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Macht kaputt, was euch kaputt macht

Farin Urlaub im Interview

Farin Urlaub ist einer der erfolgreichsten Rockstars des Landes – das muss man mal ganz platt feststellen. Kürzlich veröffentlichte er mit dem Racing Team sein neues Soloalbum »Faszination Weltraum«. Daniel Koch traf ihn in Berlin und sprach mit ihm über Arbeitsmoral, Architektur und Kraftklub.
Geschrieben am

Interview:
Daniel Koch

Wenn es um deutschsprachigen Blockbuster-Rock geht, gibt es seit Jahrzehnten zwei Konstanten: Die Toten Hosen und Die Ärzte. Während Erstere überwiegend im Bandverbund musizieren, kommt es einem bei Letzteren manchmal so vor, als wäre es genau durchgetaktet: Ärzte-Album, Solo-Ausflug Bela und eine Rundfahrt mit dem Racing Team für Farin Urlaub. Diese Rundfahrt steht nun wieder an, zum ersten Mal seit knapp sechs Jahren. Und man kann es schon vorhersehen: ausverkaufte Tourneen, hohe Chartsplatzierungen, mindestens zwei erfolgreiche Singles. Genauso konstant ist das Bild, das man von Farin Urlaub zu haben glaubt. Immer blond, immer schlicht gekleidet, immer ein strahlend weißes Grinsen im Gesicht, immer für eine kurze Zeit sehr präsent in der Musikwelt und dann wieder für eine ganze Weile abgetaucht. Außerdem weiß man, dass er sehr diszipliniert arbeitet, kein Fleisch isst, keinen Alkohol trinkt, gerne die Welt bereist. Aber wie das immer so ist: Ein solch starres Bild von einem – ja, nennen wir ihn ruhig so – Rockstar weckt umso mehr den Wunsch, ihn einmal persönlich zu sprechen. Wobei für Journalisten Vorsicht geboten ist, denn: »Ich habe ja die Kunstfigur Farin Urlaub zwischengeschaltet. Die kennen mich ja alle gar nicht. Die kennen Farin Urlaub, und im Idealfall gefällt ihnen, was der macht.«

Wir treffen Urlaub in einer Strandbar an der Spree an einem sonnigen Spätsommertag. Liegestühle, Holzdielen, Blick auf das Badeschiff. Schon der Interviewort ist also ein Kalauer auf seinen Künstlernamen. Aber einer, den man sich im Sonnenschein gerne gefallen lässt.

Das letzte Album mit dem Racing Team liegt sechs Jahre zurück. Wie darf man sich das vorstellen: Bist du im Blues Brothers-Style von Bandmitglied zu Bandmitglied gefahren und hast gerufen: »We’re bringing the band back together!«
Es war tatsächlich so ähnlich. Ich habe mir vorletzten Winter auf einer sehr langen Reise ganz genau überlegt, ob ich das noch mal machen will. Dann hab ich entschieden: Ja! Also hieß es: »Wenn ihr Zeit habt, kommt alle nach Berlin!« Dann habe ich vorgestellt, was mir vorschwebt, was ich ihnen anbieten kann und gefragt, ob noch jeder Bock hat. Und ein Saxofonist hat dann auch tatsächlich »Nö« gesagt, weil er beschlossen hat, keine Musik mehr zu machen. Sonst waren alle dabei.

Hattest du dann gleich aus dem Stand die Songs für »Faszination Weltraum« parat?
Ich habe immer Ideen auf meinen diversen Diktiergeräten. Wenn ein Album ansteht, arbeite ich gezielt an denen weiter, die mir am besten gefallen. Danach verbrachte ich sechs Wochen in meinem kleinen Heimstudio. Das darf man sich so vorstellen: Sieben Uhr aufstehen, halb acht im Studio und dann so lange arbeiten, bis ich meine, mir das Frühstück verdient zu haben – meist so nach fünf, sechs Stunden. Dann geht’s weiter bis zum Abend, wo ich noch mal spazieren gehe, damit ich nicht blöd werde. Schließlich früh ins Bett und am nächsten Morgen geht’s weiter. Ich bin halt Frühaufsteher und zu der Tageszeit am kreativsten. 

