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Beste Regierung aller Zeiten

Die Regierung im Gespräch

Damit hätte auch niemand mehr gerechnet: Die Regierung ist wieder da. Tilman Rossmy sitzt am Tresen und erzählt von den Sachen, die ihm aufgefallen sind, während er weg vom Popbusiness-Fenster war. Doch insgesamt hat sich nicht viel verändert: Er nölt immer noch, und Die Regierung ist fantastisch. Zeit, einer der wichtigsten deutschsprachigen Bands ein wenig Respekt entgegenzubringen, findet Stephan Uersfeld.
Geschrieben am
Das neue Regierung-Album heißt »Raus«. Es ist eine ziemliche Sensation. Und das 22 Jahre nach »Alles gar nicht wahr«, dem Abgesang auf die Hamburger Schule und deren Protagonisten, die sich mehr für Koks und ihre Frisuren als für alles andere interessierten. Das war nicht mehr Tilman Rossmys Ding: »Mir ging das Geschrammel auf den Sack. Das war vom Timing her total tödlich«, sagt Rossmy heute über das Ende seiner Teilnahme an der Hamburger Szene. Er wird jetzt bald 60, hat zwischendurch mal dies und mal das gemacht und schrammelt jetzt wieder. Wenn auch nur als Teilzeitarbeiter. »Die Regierung soll schon Indie sein und in ihrer Tradition bleiben. Es macht doch keinen Sinn, mit dieser Band eine Country-Platte zu machen.«

Country war irgendwann zu seiner Sache geworden, nachdem er aus der Indie-Welt ausgestiegen war, in der Die Regierung 1994 mit »Unten«, ihrem bis dato letzten, auf dem damaligen Vorzeigelabel der deutschen Popkultur LADO erschienenen Album, überhaupt erst richtig angekommen waren. Damals schien alles perfekt. Die Regierung hatte abgeliefert: Erst »Supermüll«, den 1984 aufgenommenen und lange verschwundenen, dann 2015 neu aufgelegten Meilenstein der Postpunk-Historie, der damals mit ein paar Jazzmusikern eingespielt worden war, die dieser Musik eigentlich nur wenig abgewinnen konnten. Zu diesem Zeitpunkt war Rossmy bereits Mitte 20. Und als er nach einem weiteren Album in den Norden gezogen war und als Klassenältester der Hamburger Schule mit »Unten« seine Spuren hinterließ, in seinen 30ern. »Ich war da die große, weiße Hoffnung«, sagt Rossmy. Aber nicht lange. Seine Zeit war abgelaufen. Er ging noch mit Tocotronic auf Tour. Die Regierung als Main-Act, von Lowtzow und Co. als Support. Am Ende hätte man es umdrehen können, sagt Rossmy. 

Update: Das mit der Tour war wohl damals doch ein wenig anders. Danke für den Hinweis an Die Regierung. Die Redaktion.
»Tocotronic waren immer so supernett. Die waren alle wie Kunststudenten aus England, haben das ganze Marketing durchgezogen. Fotos, die immer das gleiche Feeling hatten. Fotos, Image, das hatten wir anderen LADO-Bands alle irgendwie nicht drauf. Wir haben Fotos mit Kettensägen gemacht.« Das war Mitte der 1990er sicher nicht förderlich – in einer Zeit, in der sich die deutsche Popkultur noch einmal kurz erhob, bevor sie den Bach runterging. In England duellierten sich damals Oasis und Blur, aus Amerika wurden immer neue Gitarrenbands über den Ozean gespült. Pavement, The Lemonheads. Dieser Kram. In Deutschland war die Hamburger Schule der heiße Scheiß.

