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First Lady

Sibel Kekilli

Sibel Kekilli spielte 2012 eine der wichtigsten Rollen in der besten Serie des Jahres. Wolfgang Frömberg sprach mit ihr über »Game Of Thrones« und das neue Hollywood.
Geschrieben am

Wenn 2012 über die beste Serie gesprochen wurde, ging es um »Game Of Thrones«. Die Ausstattung der Kriege um die Herrschaft in den Fantasy-Königreichen von Westeros lässt Peter Jacksons »Herr der Ringe« wie Schultheater aussehen. In den ersten beiden Staffeln der HBO-Produktion wird nicht mit Liebe, Sex, Blut und Drachenbabys gegeizt. Mittendrin: Sibel Kekilli. 2004 war sie durch ihre Hauptrolle in Fatih Akins »Gegen die Wand« der Shooting-Star, jetzt hat sie sich still und leise bei den »Sopranos in Mittelerde« etabliert, gerade die dritte Season zu Ende gedreht. Wolfgang Frömberg sprach mit ihr über den Vergleich der US-Serie zum »Tatort«, über TV-Hollywood und ihren begehrten Serien-Partner Peter Dinklage. Für das Foto-Shooting mit Kathrin Spirk wagte sich die 1980 geborene Wahl-Hamburgerin ins Eppendorfer Moor, atmosphärisch passend zum Titel der allerersten »Game Of Thrones«-Folge: »Winter Is Coming«.

Sibel, weißt du noch, wo du ins Jahr 2012 reingefeiert hast?

Ja, das weiß ich noch. Aber ich mag Silvester nicht besonders. Ich finde es einfach schwierig, auf Kommando fröhlich sein zu müssen. Diesmal habe ich mir vorgenommen, Silvester weit weg zu sein.

Hast du Vorsätze?
Nein.

War für dich schon abzusehen, wie das Jahr arbeitsmäßig aussieht? Standen die Termine zu den Dreharbeiten für »Game Of Thrones« bereits fest?
So ungefähr. Die Dreharbeiten für »Game of Thrones« und »Tatort« sind meistens vorher festgelegt. Und der Rest ist sowieso nicht gerade planbar im Filmgeschäft.

Gibt es bei einer Serie wie »Game Of Thrones« tatsächlich den berüchtigten Vertrag, in dem eine Strafe festgeschrieben steht, wenn man etwas im Voraus verrät?
Ja, aber je größer der Erfolg der Serie, desto strenger werden natürlich die Regeln. In der ersten Staffel war alles noch etwas lockerer, da wir auch nicht wussten: Geht die Serie überhaupt weiter, wird es ein Erfolg oder nicht? Aber von Staffel zu Staffel werden verständlicherweise die Regeln zur Geheimhaltung größer.

Wie kriegst du das Drehbuch übermittelt?
Die Drehbücher kommen per Mail. Da steht dann aber auch noch mal drauf, dass man es nicht öffentlich diskutieren darf, es niemandem zeigen darf, wie bei jedem anderen Drehbuch auch. Allerdings ist jede einzelne Seite mit einem Wasserzeichen und in dem Fall mit meinem Namen versehen.

Bekommst du nur deine Szenen?
Nein, das ganze Drehbuch zur jeweiligen Episode. Also die Drehbücher zu den Episoden, in denen ich mitspiele.

Wie viele Drehbücher hast du denn für die dritte Staffel bekommen?
Ich verrate nichts!

HBO würde es doch nie erfahren ...
Ach, komm, niemand will einen »Spoiler« lesen!

Gehst du die Drehbücher von vorne bis hinten durch?
Ja, da ich ja wissen muss, was die letzte Szene vor meiner war und was danach passiert, und überhaupt, was in der ganzen Episode geschieht. Meistens kriege ich sogar noch eine deutsche Übersetzung meiner Szenen. HBO ist da wirklich sehr, sehr bemüht, dass die Schauspieler es so einfach wie möglich haben.

Sind die Drehtage und -orte im Buch bereits festgelegt?
Ja, so was muss ja vorher geplant werden, und es gibt ja zum Beispiel Anschlussdrehorte für die nächste Staffel. In der ersten Staffel standen Belfast, Malta und Island auf dem Drehplan. Seit der zweiten Staffel wurde Malta gegen Kroatien ausgetauscht, und Marokko kam dazu. Der Drehplan steht meistens Ende Juni, Anfang Juli fest, aber das Problem ist natürlich, dass bei so einer großen Produktion mit gleichzeitig mehreren Drehorten und fast fünfhundert Schauspielern immer etwas nach hinten oder vorne verschoben werden kann, wie bei Krankheitsfällen. Da müssen dann alle flexibel sein.

