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Eine Portion Drama bitte!

Father John Misty im Gespräch

Auf »Pure Comedy« erzählt Father John Misty als musikalischer Stand-up-Comedian vom kosmischen Witz und warum das menschliche Dasein eine Absurdität ist. Lena Ackermann hat Josh Tillman, so sein bürgerlicher Name, getroffen und mit ihm über die Menschheit, die Vorzüge von Kokosnussöl und die Humorlosigkeit weißer Männer gesprochen.
Geschrieben am
Wer sich in den letzten Monaten gefragt hat, wie die Welt in die ganze Scheiße hineingeraten ist, in der sie momentan steckt, sollte das aktuelle Album von Father John Misty hören. Auf »Pure Comedy« erklärt Josh Tillman – der gar nicht mehr wie ein Father aussieht, seitdem er sich den priesterlich-hippen Vollbart abrasiert hat – in 13 Songs die Menschheit. Sein Fazit (Achtung Spoiler!): Wir wollten es nicht anders! Wie weit die Belege dafür zurückreichen, zeigt ein Aufsatz zu »Pure Comedy«, in dem Tillman das biblische Buch Kohelet zitiert. Auf der Platte besingt er die Absurdität des menschlichen Daseins und gibt einen Einblick in die Gefühlswelten des dramatischen Affentheaters im Weißen Haus. Und das, obwohl Tillman seine Texte längst fertig geschrieben hatte, als sich die konkrete Möglichkeit des Präsidenten Trump gerade einmal abzuzeichnen begann. Dass eine große Komödie nicht ohne eine ordentliche Portion Drama auskommt, ist kein Geheimnis. Und da wären wir dann auch schon beim Kern von »Pure Comedy«.

Zwischen Bananenschalen, Asche und einer unangetasteten Schüssel voller Gummibärchen (die mag Tillman nicht) steht ein offenes Glas Bio-Kokosnussöl. »Das Zeug ist hervorragend für die Haare. Vor allem, wenn man lange nicht geduscht hat.« Der frisch geduschte Tillman grinst und massiert sich zum Beweis eine Portion Fett in die Spitzen. Dann modelliert er die speckigen Strähnen, zündet sich die nächste Zigarette an und beobachtet eingehend den aufsteigenden Rauch, als wäre damit alles gesagt. Sarkasmus ist sein Ding. War es schon immer. Schließlich ist er in einer erzkonservativen evangelischen Familie aufgewachsen und musste sich als Kind verschiedensten Erweckungsszenarien unterziehen. Dass sich daraufhin keinerlei Religiosität eingestellt hat, dürfte vor allem für seine Eltern ernüchternd gewesen sein. »Diese Leute und die Szenarien waren vollkommen wahnsinnig«, befindet er heute. Eine harte Schule, in der er vor allem eines gelernt hat: Ironie. 