Im Song »3000« scheint es darum zu gehen, dass viele Menschen heute permanent auf Hochtouren kommunizieren, arbeiten, leben. Und dann irgendwann durchdrehen und/oder umfallen, wenn sie nicht ihre eigene Notbremse finden. Wenn man sich dein Leben so anschaut, kommt es einem so vor, als hättest du einen Weg daraus gefunden. Du hast immer sehr intensive Karrierephasen – und bist dann regelrecht abgetaucht. Ist das deine persönliche Überlebensstrategie? Hast du einen ritualisierten Jahresablauf aus Arbeits- und Reise-Phasen?
Nein, ritualisiert ist es nicht. Aber sonst stimmt das schon: mein natürlicher Reflex auf alles, was in Richtung Stress geht, ist der Satz: »Ich bin weg«. Und dann bin ich genau das: richtig weg. Es gibt vielleicht drei Leute, die mich in diesen Phasen erreichen können – manchmal nicht mal die, wenn ich in Ländern bin, in denen es kein Handy-Netz gibt. Dann ist es auch gut. Da schalte ich komplett ab und lebe komplett anders. Ich bin da nicht Rockstar auf Reisen, sondern Mensch auf Reisen. Dann denke ich über meine Musik und solche Sachen auch gar nicht nach.  Das brauch ich sehr oft und genieße es sehr. So lange, bis ich irgendwann denke:  »Kann weitergehen!«

Du hast also keine festen Zyklen? Wirkt von außen manchmal so. Gerade Die Ärzte-Pause, dann mal wieder Reisen, dann mal wieder solo ...
Nee. Selbst bei Die Ärzte haben wir nach dem vorletzten Album gesagt: »Vielleicht auf Nimmerwiedersehen!« Damit sind wir auseinander gegangen. Bis irgendwann ein Anruf kommt, mit der Frage, ob wir uns mal wieder treffen wollen. Aber der kann irgendwann auch nicht mehr kommen. Ich brauch keine Gewissheit.
 

Wobei deine Fans sich ja schon drauf verlassen können, dass irgendwas immer kommt ...
Es ist tatsächlich so, dass ich mich manchmal sorge, ob ich den Leuten nicht auf den Sack gehe, weil ich ständig irgendwas mache. Deshalb werden auch die Pausen immer größer. Das wäre mein absoluter Alptraum. Es gibt Künstler, die ich sehr mag, bei denen ich oft denke: »Och nee, warum denn schon wieder was Neues?« Da werde ich jetzt aber keine Namen nennen. Die Gefahr für mich und mein Schaffen sehe ich, weil ich ja auch ein sehr polarisierender Mensch sein kann. Ich habe eine große Klappe, vielleicht nervt’s die Leute irgendwann. Aber jetzt musste es mal wieder ein Album sein. Ich will meinen 50. feiern – fertig!

Noch mal zurück zum Reisen: Wählst du deine Reiseländer eigentlich ein wenig nach Erreichbarkeit und Handy-Empfang? Und bereist gezielt Länder, die du noch nicht kennst oder die vielleicht technologisch noch nicht so weit sind? 
Nee. Ich reise, wo der Wind mich hin treibt. Nach dem Lustprinzip. Ich möchte schon gerne neue Länder bereisen, aber nicht ausschließlich. Ich will ja nicht nur Länderpunkte sammeln oder so. Ich fahr halt dahin, wo ich gerade Lust drauf habe. Und ganz häufig sind das Länder, in denen ich schon sehr oft war. Weil ich die sehr mag.

Was sind da so die Favoriten?
Italien und Japan. Solange es noch ging war ich regelmäßig in Mali. Aber das ist jetzt gerade für Menschen meiner Hautfarbe nicht ganz so einfach.

Im Song »iDisco« geht es um Smartphone-Zombies, die den Blick gar nicht mehr auf das wirkliche Leben da draußen  richten können. Ist das ein konkretes Feindbild von dir?
Es gibt schon Momente, wo ich denke: Das kann jetzt nicht euer aller Ernst sein! Aber natürlich geht es nie um alle. Es geht halt um Leute, mit denen man gerade zu tun hat, bei denen man denkt, wie bescheuert die eigentlich sind. Ich wollte mit »iDisco« einfach dieses Zombiebild in unsere Gesellschaft transportieren. Der Anfang ist ja bewusst ambivalent. Man denkt erst, da wird gerade eine Zombie-Apokalypse beschrieben und dann merkt man – die sind einfach nur bekloppt.