Du bist jetzt seit drei Staffeln dabei. Freust du dich nach einer längeren Drehpause auf die alten Kollegen, die noch nicht aus dem Skript gemeuchelt wurden?
Ja, und wie! Da ich das Glück habe, seit der ersten Staffel dabei zu sein, ist es am Set, wie nach Hause zu kommen. Man trifft die Regisseure, Schauspieler, Produzenten wieder und lernt auch mal Neue kennen. Und natürlich freut man sich, wenn man alte Bekannte wiedersieht und deren Rollenentwicklung auch verfolgen kann.

Du hast 2004 als Laienschauspielerin im Kino angefangen und direkt die Hauptrolle in Fatih Akins »Gegen die Wand« gespielt. Es gibt die Fußnote, dass du kurz Schauspielunterricht genommen hast.
Ja, das stimmt, aber kurz darauf habe ich mich für einen persönlichen Schauspielcoach entschieden, mit dem ich immer wieder an den einzelnen Drehbüchern arbeiten kann. Am Set von »GOT« haben wir einen Dialogcoach. Ich denke, man sollte immer wieder an sich arbeiten, ob man die Schauspielschule besucht hat oder nicht. Aber auf mein Bauchgefühl vertraue ich dennoch am stärksten.

Mit der Erfahrung im Rücken: Sind Serien, also Fernsehproduktionen, noch mal ein ganz anderes Fach als Kinofilme?
Ja, schon, da allein die Drehzeiten ganz unterschiedlich sind. Man dreht einen Kinofilm immer noch in circa 28 bis 30 Tagen. Für einen »Tatort« haben wir etwa 22 Drehtage zur Verfügung, und bei einer Serie wie »GOT« arbeitet man sowieso anders. Die Drehzeit dauert gut ein halbes Jahr, HBO nimmt sich für die einzelnen Szenen mehr Zeit. Aber es werden natürlich auch zehn Episoden pro Staffel gedreht.

Du sprichst deine regelmäßigen Auftritte als Sarah Brandt im »Tatort« an: Wie lassen sich deutsche und amerikanische Produktionen vergleichen?
Eigentlich kann man beides nicht miteinander vergleichen. »GOT« ist eine Serie, der »Tatort« eine Reihe. Es werden zwei, maximal drei »Tatorte« im Jahr gedreht. Ich mag beide Arbeiten sehr, trotz der Unterschiede. Wir haben am Set von »Game Of Thrones« nur »Running Lunch«, das heißt, dass alle, die Schauspieler und die Crew hinter der Kamera, keine Pause haben, in der sie zusammensitzen und essen, sondern es gibt ‘ne bestimmte Zeit, wo das Essen angekündigt ist, und dann wird es während der Arbeit zu sich genommen. Der Kameramann beißt kurz rein und greift wieder zur Kamera. Ich glaube, so etwas wäre hier in Deutschland allein schon wegen der Gewerkschaften gar nicht möglich. Aber ich muss trotzdem sagen, dass solche Regeln wie »Running Lunch« gut funktionieren.

Glaubst du, dass die sogenannten Qualitätsserien, die HBO produziert, vom Stellenwert her inzwischen so hoch angesiedelt sind wie Kinofilme?
HBO ist ja Hollywood. Viele amerikanische Schauspieler machen da drüben inzwischen Serien. Bestes Beispiel: Dustin Hoffman.

Als Schauspieler hat man wohl auch keine Angst mehr, durch die Festlegung auf eine Figur für andere Rollen verbrannt zu sein, wie das noch in den 80er- und 90er-Jahren der Fall war?
Nein, und das ist auch gut so. Lieber mache ich eine gute Serie oder einen guten Fernsehfilm als einen schlechten Kinofilm. Das heißt nicht, dass ich Kinofilme schlecht machen will. Ganz im Gegenteil: Ich liebe das Kino, aber dieses Grenzen-Ziehen zwischen Kino- und Fernsehschauspielern sollte bitte aufhören. Und ich glaube nicht mal, dass es die Schauspieler selbst sind, die da eine Grenze ziehen. Aber wie gesagt, auch das ändert sich. Dass meine »Tatort«-Zusage vor drei Jahren für Verwunderung sorgte, ist heutzutage zum Glück völlig überholt.

