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Stille Orte

Eine Begegnung mit Moses Sumney

Die Musik, die Stimme und das Charisma von Moses Sumney wirken auf ganz besondere Weise. Sitzt man ihm gegenüber, ist man ein wenig benommen von seiner Erscheinung, seiner Stimme, seinen Gesten. In ebendiesem Benommenheitszustand hat Stephan Uersfeld den folgenden Text verfasst.
Geschrieben am
An einem heißen Tag im August liegt Moses Sumney, Pastorensohn aus Los Angeles, in einem Raum in einer der oberen Hinterhofetagen des Berliner Szenehotels Michelberger. Unweit des Hotels verweilen etliche von der Hitze geplagte Menschen für einen Moment auf der Warschauer Brücke. Sie lassen ihren Blick über die Skyline der deutschen Hauptstadt schweifen, um sich dann mit einem Getränk am Spreeufer niederzulassen und auf die Nacht zu warten. 

Sumney braucht heute keine Skyline mehr: Er ist erschöpft. Er wartet auf das nächste Interview. In Gedanken geht er noch einmal seine Antworten durch und fragt sich, was er wohl noch alles beantworten muss. Er ist erschöpft, aber glücklich. Er steht auf, durchschreitet den Raum, scannt ihn, das Sofa und wie es, wenn er sich setzte, das Licht für einen Wimpernschlag verdrängen würde. Wieso sehen wir die Welt, wie wir sie sehen, fragt er sich. Und wann formt sich der Blick auf die Welt, und wie verformt er sich?

Waren es die Kirchen, die Hinterzimmer der Gebäude, die zu Kirchen wurden und in denen er die ersten Jahre seines Lebens verbrachte? Waren es die langen Busfahrten während der sechs Jahre als Jugendlicher in Accra, die er entkoppelt von seinem eigentlichen Leben in der kalifornischen Sonne verbrachte? Er hört Nelly Furtado, er hört Brandy und fühlt, wie es war, damals, als sein Vater ihm die Alben von dessen Reisen aus den USA mitgebracht hatte. Seine letzte Verbindung. Sein Ausgangspunkt. Die Rückkehr nach Los Angeles. Die Arbeit im Social-Media-Department einer Pizzakette, die Kampagnen-Planungen, die Customer Relations. Ray LaMontagne auf den Ohren. 
Die ersten Schritte in die Musik. Seine Treffen mit Dave Sitek, mit Solange. Ein Showcase auf der New York Fashion Week. Wie er seinen Stil findet. Schicht für Schicht. Bis sie ihn erdrücken. Doomed. Flügel aus Plastik. Prepared for the fall. Die Vergleiche, die nie ausbleiben. Prince, Jeff Buckley, Nina Simone. Nur die ganz großen Namen. Simone covert er. Solange ist sein Anker. Immer wieder die Frage nach ihr, nicht nach ihm. Noch.
   
Kein Gospel, keine Energie. Sumney will, sagt er leise vor sich hin, während er das Fenster öffnet und die Augustluft in den Raum strömt, seinen Zuschauern das Reden nicht verbieten. Aber seine Musik, findet er, ist an stillen Orten besser aufgehoben. Sie ist Kunst, sie erschließt sich nur, wenn man sich auf sie einlässt. Er blickt aus dem Fenster. Morgen wird er woanders sein. Auf der Warschauer Brücke stehen die von der Hitze geplagten Menschen. Still. Kein Windhauch.

Moses Sumney

Aromanticism

Release: 22.09.2017

℗ 2017 Jagjaguwar

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