Mir hat persönlich der Song »Dynamit« am besten gefallen. Eine derbe Architektur-Kritik, die darüber sinniert, dass man hässliche Gebäude in die Luft jagen sollte. Welche Bauwerke haben dich dazu inspiriert? 
Es geht mir nicht nur um das einzelne hässliche Gebäude; es geht mir um diese leblosen, geplanten Innenstädte. Ich weiß nicht, wer sich gedacht hat, dass wir uns da wohlfühlen. Und als Zugeständnis gibt’s noch ne Shopping-Arkade mit Säulen und vielleicht ne Plastikpalme. Da geh ich dann auf die selbige und sage: Ich will so nicht leben wollen! Das Lied hat aber einen ganz alten Ursprung. Ich interessiere mich schon länger für Architektur und bin deshalb natürlich auch mal nach Brasília gereist. Oscar Niemeyer fand ich schon immer spannend und diese Idee, eine Stadt vom Reißbrett in die Mitte des Dschungels zu bauen, ganz einfach weil man es kann – das ist schon beeindruckend. Ich hatte zwar vorher schon gelesen, dass es dort ganz furchtbar ist, wollte es aber nicht so recht glauben, weil die alten Fotos ja echt gut aussehen. Aber was soll ich sagen: Ich war dort und es war menschenverachtend. Grässlich. Und seitdem achte ich mehr auf Innenstädte und finde die meisten schlimm. Ohne jetzt zu sagen, früher war alles besser, aber früher sind Dinge natürlich gewachsen, weil es gar nicht die Möglichkeit gab zu sagen: »Hier auf diesen 15 Hektar bauen wir jetzt  mal innerhalb von zwei Jahren ne Innenstadt.« Man hat das gebaut, was man gebraucht hat. Diese unterschiedliche Herangehensweise macht da anscheinend schon viel aus ...

Gibt es denn Städte, die dir gefallen? 
Um mal kleine Städte zu nennen: Sienna. Was für eine unfassbar superschöne Altstadt, wenn auch nicht gerade sehr grün. Auch Paris. Wenig Bäume und trotzdem fühlt man sich instinktiv wohl darin. In der Innenstadt zumindest, denn die Peripherie – woah, reden wir nicht drüber! Von den moderneren Städten mag ich persönlich Tokio sehr, aber Tokio kann einen auch überfordern. Kyoto ist wunderwunderschön – aber nicht architektonisch. Als Lehrbild für eine große Stadt, in der das moderne Leben trotzdem noch gut funktioniert, fällt mir nicht wirklich viel ein. Das scheint sich auszuschließen. Sobald wir dem Auto die Priorität einräumen, weil wir ja immer und überall mit unseren Autos hin müssen, schließt sich das aus mit einer lebenswürdigen Innenstadt.
 
 
Wie kommt Berlin dabei weg? 
Eigentlich ganz gut. Bis auf den Potsdamer Platz. Es gibt schöne Flecken hier. Es hilft natürlich, dass wir die Flüsse haben – Havel, Spree, Dahme – das macht viel aus.
 
 
Du scheinst auf dem Album immer so krass überzeichnete Songs mit Meinung mit eher luftigen Nummern zu mischen. Songs, die »Find dich gut« heißen zum Beispiel. Oder du singst eine Zeile wie »La la la, mehr hab ich nicht im Repertoire«. Machst du das, damit deine Alben nicht zu schwer werden und zuviel Meinung drinne haben? 
Manchmal vergesse ich, für wie bare Münze das einige Leute nehmen, was ich da singe. So nach dem Motto: »Wenn der sagt, man sollte die Innenstädte in die Luft springen, hat er sich das schon überlegt.« Aber das ist natürlich Quatsch. Deswegen mach ich auch Sachen, wo selbst der treuste Fan sagt: »Das ist jetzt aber Schwachsinn!« Genau das will ich erreichen. Mein Idealbild von Fan ist jemand, der selbst denkt und Entscheidungen trifft. Der kann auch viel doof finden, aber er ist mir lieber als Leute, die alles toll finden, was ich mache. Das stimmt nämlich einfach nicht.
 