Die Regierung aber gab es nicht mehr. Aus. Rossmy wurde danach bewusst anti-alternativ, wie er es ausdrückt. Schlechtes Timing. »Mein Vertrieb Rough Trade wollte mich in die Tocotronic-Ecke drücken, und ich komme dann mit ganz anderem Zeug an. Die anderen haben auf Krach gemacht. Ich konnte das nicht mehr hören. Ging mir echt auf den Zeiger. Das hat ein paar Freundschaften zerstört.« Aus Anti-Alternativ wurde Country, aus LADO erst Glitterhouse und wenig später ein Eigenvertrieb, aus der Regierung wurde das Tilman Rossmy Quartett, das durch die Lande tingelte und in kleinen Kellerclubs auftrat. Zwar kamen immer noch Leute. Aber die wollten die alten Die-Regierung-Hits hören. Rossmy reiste im eigenen Land umher, coverte sich selbst, begeisterte sich für Sufismus, schrieb Lieder über Wein, über den Geist der Dinge. »Meine spirituelle Phase«, sagt er. »Das habe ich ein paar Alben lang so gemacht.« Alben, die immer weniger Menschen hören wollten, die immer weniger Beachtung fanden. Einmal in dieser Zeit trat eine Münchener Besetzung von Die Regierung auf dem Immergut auf. 2006 war das. Den Auftritt konnte man vergessen, die Band zerbrach.
Rossmy zog durch die Lande, wohnte in und flüchtete aus Lörrach, weil man da auch kaputtgeht. Er ging nach München und von dort aus in die Schweiz. »Ich habe dann Ski-Touren gemacht. Mit Fellen unter den Skiern, auch in Gebiete, in denen es keine Lifte gibt. Das ist echt irre. Und fast die einzige Art, in der modernen Welt noch Einsamkeit zu erleben. Total allein im Schnee. Das ist echt gut. Das ist tief. Da triffst du die Angst. Du kannst da sterben, ’ne Lawine auslösen. Was auch immer. Du bist ja Amateur. Das hat mich gepackt.«

Er ist nicht gestorben, wurde Vater, und irgendwann wollten die alten Fans im heimatlichen Essen wieder seine Songs hören. Das Quartett konnte nicht auftreten, sollte auch nicht mehr. Doch die frühe Essener Besetzung von Die Regierung konnte. Das Konzert war ausverkauft, das Gefühl wieder da. Ein paar Songs lagen auch rum. Dann eben ’ne Platte machen. Und was für eine. Ein Label fand sich unter den alten Liebhabern der Band recht schnell: »Ich kannte Staatsakt gar nicht und hab erst mal Google angeschmissen«, sagt Rossmy, im Staatsakt-Büro sitzend. »Das ist ja schon das LADO-Auffangbecken. Wir sind jetzt wieder Teil von der Indie-Familie. Ich höre mir die ganzen Staatsakt-Sachen an. Isolation Berlin find ich ganz gut, die haben einen guten Rock’n’Roll-Sänger.«

»Raus« ist kein Alterswerk, »Raus« ist richtig guter Indie-Pop. Rossmy schmeißt darauf mit seinen Beobachtungen nur so um sich. Viel hat sich bei ihm in den Jahren angesammelt, viel geht raus. Schonungslos, scharfsinnig. Beobachtend. Mit weirden Sounds, mit Lloyd-Cole-Cover, mit einer Tom-Liwa-Huldigung, diesem bemerkenswerten Liedermacher, der immer noch da ist und der von Rossmy bewundert wird. Mit der Mutation eines Klee-Songs, an dem Gunter Gabriel gescheitert ist und dem Die Regierung eine Sinnlosigkeit hinzufügt, die, so Rossmy, »schon wieder Sinn ergibt«. 

Diese Regierung ist die beste Regierung aller Zeiten, und neben Kritikerlob wäre jetzt auch ein wenig Respekt vom Rest der Welt schön. Damit es weitergeht. »Ich glaube nicht, dass ›Raus‹ schon das Ende war. Wir haben ein paar neue Songs, starke Songs. Da wird schon noch was kommen. Die Regierung oder Nashville. Wer weiß.«

Staatsakt (Universal Music)

Raus

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