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Verdammte Ungerechtigkeit der Natur, Zeit vergehen zu lassen

Die Sterne

"Das Neue entsteht meistens aus gewagten Kombinationen" Als ich die Vorabkopie vom neuen Sterne-Album vor einigen Monaten zum ersten Mal hörte, musste ich spontan beim ersten Stück loslachen. "Nur Flug", gleichzeitig die erste Single, basiert auf einem Sample von "Black Is Black", 1966 von Los Brav
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"Das Neue entsteht meistens aus gewagten Kombinationen"

Als ich die Vorabkopie vom neuen Sterne-Album vor einigen Monaten zum ersten Mal hörte, musste ich spontan beim ersten Stück loslachen. "Nur Flug", gleichzeitig die erste Single, basiert auf einem Sample von "Black Is Black", 1966 von Los Bravos zum ersten Mal veröffentlicht und in den 70ern von Belle Epoque zu einem Disco-Klopper im Mjunik-Stil transformiert. Und ich meine, im Strophenteil auch noch ein bisschen "Waiting For The Train" von Flash & The Pan rauszuhören. Mag zunächst völlig absurd klingen: Sound Of Mjunik, Früh-80er-Synthipop und Die Sterne? Aber: Es funktioniert, es wirkt so wunderbar frisch und funky, dass mir schier die Spucke wegbleibt. Gilt im übrigen für das ganze Album. Als wäre hier eine Newcomerband am Start, die danach dürstet, endlich aus dem Übungsraum zu steigen und ihre Musik einer Öffentlichkeit zu präsentieren.

Frank Spilker: "Ein bisschen war das so, weil wir ja auch quasi eine neue Band sind. Richard von der Schulenburg, der neue Keyboarder, hat hier sein Debüt gegeben und entsprechend geackert." Produziert wurde "Irres Licht" von Olaf Opal, der schon für Notwist, Slut, Miles und Liquido aktiv war. Überhaupt fügt sich die "alte Dame" Sterne mit "Irres Licht" quasi in eine deutsche Poplandschaft ein, die nach ihnen und sicherlich auch durch sie entstanden ist. Die Sterne sind sozusagen bei ihren Nachkommen angekommen. Frank Spilker: "Wir waren auf der Suche nach dem aufregenden Sound, den man schon lange nicht mehr gehört hat, oder der vielleicht sogar neu ist, wer weiß."

Ex Machina

"Eine Geschichte des Roboters von 1950 bis heute" heißt die Ausstellung in Köln, die ich mit den Sternen besuche (siehe auch Artikel im Intro 92) - als Ausklang eines langen Interviewtages, zum Wegkommen vom Kontext einer Frage-Antwort-Situation in einem Plattenfirmenbüro. Ich bleibe zusammen mit Richard von der Schulenburg sprachlos und begeistert vor den ausgestellten Kraftwerk-Imitationsgummipuppen in lebensgroß stehen. Leider nicht die Roboterfiguren aus "The Mix"-Zeiten, sondern die mit grün leuchtenden Neonstreifen überzogenen Taucheranzüge, die sie in - glaube ich - Glastonbury anhatten. Ziemlich gut präsentiert, in einem dunklen Raum, in vier einzelnen Vitrinen. Darunter vier Monitore, auf denen die "The Mix"-Roboter gezeigt werden und ab und zu das Wort "Roboter" eingeblendet wird. Unglaublich, dass "Die Mensch Maschine" schon 1978 veröffentlicht wurde. Die Erfindung des Elektropop. Thomas Wetzel wirft später beim Essen und Wurzelnsuchen passenderweise noch "Hot Butter" von Popcorn ins Rennen. Neben einem Roboter, der kleine farbige Plastiksteinchen zu dem Wort "Art" zusammenlegen kann, stellt Frank Spilker die These auf, dass Kraftwerk immer eine Band der 70er Jahre bleiben werden. Sind Die Sterne dann eine Band der 90er? "Kann man vielleicht so sehen, auch wenn die Zeit aus der subjektiven Perspektive nicht in Dekaden sondern kontinuierlich verläuft. Zum Glück haben sich die Sterne nicht so ein enges Konzept gebaut wie beispielsweise Kraftwerk. Die konnten ja am Ende gar nichts dafür, dass später alle elektronische Instrumente benutzten. Aber sie haben es vorausgesehen."