Für die Entwicklung der Charaktere, die du erwähnt hast, sind die Drehbuchautoren sehr wichtig. Hast du viel Kontakt zu ihnen?
Ja, sehr sogar. Da Dan B. Weiss und David Benioff immer am Set sind, sie sind ja auch die Produzenten der Serie, und dieses Jahr sogar bei einer Episode selbst Regie geführt haben. Außerdem bin ich gerade dabei, die beiden zu Deutschen zu machen. Ich habe ihnen schon zwei St. Pauli-Hoodies mitgebracht, weil ich Hamburgerin bin und St. Pauli immerhin zu Hamburg gehört wie der Dom zu Köln. Natürlich wussten sie erstmal gar nichts damit anzufangen, haben sich dann aber schlau gemacht und fanden die Hintergrundgeschichte zu St. Pauli sehr spannend. Sie wussten nachher mehr über St. Pauli als ich. David hatte den Hoodie kürzlich bei einem Konzert in Belfast an, woraufhin ein Fan aus Deutschland zu ihm kam und dachte, er sei ebenfalls Deutscher. Klappt doch schon ganz gut, oder?

Stimmt es, dass die beiden dich für »Game Of Thrones« entdeckten, nachdem sie »Gegen die Wand« gesehen hatten?
Ja, obwohl »Gegen die Wand« zu dem Zeitpunkt schon sechs Jahre zurücklag. Sie luden mich zum Casting nach London ein, und kurz darauf bekam ich die Zusage, was ich aber in einem Schockzustand ablehnte. Dan und David haben mich jedoch mit Herzblut, so, wie sie sind, überzeugt, dass ich es doch machen solle, und mir meine Ängste genommen. Das rechne ich ihnen hoch an. Außerdem hatten sie George R.R. Martin, den Autor der Romane, gefragt, ob das okay sei, wenn ich, eine deutschtürkische Schauspielerin mit Akzent, seine Shae spielen würde. Das zeigt auch, dass Dan und David für die Figuren viel Spielraum haben, die Rollen zu ändern und wachsen zu lassen.

Was gefällt dir speziell an der »Game Of Thrones«-Figur Shae?
Ich liebe meine Figur Shae. Sie imponiert mir mit ihrer Gradlinigkeit. Selbst wenn einer der mächtigen Männer vor ihr steht, ist sie ehrlich und vergisst ihren Stolz nicht. Sie bleibt sich treu.

Eine Zeit lang während der zweiten Staffel ist sie als geheime Geliebte Tyrion Lannisters so etwas wie eine First Lady ...
Das stimmt!

Während deine vorigen Rollen auch schon starke Persönlichkeiten, aber immer von einer gewissen inneren Zerrissenheit geprägt waren, bleibt Shae in unruhigen Zeiten cool. Empfindest du es auch so, dass sie anders ist?
Hmmm, ich glaube, ich möchte meine Rollen gar nicht miteinander vergleichen. Natürlich hat jede ein Stück Sibel in sich, aber trotzdem sind sie alle anders. Und Shae ist eine Kämpferin, die aber eigentlich auch viel Liebe und Sicherheit braucht. Trotzdem behält sie in den meisten Situationen den Überblick und bleibt cool, das stimmt schon.

Ist es wichtig für dich, »Game Of Thrones« selbst anzuschauen, um ein Gefühl für die Handlung und deine Figur zu bekommen?
Das ist eine schwierige Frage. Ich muss mir meine Sachen ansehen, um mich analysieren zu können. Die ersten zwei Jahre wollte ich mir »Game Of Thrones«, die Serie, nicht ansehen. Um am Ende aber die ganze Arbeit, die Geschichte, die Kollegen zu sehen und zu verstehen, musste ich sie mir irgendwann dann doch ansehen. Außerdem sollte man von einem Kollegen, den man am Set trifft, selbst man nicht mit ihm dreht, dennoch wissen, welche Figur er in der Serie darstellt. Und ich fand es auch respektlos gegenüber Dan und David, ihre Arbeit nicht zu sehen, zu würdigen.

Warum wolltest du dir »Game Of Thrones« denn nicht ansehen?
Ich weiß es nicht so genau. Ich hatte irgendwie Angst. Angst vor der Größe der Serie, vor dem Erfolg der Serie, dass der Erfolg der Serie mich mitreißt, dass es mich negativ verändert, dass es mich unter Druck setzt, dass ich abhängig werde von der Serie – was nun auch so ist ...