Anstatt in fremden Zungen zu sprechen, seziert Tillman musikalisch lieber die großen Fragen unserer Zeit, die gleichzeitig auch die Themen der religiösen Lehre sind. Angst, Liebe, Sinn. »Es mögen Klischees sein, aber es gibt nun einmal nichts anderes, über das ich schreiben könnte.« Die Antworten, die Father John Misty auf diese Fragen findet, sind oft genial komisch, im jetzigen Fall aber auch ziemlich düster. So singt er im Titelstück: »The only thing that seems to make them feel alive is the struggle to survive / But the only thing that they request is something to numb the pain with / Until there’s nothing human left / Just random matter suspended in the dark / I hate to say it, but each other’s all we got.« Ein schwacher, aber immerhin: ein Trost. »Das menschliche Leben ist nun einmal eine Absurdität, und das meine ich weder respektlos noch zynisch.« In Ermangelung eines Aschenbechers drückt Tillman seine Kippen in einem halbvollen Glas Sprudelwasser aus – die Krux der Nichtraucherbüros. »Ich glaube, dass der kosmische Witz eine große Freiheit in sich birgt. Wenn man sich einmal anschaut, wie unbedeutend und klein die Menschheit im Angesicht des Universums ist, dann ist es kein Wunder, dass sich dieselben Fehler in der Geschichte ständig wiederholen. Das ist für mich eine reine Komödie.«  
Auch wenn man der Figur Father John Misty einen gewissen Hang zum Größenwahn nicht absprechen kann, mit »Pure Comedy« dürfte Tillman seinen Zweiflern endgültig beweisen, dass er auch liefern kann, was er verspricht. Dass das Album sowohl textlich als auch musikalisch extrem gut klingt, liegt sowohl an seiner treffenden Frechheit als auch am Aufnahmeprozess: Das Album wurde komplett live eingespielt. Mit Band, Studiomusikern und einem opulenten Gospelchor. Manchmal hört man auch einfach nur Tillman, der allein am Piano in L.A. im Studiokomplex sitzt. Man kann nicht sagen, dass Father John Misty für seine glanzvolle Wiederauferstehung irgendwelche Mühen gescheut hätte. Vom mit einer Kamera begleiteten Aufnahmeprozess existieren wahnwitzige 80 Stunden Rohmaterial. »Ich wollte mit diesem Album etwas fundamental anderes machen, verglichen mit allem, was ich bislang getan habe. Das hat funktioniert.« Neu ist auch die Art, mit der sich Tillman offenbart. Da kann er in »Leaving L.A.«, seiner persönlichen Reinterpretation von Lennons »The Ballad Of John And Joko«, zwar behaupten, er verliere mit jeder seiner Veröffentlichungen an Menschlichkeit, eigentlich ist aber das Gegenteil der Fall.  

Mit 35 Jahren ist Workaholic Josh Tillman nach einer Episode in New Orleans nicht nur wieder zurück in L.A., sondern auch gänzlich im Musikgeschäft angekommen. Zuletzt hat er an Songs für zwei der momentan größten weiblichen US-Popstars mitgeschrieben. »Die Arbeit für Beyoncés ›Hold Up‹ hat nur ungefähr eine Stunde gedauert. Sie haben mir den Track geschickt, ich hab einen Text und eine Melodie geschrieben, aufgenommen und das Ding zurückgeschickt. Mit Lady Gaga habe ich gejammt, dabei kamen ›Sinner’s Prayer‹ und ›Come To Mama‹ raus. Die Zusammenarbeit ist nur deshalb zustande gekommen, weil beiden meine Platte vorgespielt wurde und sie meine Musik gut fanden. Das bewundere ich! Ich meine, diese Stars haben Zugang zu jedem, wirklich jedem Hit-Schreiber der Welt. Und dennoch sind sie in der Lage, etwas völlig Unerwartetes zu hören und zu sagen: ›Hey, lass uns das machen!‹ Dabei wäre es viel einfacher, mit Hit-Maschinen wie Max Martin zusammenzuarbeiten.« Eigentlich, sagt Tillman, war die Idee, sich mit Ko-Produktionen in den Pophimmel zu katapultieren, ganz und gar subversiv. »Das sind Songs, die du den ganzen Tag im Radio hörst. Ich dachte, es wäre cool, die Gesellschaft dadurch beeinflussen zu können. Aber so einfach funktioniert es dann leider doch nicht.«  

Logisch, dass ein Mann mit einer derart arroganten Ader auch mal auf Ablehnung stößt. »Mir wird oft unterstellt, ich wolle belehren. Was für ein humorloser Vorwurf! Ich habe das Gefühl, dass im Moment eine sehr bourgeoise, liberale Sensibilität herrscht. Weiße Liberale können es einfach nicht leiden, wenn ihnen ein anderer weißer Liberaler Vorträge hält. Das wird direkt als nicht authentische Stimme wahrgenommen, als privilegierter, übergebildeter Beitrag.« Deshalb lässt Tillman diese Kritik locker abperlen und verweist schlicht auf sein neuestes Werk, das die Menschheit – diese »bedeutungslosen, Smartphone-besessenen, eigennützigen Welt-Zerstörer« – zwar durchaus belehren will, aber in dieser »Pure Comedy« eben auch den höllischen Spaß sieht. 

Father John Misty

Pure Comedy

Release: 07.04.2017

℗ 2017 Bella Union

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