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»Ich kann nicht mehr kalt sein«

Dillon im Gespräch

Die frühere Königin der Post-Teenage-Verzweiflung tritt ins Licht. Ihr neues Album »Kind« ist ein Konzeptalbum über die Liebe. Steffen Greiner ließ sich von Dillon erklären, warum sie mehr wie ein Horn in F klingt als wie eine Frau im Kleid – und wie man komplexe Zeiten mit sich selbst haben kann.
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Dillon kommt zu spät zum Interview, da sie mit dem Auto durch den Feierabendverkehr musste. Tags zuvor hatte sie einen Fahrradunfall gehabt – business as usual: Rechtsabbieger im Osten der Stadt. Zwar musste sie einen Tag im Krankenhaus verbringen, kam aber ohne einen Kratzer raus. »Man sollte vielleicht nicht Fahrrad fahren, wenn man in der Woche darauf ein Konzert in der Elbphilharmonie spielt«, sagt Dominique Dillon de Byington und blickt grinsend zu ihrer Managerin. Wer Dillon als traurig-bleiche Princess Borderline mit schwarz umrandeten Augen kennt, die Anfang des Jahrzehnts zwingende, drängende Klavier-Songwriterstücke mit elektronischem Fundament und feiner Ornamentierung spielte, als das sonst nur Björk machte und Lana Del Rey noch zu erfinden war, wird über das irgendwie gebrochene Charisma zwischen Hippie, kunsthandwerklichem Dandytum und Großraumdisco stolpern, mit dem sie jetzt in der letzten Sonne vor dem Café sitzt.

Sechs Jahre nach dem Debüt hat sich offenkundig etwas bei Dillon verändert, und das ist weniger in der Musik begründet als in ihrer Haltung zum Leben. »The Unknown«, ihr zweites Album von 2014, war von Schreibblockaden geprägt, von den Nachwirkungen der ersten großen Touren, Zusammenbrüchen und Orientierungslosigkeit. Sie musste über Dinge schreiben, sagt sie, über die sie nicht nachdenken wollte. Damals klang das oft dramatisch: Sie müsse singen, sonst müsse sie weinen, sagte sie in einem Interview.
»Ich bin nicht traurig auf die Welt gekommen. Manche Menschen sind mit einer traurigen Seele geboren. Ich nicht. Aber es sind viele Sachen passiert, die mich belastet haben. Natürlich musste ich mir überlegen, ob ich es mir gegenüber verantworten kann, Musik zu machen. Aber dann war immer das nächste Lied fertig, und es hat sich richtig gut angefühlt. Ich musste mir die Frage stellen: Geht das noch auf für dich?« Dillon zündet sich eine Zigarette an, beschwert sich über das hässliche Feuerzeug, zu gelb ist es, zu rund. Doch die Ablenkung währt nur kurz. »Ich möchte nicht mehr als notwendig leiden. Früher habe ich nicht verstanden, dass ich nicht leiden muss. Für mich war es normal, nicht okay zu sein. Mittlerweile bin ich okay. Das heißt nicht, dass es mir immer gut geht, aber ich suche mir aus, wann ich mich beschwere. Manchmal muss man seine Energie aufbewahren, damit etwas Schönes entsteht. Das kann todtraurig sein, aber immerhin schön. Oder zumindest warm. Ich kann nicht mehr kalt sein, ich beschwere mich ja schon über die Kälte in der Stadt, dann kann ich nicht auch noch kalt sein. Manche Sachen kann man bewusst entscheiden!«

Der Kontrast zur Geschichte des letzten Albums könnte in der Tat größer nicht sein. Nach den Titeln »This Silence Kills« und »The Unknown« spielt sie nun mit »Kind« auf einer sanfteren Klaviatur; die deutsch-englische Doppelbedeutung des Wortes ist durchaus intendiert, es geht um die Liebe. Und die Stimm-Perfektionistin, die auf dem Album »Live At Haus der Berliner Festspiele« deutlich hörbar mit der Zusammenarbeit mit einem Chor gerungen hat, lässt gleich zu Anfang eine Stimme zu, die nicht die eigene ist. Weil Liebe zwar auch allein geht, aber doch besser, wenn da noch jemand ist. Es ist eine vertraute Stimme, sie gehört Tocotronics Dirk von Lowtzow: »Er ist für mich Familie in Berlin. Und es war so schön, ihn da zu haben, gerade auch in diesem Lied, weil es Fragen und Antworten sind. So ist es auch im realen Leben zwischen uns: Ich frage ihn, er gibt eine Antwort. Er fragt mich, ich gebe eine Antwort.«
Dillon stürzt sich in die Liebe als abstrakte und konkrete Kraft. Sie widmet Lieder ihren Weggefährten, dem musikalischen Langzeitpartner Tamer Fahri Özgönenc etwa. Ihrer Mutter hat sie ein Stück in ihrer Muttersprache, brasilianischem Portugiesisch, eingesungen – in ihr Phone am Küchentisch. »Eine Sprache, in der ich mich überhaupt nicht ausdrücken kann, ich spreche wie eine Zehnjährige, anscheinend mit deutschem Akzent.« Sie widmet Lieder der Liebe zum Selbst, der Liebe zur Natur und der Onlineliebe. Und erstaunlicherweise wird es nie peinlich. Eigentlich klingt es, wie Dillon immer klang, dabei hat sich der Sound erweitert, um alchemistisch eingesetzte Bläsersätze etwa: »Bläser sind viel näher an meinem Gesang als andere Frauenstimmen. Ich höre mich eher an wie ein Horn in F als wie eine Frau im Kleid.«  

Doch natürlich wird auch aus einer wesentlich erleichterten Dillon noch keine Partyqueen. Selbst wenn sie die Rolle sicher gut beherrschen würde. Dennoch sagt sie: »Ich brauche keine Szene. Ich habe komplexe Zeiten mit mir selbst.« Und nur, weil Dominique Dillon de Byington keine noble Blässe mehr ausstellt und stattdessen auf dem Cover mit Blumen bekränzt von der Liebe singt, vom Wachsen der Bäume und vom Licht, ist ihre dunkle Freakiness ja nicht verschwunden: »Das gehört auch zu mir. Selbst wenn ich Lieder über Sonnenblumen schreiben würde: It’s still gonna be fucked up!«

Dillon

Kind

Release: 10.11.2017

℗ 2017 [PIAS] Recordings Germany

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