Wie wirkt sich denn der Erfolg von »Game Of Thrones« auf deine Rollenangebote aus? Sind da jetzt mehr internationale Produktionen dabei?
Also, man ist vielleicht international etwas bekannter, zumindest unter den Castern. Aber bis jetzt hat sich daraus nichts Festes ergeben. Außerdem bin ich in den Köpfen erst mal als Shae verankert, was nicht schlimm ist. Auch von den eingefleischten Fans kriegt man mal dieses oder jenes mit. Oder dass man plötzlich bei IMDb, der Filmdatenbank, öfter angeklickt wird, dass man plötzlich Post aus Brasilien oder Amerika bekommt. Aber da sind die anderen Schauspieler, wie zum Beispiel Emilia Clark, bestimmt noch mehr mitten im Geschehen als ich.

Bekommst du denn nicht viel Feedback von »Game Of Thrones«-Fans?
Wie schon gesagt: Man kriegt plötzlich Briefe aus Übersee, und ich glaube zu wissen, dass Shae in den Romanen nicht gerade zu den beliebten Figuren zählt. Da ist sie auch viel kleiner, die Figur. Aber so, wie ich es mitbekomme, mag man Shae in der Serie inzwischen eigentlich doch.

Armer Joffrey ...
Wieso?

Weil der junge König doch der unbeliebteste Charakter ist. Es gibt ein Video auf YouTube, in dem die beiden Ohrfeigen, die Tyrion Lannister ihm verpasst, zehn Minuten lang wiederholt werden, während dazu »Achilles Last Stand« von Led Zeppelin läuft.
Das bedeutet aber, dass er seine Rolle sehr gut spielt, oder?! Als ich in einer Szene mit ihm dabei war, hat es mir echt Spaß gemacht, ihm zuzuschauen. Privat ist er ein unglaublich lieber Junge. Sehr geerdet, immer höflich, sehr ruhig, und dann heißt es: »Action«, und er ist plötzlich dieser böse Joffrey! Aber Serienfans sind sowieso sehr besonders: Deren Liebe, Zuneigung und natürlich auch Hass geht manchmal schon sehr weit.

Peter Dinklage als Tyrion Lannister hat es da einfacher ...
Ich glaube, Peter ist auf jeden Fall eine der beliebtesten Figuren in der Serie. Ich habe das Glück, dass ich oft mit ihm spielen darf.

Er war auf dem Cover des amerikanischen Rolling Stone.
Ich weiß!

Sagst du das so entschieden, weil die anderen neidisch waren?
Nein, ganz im Gegenteil. Das Bild mit ihm hing sogar im Maskenmobil, weil sich auch die Leute am Set über den Erfolg freuen. Da Peter, soviel ich weiß, sowieso nicht so viel Presse macht, war das schon was Besonderes. Ich freue mich über seinen Erfolg, der ist absolut verdient. Er teilt seinen Erfolg aber auch gerne. Wenn er einen Preis bekommt, vergisst er nicht, seine Kollegen zu erwähnen. Als ich ihm mal zum Emmy gratuliert hatte, meinte er: »Oh, tut mir leid, Sibel, ich habe vergessen, dir zu danken!« Ich fand das eigentlich total süß von ihm, aber er muss mir bestimmt nicht danken. Tatsächlich hat er sich bei dem nächsten Preis, dem Golden Globe, namentlich bei uns bedankt. Da war ich wirklich sehr gerührt, denn er spielt ja so gut, dazu hab ich nichts beigetragen.

Wenn man so viele gemeinsame Szenen hat – ergibt sich dadurch innerhalb des familiären Ensembles noch mal eine besondere Beziehung?
Natürlich ist es eine andere Bindung als mit Schauspielern, die zwar auch in der Serie sind, aber eben nicht direkt mit einem spielen. Bei Peter und mir ist es sowieso anders: Unsere Szenen waren meistens nur mit uns beiden. Shae ist Tyrion Lannisters zweite große Liebe. Auch das ist schon eine besondere Situation in der Serie.

Was ist eigentlich das Schwierigste am Schauspielern?
Sich zu öffnen, sich auch von der verletzlichen Seite zu zeigen, echt zu sein und trotzdem nicht zu vergessen, dass es »nur« ein Spiel ist – das ist das Schwierigste, aber auch das Schönste am Schauspielern.

Spielst du dagegen in der Öffentlichkeit manchmal bewusst eine Figur?
Ich spiele überhaupt keine Figur. Natürlich ist man auf einem roten Teppich nicht die Privatperson, die man unter Freunden ist, aber ich verstelle mich trotzdem nicht. Ich bin so, wie ich bin. Außerdem könnte und wollte ich mich auch gar nicht verstellen.


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