Haben die Sterne vielleicht auch etwas vorausgesehen? Das Komische ist: Man kann so etwas eigentlich nur zusammendenken, wenn es schon vor der eigenen Musiksozialisation Geschichte war. Verklärung und Verfälschung sind eben meistens das, woraus Superlative gemacht werden. Die Sterne aber sind zu nah dran, als dass man sie verklären und ihren Einfluss verfälschen könnte, trotz mittlerweile über 10-jähriger Geschichte. Wenn man viele Äußerungen einer Band bewusst miterlebt hat, dann fällt Abstand sehr schwer. Es ist mit Sicherheit die Sprache der Sterne, die etwas bewegt hat. Man könnte da jetzt ewig über den Einfluss vieler Hamburger Bands auf deutschsprachige Popmusik schwadronieren - aber das hat dann speziell mit den Sternen nur wenig zu tun. Wahrscheinlich liege ich völlig falsch, aber bei den Sternen schleicht sich für mich immer ein Gefühl von Vagheit ein. Vor allem die späteren Alben, ganz besonders "Wo Ist Hier", haben etwas Unverbindliches. Eine beruhigende Ahnung von Losgelöstheit, die aber ganz uneuphorisch daherkommt. Zufällig in etwas hineingeraten, aber die Situation, auch wenn sie verwirrend ist, als angenehm empfinden. Das komplette Gegenteil von Blumfeld, eher schon wie Tocotronic auf "K.O.O.K.". Gefühle durch Beschreibungen von Situationen fassen, die aber nie auf bestimmte Probleme zielen oder gar eine Kampfansage an Bestehendes sind.

Das Hinterfragen von Zuständen funktioniert eher auf einer sehr abstrakten Ebene, lässt Leerstellen, schwarze Löcher, in die man sich höchstens emotional einfinden kann. Ein wacher Beobachterblick, der sich vor dem Zu-Ende-Denken scheut, und davor, Konsequenzen zu ziehen. Frank Spilker: "Vieles von dem, was du sagst, kann ich nicht nachempfinden, weil ich leider nie die Erfahrung machen durfte, eine Sterne-Platte wie einen ersten Eindruck wahrzunehmen. In meinem Kopf gibt es immer dieses mitgedachte, aber nicht ausgesprochene Potential eines Songs. Und das ist übrigens eine Intention und nicht Feigheit vor dem Feind - nicht alles auszusprechen, meine ich. Ich finde, dass Anprangern und Konsequenzen ziehen immer etwas Lehrerhaftes hat, deswegen übe ich mich doch lieber im Beschreiben."

"Ich aß Fisch und Fleisch und Speck, einiges lass ich heute weg."

