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Umlaute Of The World Unite And Take Over

Die Sterne

Die Sterne sind nicht Hamburg. Schon gar nicht Deutschland, zum Glück. Dennoch gehören Frank Spilker, Thomas Wenzel, Christoph Leich und Richard von der Schulenburg zur Hansestadt wie der Michel oder der Fischmarkt - zu viele persönliche und lokale Verknüpfungspunkte durchziehen die Bandhistorie bis
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Die Sterne sind nicht Hamburg. Schon gar nicht Deutschland, zum Glück. Dennoch gehören Frank Spilker, Thomas Wenzel, Christoph Leich und Richard von der Schulenburg zur Hansestadt wie der Michel oder der Fischmarkt - zu viele persönliche und lokale Verknüpfungspunkte durchziehen die Bandhistorie bis in die Gegenwart. Ein kleiner Stadtbummel im Karolinen-Viertel beweist das: hier der Friseur von Sänger Frank Spilker, dort der Herrenausstatter in Steinwurfnähe. Mit dem mittlerweile achten und angenehm großartigen Album "Räuber Und Gedärm" (V2 / Rough Trade) im Rücken flaniert es sich umso leichter. Die Songs spiegeln die Gemeinschaft und das Repertoire vier unterschiedlicher Typen wider, die diesmal den Band-Charakter hervorgehoben haben.

"Bitte kommen Sie näher, unsere Produkte kommen an seit jeher." ("Abends Ausgehen")

Treffpunkt Karo Ecke. Vier Sterne, Manager Jan und Katrin von V2. Draußen ist es grau, kalt, ungemütlich. Richard kommt mit dem Fahrrad, Frank aus der Nachbarschaft zu Fuß. Milchcafé für alle. Das Karoviertel in Hamburg liegt zwischen dem ehemaligen Schlachthof und der Feldstraße. Ein Mikrokosmos, geprägt von kleinen Boutiquen für individuelles Shopping. Viele Bewohner sehen nach Out-of-Bed-Look aus. Und einige sind es wohl auch. Die exzentrische und schwer angesagte Schanze in der Nähe färbt mit einem Bevölkerungs-Mix aus Alternativen, Werbern, Studenten und Künstlern ab.
"Das Weltall Ist Zu Weit" liegt knapp zwei Jahre zurück. Es verkörperte ein Statement mit starkem Sendungsbewusstsein, das der Band seit Jahren auf dem Herzen lag. Wie schon beim Frühwerk "Fickt Das System" dominierte ein zweifelndes Hinterfragen der Dinge, ein Aufruf zur Opposition und das Offenlegen von Missständen in der Gesellschaft. Frank beschrieb die Solidarität im Randbezirk als ein "Schutz-Wir", das man sich einrichtet, wenn man angegriffen wird. Im Nachhinein eine wichtige Entscheidung, die Platte rauszubringen: "Es war auch klar, dass sie nicht so gut ankommt. Aber egal, die musste gemacht werden." Ein Album steht nie isoliert in der Diskografie einer Band. "Wer weiß, vielleicht gäbe es uns gar nicht mehr, wenn wir nicht zwischendurch so was rausrotzen würden", gibt der Sänger zu bedenken. Und setzt gleich nach: "Leute bedienen ist nicht unsere Absicht."
Das Hinterfragen existiert auch weiterhin, doch Die Sterne formulieren es diesmal anders. In zwei Trainingslagern (in Tschechien und im nordfriesischen Fresenhagen auf dem Landsitz der ehemaligen Ton Steine Scherben) machte sich die Jungs-Clique fit für das Album, verbrachte viel Zeit zusammen und schrieb - bis auf "Unsere Ideen Sind ... Genital", das von Spilker allein stammt - sämtliche Songs gemeinsam. So konnte die Band auf die Mittel zurückgreifen, die jedes der Mitglieder seit Jahren mit einbringt. Poppige Melodien im harten Sound sollten es werden, möglichst schnelle Stücke, das war genug der Orientierung - das wussten auch Produzentin Peta Devlin, Produzent Chris von Rautenkranz und Masterer Christian Mevs. "Midtempo-Nummern sind uns live zu langweilig. Im Studio geht das, aber auf der Bühne freut man sich dann eher auf was Schnelles", spricht Schlagzeuger Christoph aus, was alle denken. Der Labelgründer von Materie Records ist der Einzige, der in Berlin wohnt. Dort veröffentlicht er auch das aktuelle Album von Pascal Fuhlbrügge, der wiederum vor den Sternen gemeinsam mit ihm bei Kolossale Jugend spielte. Der "Stell die Verbindung her"-Aspekt funktioniert anscheinend wie zu besten "Posen"-Zeiten.

"Ich bin billig - nimm mich mit!" ("Billig!")

