. Ich bin da ganz ehrlich: Es ist gut, diese Momente im Leben zu haben, an denen man einfach nichts macht und dieses Nichtstun genießt. Es befreit deine Gedanken, und man kommt auf neue Ideen. Die Ironie dabei ist: Das Stück ist verdammt hart zu spielen. 
J: Ja, ich bin immer völlig aus der Puste danach. Vielleicht sollten wir mal einen Song übers Rennen schreiben und den richtig langsam spielen.

Franz Ferdinand

Always Ascending

Release: 09.02.2018

℗ 2018 Domino Recording Co Ltd

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