 
Ist es eigentlich schwierig für dich, noch Fantum für andere Künstler zu empfinden, wenn du immer nur mit viel Vehemenz im Leben spürst, wie es ist, selbst Fans zu haben? 
Ich habe ja die Kunstfigur Farin Urlaub zwischengeschaltet. Die kennen mich ja alle gar nicht. Die kennen Farin Urlaub und im Idealfall gefällt ihnen, was der macht. Ich selber, wenn ich Fan bin – das ist ganz anders. Ich bin dann nicht der, der vor die Tür seines Helden fährt und da auf ihn wartet – hüstel, habt ihr das alle gehört? – ich sammele dann halt, was sie so herausbringen. Und bei einigen Künstlern will ich vielleicht mehr wissen: wie sie leben, was sie inspiriert. Da ich Fan von vielen Künstlern bin, die nicht mehr leben, lese ich dann auch viel über sie – Biografien und so.

Was sind da die ganz großen Namen für dich? 
Johnny Cash ist ja kein Geheimnis. Die Beatles auch nicht. Ich finde aber auch, das Thin Lizzy eine total unterschätzte Band ist. Es gibt auch eine sehr spannende Biografie über Phil Lynott. Das was die Mutter geschrieben hat, ist auch interessant, aber sehr von Mutterliebe geprägt. The Ballad Of The Thin Man ist das bessere Buch über ihn, falls dich das interessiert. Was fehlt noch? The Clash finde ich noch fantastisch. Aber das sind wirklich nur die alten Helden. Ich höre auch viel Musik von Menschen, die noch Leben oder deren Bands noch nicht aufgelöst sind.
 
 
Ich habe gerade erst das Cover gesehen ab fragte mich gleich, ob du nicht Bedenken hast, dass die Leute dir Sexismus vorwerfen könnten?  
Na ja, ich sage mal so: Wer mir da Sexismus vorwirft, der verharmlost die Sexismusdebatte. Dass dieses Bild völlig überzeichnet und als Spaß gedacht ist, sollte man doch erkennen, oder? Aber das allerlustigste ist: Siehst du die blonde Dame da drüben (zeigt auf eine Kollegin vom Management)? Das war ihre Idee. Das soll jetzt kein blödes, abgesprochenes Reinwaschen sein. Ich wollte eine Heldenpose, weil ich dachte, zu »Faszination Weltraum« passt das. Aber ich wollte keinen Astronautenhelm, 1:1 den Titel abbilden geht nunmal nicht. Feuerwehrhelm fanden wir auch nicht gut. Also kamen wir auf den Footballspieler – und dann sagte sie: »Da müssen dann aber auch nackte Mädels im Hintergrund liegen, die du gerade über den Haufen gerannt hast.« Tja, und da dachte ich: »Wie geil bekloppt ist das denn?« Wir haben tatsächlich auch zwei Cover-Entwürfe gehabt, einen wo man noch mehr von den Damen sieht. Da hatte ich selbst ein komisches Gefühl. Ich habe dann die Cover mit den Frauen in meiner Band abgesprochen – sie sind da ja in der Überzahl – und sie meinten: Wer das nicht lustig findet, der interessiert uns sowieso nicht. Natürlich haben sie es gesehen, natürlich haben sie es freigegeben, die Idee kam von einer Frau – vielleicht muss ich jetzt mehr nicht sagen. Das ist kein sexistisches, das ist ein lustiges Cover.

Wenn man deine Karriere schon länger verfolgt, wäre es ja auch seltsam, wenn jetzt auf einmal der Mega-Chauvie rauskäme. Farin Urlaub zeigt sein wahres Gesicht ... 
Nach dreißig Jahren. Genau! Lange genug hat er sich nicht getraut, der Feigling!

Eine letzte Frage noch: Ich hörte letztens den Satz, dass Kraftklub die erste Band sein könnte, die irgendwann mal Die Ärzte und die Hosen ablöst. Was sagst du dazu? 
Es würde mich total freuen. Ich mag die. Ganz im Ernst. Ich kenn sie nicht, hab mich nur zweimal mit ihnen unterhalten, aber ich fand sie völlig authentisch. Ich würde mich drüber freuen. Weil: Zeit wird’s! Ich bin der letzte der sagt: ich will jetzt noch mehr. 
Farin Urlaub Racing Team »Faszination Weltraum« (Völker hört die Tonträger / Universal / VÖ 17.10.14) Auf Tour vom 11.05. bis 12.06.15

Farin Urlaub Racing Team

Faszination Weltraum

Release: 17.10.2014

℗ 2014 Völker hört die Tonträger

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