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Im Herzen Punks

First Aid Kit im Gespräch

Unbeirrbar manövrieren First Aid Kit seit zehn Jahren ihren Appalachenfolk durch coole Gefilde von Omaha bis Portland – ihr viertes Album »Ruins« macht da keine Ausnahme. Dass Johanna und Klara Söderberg all dem Wohlklang zum Trotz die Rebellion im Herzen tragen, fand Verena Reygers im Gespräch mit den Schwestern heraus.
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»Davon«, sagt Klara Söderberg betont deutlich, »sind wir keine Fans.« Gemeint ist das Bild, das die elegante Hotelsuite ziert, in der sie und ihre Schwester Johanna den Berliner Interviewmarathon absolvieren: ein breiter Fotoprint mit der Rückenansicht einer nackten Frau, notdürftig von einem schwarzen Schal bedeckt. Wäre auf der gegenüberliegenden Wand das gleiche Motiv mit nacktem Männerarsch zu sehen, die Entrüstung hielte sich womöglich in Grenzen. Da aber hängt nichts.
  
Die Reaktion der Söderbergs überrascht, schließlich fällt die Musik, mit der First Aid Kit in den letzten zehn Jahren ihre Fans beglückt haben, nicht gerade unter Riot-Grrrl-Verdacht. Im Gegenteil, eher verortet man die langhaarigen Schwedinnen in den Appalachen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aber mit dem brav gescheitelten Look ist jetzt Schluss: Auf dem Cover von »Ruins« zeigen sich die Söderberg-Sisters lässig im schwarz-weißen 60s-Look, und schon der Opener nennt sich »Rebel Heart« – wenn das mal kein Statement ist. Johanna grinst und schüttelt den Kopf: »In dem Song geht es weniger ums Rebellische im Sinne des Wortes als darum, sich in gewissen Situationen wider besseres Wissen für das Abenteuer zu entscheiden.«
 

Fürs Abenteuer haben sich First Aid Kit nicht zum ersten Mal entschieden: Als Teenager coverten sie die Fleet Foxes und luden die Videos bei YouTube hoch – zu Zeiten, als Folk noch was für Nerds war und Bärte nur Ökos trugen. Ihr zweites Album »The Lion’s Roar« produzierten sie mal eben im Heiligtum aller Americana-Fans: in Omaha bei Conor Oberst. Und ihren Emmylou Harris gewidmeten Song »Emmylou« spielten sie live beim Polar Music Prize vor besagter Grande Dame des Country.   Der Song »You Are The Problem Here«, den First Aid Kit zum Weltfrauentag am 8. März 2017 veröffentlichten, war wiederum ein furioses Stück Gitarrenrock, das die Verantwortung für sexuelle Gewalt den Tätern statt den Opfern anlastete. »Normalerweise ist es so, dass die Frauen sich rechtfertigen müssen«, erklärt Klara. »Sie müssen bei der Polizei oder vor Gericht Fragen beantworten, was sie anhatten, ob sie betrunken waren oder wie ihre sexuelle Vorgeschichte aussieht – das sind Fragen, die nichts mit der Tat zu tun haben.« »Hope, you fucking suffer«, rotzen First Aid Kit im Song den Tätern verächtlich entgegen. Einen richtigen Punksong nennt Johanna das Stück, das vor allem ein interessanter Beitrag einer Band ist, von der man derart politische Statements gar nicht erwartet. Die Söderbergs winken lässig ab: »Unsere Mutter ist Hardcore-Feministin. Wir sind damit aufgewachsen, über Ungleichheiten zu diskutieren, egal, ob es um sexuelle Gewalt oder um weniger Geld im Job geht«, erklärt Johanna, und Klara ergänzt: »Unsere Mama ist knallhart, und wir können uns glücklich schätzen, sie als Vorbild zu haben. Sie ist mit Sicherheit ein Grund dafür, dass wir so selbstbewusst sind.«
Ein paar Tage vor unserem Interview haben First Aid Kit in Folge der #metoo-Welle einen Brief der schwedischen Musikschaffenden unterzeichnet, der sich gegen Sexismus und sexuelle Gewalt in der Musikbranche richtet. »Es ist ein System, das mit Geld und Macht zu tun hat«, sagt Klara. »Aber jetzt stehen wir auf und wehren uns, was dazu führt, dass die Industrie reagiert und die Verantwortlichen entlassen werden.«

Sie selbst haben sich – dank Powerfeministin Mama Söderberg – in ihrer Karriere immer gut durchsetzen können, obwohl sie auch schon sexistische Kommentare kassieren mussten. Was aber die Zusammenarbeit mit Produzenten wie Conor Oberst oder zuletzt Tucker Martine angeht, seien die eher das Gegenteil von Machos, verrät Johanna. Natürlich wäre es vermessen, aufgrund des satten, sanften Folks, den Produzent Martine den Söderbergs gezimmert hat, per se auf eine Sexismus-freie Zone zu schließen. Aber diese Aussage nimmt man ihnen zweifellos ab.   Musikalisch bewegen sich First Aid Kit auf »Ruins« in gewohnten Gefilden zwischen Oldschool-Country und Lagerfeuer-Folk. »It’s A Shame« trumpft mit galoppierendem Rhythmus zu Dolly-Parton-Twang auf, »Fireworks« hat einen 50s-Sehnsuchtsschmacht mit Surfgitarrenhall, und »Postcard« bedient mit Schifferklavier und Steelguitar das klassische Motiv des Country-Outlaws: »I wasn’t looking for trouble but trouble came.« Die heißgeliebte Autoharp früherer First-Aid-Kit-Songs fehlt auf »Ruins« komplett. »Die haben wir in den Müll geworfen«, scherzt Johanna, und Klara klärt auf, dass sie die Autoharp bei den vielen Instrumenten im Studio einfach vergessen hätten. Stattdessen hat man zu E-Gitarre und Keyboard gegriffen: »Alles Instrumente, die ich vor ein paar Jahren noch rigoros abgelehnt hätte«, sagt Klara.

Und natürlich lebt »Ruins« auch von den Harmoniegesängen der Mittzwanzigerinnen, die sich in berührende Höhen schrauben und mit schmachtendem Liebreiz zur Holzhüttenromantik wiegen. Rebellisch wirkt das eigentlich nicht. »Nein«, bestätigt Klara, »wir haben nie versucht, Songs zu schreiben, die neu oder innovativ klingen. Es ging uns immer um die Musik und darum, uns mit den Menschen zu verbinden, die diese Musik genauso schätzen wie wir.« Johanna sieht das noch etwas differenzierter: »Nur weil die Musik sanft ist, ist sie nicht harmlos. Immerhin war es Woody Guthrie, auf dessen Gitarre ›This Machine kills Fascists‹ stand.« Und dann werfen die zwei Musikerinnen noch mal einen vernichtenden Blick auf den Frauenpo an der Wand. »In der aktuellen Musik ist alles sehr laut und schreit nach Aufmerksamkeit«, sagt Klara. »Ruhiger und sanfter zu sein als der gegenwärtige Trend, das ist in Wahrheit rebellisch.«

First Aid Kit

Ruins

Release: 19.01.2018

℗ 2017, 2018 Columbia Records, a Division of Sony Music Entertainment

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