Wir ziehen durch die Marktstraße und landen bei Groove City. Marga grüßt in die Runde, doch alle stürzen sich auf das schwarze Gold. Thomas ergattert eine Chic-LP, Richard stöbert in der Soul-Abteilung und wird bei Al Green fündig. Frank rümpft die Nase. Und dieser Augenblick demonstriert vortrefflich, dass bei den Sternen weiterhin vier (musikalisch) heterogene Charaktere aufeinander prallen, die sich zu einer Band zusammengefunden haben. Ecken, Kanten, Reibung. Tastenmann Richard findet diesmal vor allem den Ausgleich von epischen und tanzbaren Stücken sehr gelungen. Er ist auch Antreiber und Pulsgeber bei Songs wie "Es Hat Alles Sein Gutes" oder dem heimlichen Hit "Wenn Ich Realistisch Bin". Der große Unterschied zu den übrigen Bands, die gemeinhin der Hamburger Schule zugeordnet werden: Die Gitarre schrammelt keine Flächen voll, sondern setzt Akzente und stellt dadurch eine Vielzahl an Tanzgeboten auf ("Abends Ausgehen", "Es Gibt Nichts Spannenderes"). Frank: "Es geht doch hier um Dilettantentum. Generell finde ich Musik interessant, die es schafft, aus Schwächen etwas herauszuholen, die Charakter hat und mit dem vorhandenen Material arbeitet." Die Musik solle nicht platt gemacht werden wie bei abgewichsten Studiomusikern. Mit dem Wissen, aus einer kleinen Idee (Thema, Groove) einen Song bauen zu können, spiele es sich für Die Sterne sehr unverkrampft. "Was Ist Mein Kleiner Grashalm" steht beispielhaft für diese Sparsamkeit voller Zauber. Bei "Billig!" dagegen stimmen Form und Inhalt überein. Es zählt hierbei weniger der "Geiz ist geil"-Gedanke, sondern die Frage, bis zu welchem Punkt man käuflich ist. Als Mensch, als Kunde, als Arbeitnehmer, als Band. In diese Richtung zielt auch "Am Pol Der Macht", dessen Textzeile "Und egal wie viel Päpste sterben, es ist noch nicht vollbracht / Du bist wohl immer noch nicht nah genug am Pol der Macht" Spilkers feines lyrisches Gespür unterstreicht, ohne die politische Brisanz zu mildern.

"Was tun wir denn dagegen? Als ob wir Deppen wären! Was passiert hier eigentlich? Nur Räuber und Gedärm!" ("Räuber Und Gedärm")

Uebel & Gefährlich, der neue Indie-Club im vierten Stock des Bunkers an der Feldstraße, ist noch eine Großbaustelle. Immerhin steht das Tresenfundament. So so, hier wird man also nach Astra schreien ... direkt am Hamburger Millerntorstadion mit fantastischem Blick über die Stadt. "Der ist schön doof, der Name - und außerdem: Da rattert es im Kopf", wird Tino Hanekamp zitiert. Möglicherweise bekam er als einer der Betreiber den entscheidenden Ruck zur Namensfindung, nachdem er im Gespräch mit Spilker den Sterne-Albumtitel erfuhr. Umlaute of the world unite and take over. Von 80 bis 1200 Leuten fassen die unterteilbaren Räumlichkeiten, in denen die Local Heroes - Rocko Schamoni, Tocotronic, Die Sterne und Blumfeld - ihre Live-Premieren feiern werden. "Als Hamburger Band sind wir froh, dass es einen weiteren Laden gibt, wo man spielen kann", erzählt Thomas. "Ansonsten hatte man immer die Wahl: 'Markthalle, Fabrik, Knust oder Freiheit?' Aber das hatten wir alles schon mal". Oft fühlen sich Die Sterne von außen zu sehr auf die Hamburg-Schiene beschränkt, diese beinahe aufgezwungen. Frank: "Dieses Provinzielle, was Hamburg auch auszeichnet, nervt dann manchmal. Meine musikalischen Parallelen beispielsweise zu Bernd Begemann gehen über Kreuz." Einflüsse kommen umso mehr von aktuellen Bands wie Clap Your Hands Say Yeah, Arctic Monkeys oder Art Brut nach einem gemeinsamen Konzertbesuch. Ansonsten treffen sich die vier in Hamburg tagsüber selten - es sei denn, Frank und Thomas basteln als Familienväter auf dem Wochenmarkt weiter an der "Papa-Connection". Es ist die gleiche Band. Es ist eine neue Platte. Eine sehr gute.

"Ich bin am Ende, es geht mir schlecht, obwohl, wenn es mir so richtig schlecht geht, dann rede ich nicht so viel darüber wie jetzt." (Single "Aber Andererseits")


Karo Ecke
(Marktstraße 92 / Laeiszstraße)
Luka Skywalker, Noch-Betreiberin der Marktstube, konzentriert sich ab Ende März komplett auf das charmante Eck in der Nähe vom Knust. Leckeres Kichererbsencurry, aber auch Chili und Pasta sind zu empfehlen. Ein Eberkopf thront über der Salonecke, der Fake-Kamin sorgt für imaginäre Wärme. Beliebter Gruppentreff sämtlicher Couleur.

Groove City
(Marktstraße 114)
Der Plattenladen deines Vertrauens. Klobige 80s-Ghettoblaster als Wand-Deko. Ausschließlich Vinyl im Sortiment: Jazz, Soul, HipHop, Funk und Rare-Groove-Scheiben, neu und gebraucht. Im Büro hängen Fotos von Besitzerin Marga Glanz mit Stefan Koze - hier kennt jeder jeden; Support-Shop im hinteren Teil mit Streetwear und Boards; Öffnungszeiten: Mo-Fr 11-19 Uhr, Sa bis 17 Uhr.


Foto: Justin Winz

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