Später, beim gemeinsamen Essen, frage ich Frank Spilker, was er wohl empfunden hätte, wenn er 1987 in Bad Salzuflen zusammen mit Jochen Distelmeyer und den anderen vom "Fast Weltweit"-Label "Testament Der Angst" und "Irres Licht" angehört hätte. "Sie würden sicherlich verglichen werden mit der neuen Neubauten. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn wir das gehört hätten, was wir dann für Visionen entwickelt hätten. 1987 haben wir die erste Sterne-Single aufgenommen. Das war eine völlig andere Band, ein 4-Spur-Projekt von mir. Jochen Distelmeyer habe ich da gerade erst kennengelernt und es war eine Zeit, in der sehr viel theoretisiert und rumgesponnen wurde. Es wäre wohl sehr verstörend für uns gewesen, weil es damals gar keine deutsche Musik gab, außer den Neubauten. Es wäre damals wohl auf einem niedlichen kleinen Label in Süddeutschland herausgekommen und hätte 200 Kopien verkauft. Beide Platten zusammen. Ich kann nicht sagen, dass "Irres Licht" für mich die Einlösung der Ideale ist, die ich damals hatte. Aber das Album hätte schon viel von dem gehabt, was mir damals als Vision vorschwebte. Aber ich hätte sie wahrscheinlich zu erwachsen gefunden. Ich war 19, ich hätte das ein oder andere anders gesehen." Das Essen kommt, und Frank muss die Auster des Vorspeisentellers schlürfen. Ich kriege das Ding nicht mehr runter, seit er mir Unkundigen erzählte, dass sie noch lebt. Richard von der Schulenburg nimmt sich derweil den Titel eines alten Sternelieds zu Herzen. "Du Sollst Nicht Vergessen Zu Essen". Nach Lammcarée gibt es Creme Brulée satt, am Ende stehen drei oder vier Schüsseln vor Richard, alle makellos leergeschlemmt.

"Ich spüre nur, dass irgendwas mit Zeigern nach mir schmeißt."

Themawechsel. Frank Spilker switcht von der Frühphase ins Heute: "Ich vermute, dass man im Alter einfach nur besser damit leben kann, nicht alles zu wissen. Man findet seinen Frieden womöglich durch Ignoranz." Ein interessantes Statement - aber lässt sich diese Ignoranz irgendwo zwischen den Zeilen von "Irres Licht" ausmachen. Ob man Ignoranz mit Resignation gleichsetzen kann. "Wahr Ist, Was Wahr Ist", heißt ein Stück, "Wir Verstehen So Manches Nicht" ein weiteres, "Alles Vergeht" gar das letzte. Lebensweisheiten eines Musikers: "Das Leben kann verschiedene Spuren hinterlassen in der Seele eines Menschen, das muss aber nicht zu Verbitterung führen, oder zu Ironie und Sarkasmus. Ich finde nicht, dass Ironie und Sarkasmus gewinnen." Ich bin mir nicht sicher, ob "Irres Licht" ironischer, sarkastischer oder gar resignativer klingt als die bisherigen Alben der Sterne. "Ich Bring Euch Beide Um" ist natürlich viel schwarzer Humor, aber "Wir Verstehen So Manches Nicht" ist ein Lied, das fast wie eine Art Rückschau wirkt, ein sehr ehrlicher Moment: "Ich hab mich selber Gott genannt, ich hab mich selbst versucht und mich selbst erkannt, ich wusste bald, ich brauche das nicht, ich lass es lieber weg, ich dachte lieber kümmert man sich selbst um sein Geschick", heißt es da. Und Frank resümiert weiter über die Entwicklung der Band: "Wir sind uneitler geworden. Früher ist Eitelkeit sicherlich auch eine Taktik gewesen. Es standen weniger Gedanken oder Themen im Mittelpunkt, sondern der Denkende selbst, der Erzähler. Das ist sicherlich eine Form von Eitelkeit, wie ich im Nachhinein sagen muss, dass es einem wichtig war, sich so darzustellen: Ich als Person habe diese tollen Gedanken. Wobei ich nicht sagen will, dass uns die Sache scheißegal war."

Was sicherlich auch mit dem Verstreichen von Zeit und eigener Entwicklung zu tun hat. Damit, heute nicht mehr alles in eine Platte reingeben zu müssen, was einem an Gedanken durch den Kopf geht, wie es vielleicht bei einem Debütalbum passiert. Man weiß schließlich nie, ob es noch eine weitere Platte geben wird, ob man noch einmal die Möglichkeit bekommt, sich zu äußern und vor allem: gehört zu werden. Nach sechs Alben ist das kein Thema mehr. Die Sterne haben Gedankenspuren in der Musik hinterlassen. Und werden weitere Spuren legen. Schließlich führt einen ein "irres Licht am besten, wenn man es nicht beachtet".

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