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Eine Sekte als Street Team

Wu Lyf

In Zeiten, in denen Bands mehrheitlich alles von sich preisgeben, verweigern sich Wu Lyf gängigen Marktstrategien. Bewusste Nicht-Information auf allen Social-Media-Kanälen, dazu ein mysteriöser Background mit Sekten-Gerüchten und ein Debütalbum als mitreißendes Indie-Pop-Spektakel. Gerade das erregt Aufmerksamkeit, auch bei Henrik Drüner.
Geschrieben am
Lange Zeit galten Wu Lyf aus Manchester als gut gehütetes Geheimnis der Indie-Szene. Namen der Musiker? Pseudonyme. Ihre Homepage? Voll poetischer Bonmots, fiebertraumhafter Collagen und voller Aufrufe zur Revolution, aber ohne großen Informationsgehalt. Dazu der ungewöhnliche Bandname, der ein Akronym für World Unite / Lucifer Youth Foundation ist und entsprechende diabolische Assoziationen weckt. Und auf den wenigen Fotos verhüllen weiße Tücher die Gesichter der Jugendlichen, die inmitten von Rauchschwaden stehen und sich gebührend inszenieren (weswegen wir sie auch lieber illustriert präsentieren). Eine voll durchgestylte, subversive linke Zelle? Oder genau das Gegenteil? Auf jeden Fall: Cool genug, dass man nach mehr Informationen gierte. Und dank des nun anstehenden Debütalbums kommen diese auch plötzlich wie von selbst.

Beim Interviewtermin in einem Hamburger Hotelgarten sind vom Quartett Sänger und Keyboarder Ellery Roberts sowie Bassist Tom McClung erschienen. Zumindest stellen sie sich so vor. Die beiden anderen, Evans Kati und Joseph Manning, lassen sich entschuldigen: »Sie stehen Interviews extrem abgeneigt gegenüber«, so die Begründung von Roberts, einem schmächtigen Typ Anfang zwanzig. »Wichtig ist die Musik. Wir können verstehen, wenn Leute mehr über uns wissen wollen. Und wir sind jetzt ja auch hier, um diesen Wunsch zu erfüllen, aber es soll nicht laufen wie ›Hey, ich bin ein berühmter Typ, hör mal zu, was ich dir zu sagen habe!‹« Unterstützung bekommt er von Tom McClung: »Deswegen auch unser Konzept mit den Fotos: Was interessiert das kleine Mädchen vorn links auf dem Konzert, wie die Leute aussehen, die die Musik machen?«

Jedes Klatschen erzeugt ein Donnern: Musik in der Kirche

Das Debütalbum »Go Tell Fire To The Mountain« ist hymnenhafter Indie-Pop und ein weiteres Beispiel für eine Band, die danach klingt, als hätte sie die liebsten und kreativsten Freunde zu einem Jam in einer stillgelegten Kupfermine zusammengetrommelt. File under: Fleet FoxesArcade FireWolf Parade. Die Synthies sind auf Kirchenorgel getunt, der Gesang wirkt dringlich, fordernd, teilweise von seiner eigenen Emotionalität überrumpelt. Die Atmosphäre ist aufgeladen. Für die Aufnahmen suchten Wu Lyf daher auch nicht ein konventionelles Studio auf, sondern eine nicht mehr genutzte Kirche in Manchester-Ancoats, mitten in einem alten Industriegebiet. 
 
Roberts: »Wir wollten einen Raum mit natürlichem Hall, keine künstlichen Studioeffekte. Als wir die Beehive-Studios auf der anderen Straßenseite checkten, wo bereits Elbow und Lamb ihre Räume hatten, und dort schnell wieder flüchteten, entdeckten wir die Kirche auf dem Rückweg. Alle Reliquien waren entfernt, es blieb also nur das schlichte, große Kirchenschiff. Jedes Klatschen erzeugt ein Donnern – genial! Nur ein paar Steel Drummer nutzten den Raum. Als wir unserem Manager Warren Bramley davon erzählten, war er gleich von der Idee begeistert und hat sich darum gekümmert.«  
Zum Einstieg: Saufi-Saufi-Spaß

Zwei Jahre zuvor, 2008, hatten sich die ehemaligen Schulfreunde als Band zusammengefunden. Kurzfristig noch unter dem Namen Vagina Wolf – es ging vor allem um pubertären Saufi-Saufi-Spaß. »Wir waren zu jung, um legal Alkohol zu kaufen«, erinnert sich Roberts. »Ich weiß deshalb von den wenigen Konzerten damals kaum noch etwas, weil wir ständig Whiskey tranken statt ein normales Pint.« Erst als Tom McClung zu ihnen ins Studentenwohnheim zog, wo auf wenigen Quadratmetern das Hauptquartier der Band lag, nahmen Wu Lyf in der heutigen Form laut Roberts endgültig Gestalt an: »Nach einem halben Jahr dort waren unsere Ideen ausgereift, und die EP ›Heavy Pop‹ entstand. Das war der Sound, den wir machen wollten – und wichtiger: Wir merkten, dass er etwas Besonderes war. Der einzige Kommentar, der allerdings vom Zimmernachbarn kam, war: ›Zu schnell, zu schnell!‹ Nun, zumindest die Lautstärke war ihm anscheinend egal.« 
 
  Zu dem Zeitpunkt war das eigene Ego aber schon aufgebaut. Und so wurden mithilfe von Freunden diverse Videos selbst gedreht, die Homepage gestaltet und eben die LYF als Label und ideologische Keimzelle ins Leben gerufen. So stieg das Interesse von Musik-Blogs, und schnell geriet die Hype-Maschinerie in Rotation. »Blöd jedoch, wenn man ein Hype-Thema ist, aber nur zwei Songs hat, ohne dass der Rest des Albums überhaupt existierte!« erinnert sich Roberts. »Wir haben uns dann also zurückgezogen in einen Kokon, bis alle Songs fertig waren.« Eingespielt wurden sie als Band, fast so wie bei Analogaufnahmen in den 70ern.

Roberts: »Für uns war das eine bewusste Rückkehr zum Rauen und Konkreten. Das damit verbundene Nicht-auswählen-Können fanden wir sehr spannend.« Lediglich Paul Savage (Delgados-Drummer aus Glasgow) durfte beim finalen Mix an die Originalspuren ran und noch was ändern – aber bitte schön unter Wu Lyfs Kontrolle und von keinem anderen. Roberts betont, wie wichtig ihnen die Kontrolle ihres kompletten Outputs sei. Er sehe momentan zwar noch die Aufgabe von Plattenfirmen und deshalb auch für seine Band die Notwendigkeit, im Hype-Spiel mitzuspielen, langfristig würden sie sich aber gerne davon freischaufeln – und einfach für die Musik respektiert werden, die sie machen.  

WU LYF

Go Tell Fire to the Mountain

Release: 10.06.2011

℗ 2011 L Y F Recordings

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