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Die Lust am Spiel

Gossip

Das neue Album von Gossip wiederholt nicht die eindringliche Kombination aus No-Wave- und queerer Disco-Tradition des Vorgängers »Music For Men«. Eher verbindet »A Joyful Noise« klassische Rockriffs mit Mainstream-Disco. Jens Friebe traf in London auf die sympathische Freunde-Band, sucht aber immer noch nach der Originalität hinter ihren neuen Songs.
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Heftig waren die Schlagzeilen, die den heißluftballonartigen Aufstieg der Band Gossip nach deren letztem Album begleiteten: So titelte Spiegel Online: »Ein Popstar hat es dick – lesbisch, fett und genau deshalb ein Star«, während es auf www.welt.de hieß: »Schöne Menschen: Beth Ditto – dick, lesbisch, ein neues Sexsymbol«. Und das Faces Magazine fiel beiden mit der Überschrift »Fett, lesbisch, gut« ins Wort.
Und ich? Ich habe daraufhin nichts Besseres zu tun, als in einem Londoner Hotelzimmer meinen seit 15 Jahren eisern verteidigten Grundsatz zu brechen, NIEMALS einer Band eine Frage des beliebten Typs »Tut es weh, wenn ich mit meinem Reibeisen an dieser wunden Stelle schubber?« zu stellen.

»Nervt es nicht«, will ich also von Beth Ditto, Nathan Howdeshell alias Brace Paine und Hannah Blilie wissen, »immer auf fett und lesbisch reduziert zu werden?« – »Was soll’s«, sagt Sängerin Beth Ditto, »ist ja nicht falsch. Wir sind schließlich zu zwei Dritteln lesbisch und zu einem Drittel fett.« Schlagzeugerin Hannah Blilie führt das Problem sodann seiner endgültigen Lösung zu: »Wenn die Leute sich nicht für etwas Wichtigeres interessieren, ist das ihr Problem, nicht unseres.« Damit macht Blilie den Weg für den assoziativen Trialogfluss frei, der ein Interview mit Gossip so unterhaltsam, so angenehm, aus professioneller Sicht aber auch so schwer zu führen macht.

Ditto: Ich tue ja auch was für meine Figur. Eben habe ich zum Beispiel eine riesige Tüte Chicken Wings gegessen. Die Hälfte hängt mir aber noch zwischen den Zähnen. [Sie reinigt und forscht demonstrativ mit der Zunge]
Blilie: Vielleicht solltest du die Reste jemanden rausküssen lassen.
Paine: Wusstet ihr, dass die Dinger nur sechs verschiedene Formen haben, die sich immer wiederholen?
B: Ganz anders als Schneeflocken.
D: Nein! Du meinst Chicken McNuggets, nicht Chicken Wings.
P: Wolltest du nicht übrigens irgendwann mal vegan werden, Beth?
D: Konnte ich nicht, wegen Hühnchen. Ich könnte allerdings versuchen, Hühnchen-Veganerin zu werden.

Man sieht, hier handelt es sich nicht um eine trübe Zweckgemeinschaft hirntoter Mucker, die nur noch der Ehrgeiz und die Schmerzfreiheit zusammenhalten. Hier baden drei echte Freunde in einem nicht abreißenden Strom wechselseitiger Aufmerksamkeit.Partygespräche

In eine der raren Rede-Pausen hinein versuche ich auf das neue Album zu sprechen zu kommen. Sein Name lautet »A Joyful Noise«. Vor allem, was den letzten Bestandteil des Titels anbelangt, ist er alles andere als Programm. Alles Radauige, was die frühen Alben ausmachte und »Music For Men« zumindest noch ansatzweise besaß, fehlt jetzt. Das hängt eng mit der Produzentenwahl zusammen. Statt an Rick Rubin fest- und das Winning Team zusammenzuhalten, ließ man mit Bill Higgins und Marc Ronson den poppigen Hochadel das Klanggewand anlegen. Gossip wirkten schon immer wie eine Band, die von der Optik (welche nicht nur von Beths knuddeligem Pomp, sondern genauso von Hannahs ganzflächig tätowiertem Punk-Chic lebt) bis zum Sound alles perfekt durchdenkt. So muss man auch hinter der Entscheidung für Higgins und Ronson ein Programm vermuten. Dessen Existenz bestreitet das Trio aber mit beinahe verdächtiger Vehemenz.

Higgins habe Ditto durch Richard Mortimer, einen berühmten Londoner Club-Betreiber, kennengelernt, der, wenn ich es richtig verstanden habe, coole eintrittsfreie Partys für mittellose Hipster ausrichtet. Jedenfalls habe man sich auf einer dieser Partys nett unterhalten und dann später bei Higgins im Studio getroffen. Einfach so, aus Scheiß. Beim Rumspinnen und spielerischen Aufnehmen sei man dann fast unwillkürlich in eine Plattenproduktion hineingerutscht. Sie selbst habe, beteuert Ditto, noch bis kurz vor Ende der Aufnahmen gar keinen Schimmer gehabt, wer der Mann genau sei und was er sonst so mache.

Erst dachte ich, das sei gelogen und Beth Ditto dem Irrtum erlegen, das geringste Interesse für ihren eigenen Produzenten mache sie zu einem berechnenden Miststück. Nach erneutem Hören von »A Joyful Noise« muss ich allerdings zugeben, dass der Fatalismus glaubhaft klingt. Hier scheint es tatsächlich kein wirkliches Konzept, keinen irgendwie beschreibbaren Ansatz zu geben.

Virtuelle Zwischenfrage eines erbosten Gossip-Fans: »Ach, konnte man denn den Ansatz des Vorgängers beschreiben?« Antwort: Ja, sehr wohl, und zwar folgendermaßen: »Music For Men« kombinierte die zu jener Zeit brandheiße Jungsmusik – eine durch Tanzbarkeit und Druckfülle bewerkstelligte, gleichwohl verharmlosende Reanimation von gitarrenlastigem No-Wave – mit Elementen einer queer und schwarz angehauchten Disco-Tradition. In etwa: Gang Of Four treffen via Franz Ferdinand Gloria Gaynor. Eine unerhörte Mischung also, die trotzdem organisch und unmittelbar überzeugen konnte.

Auf dem neuen Album sucht man nach ähnlich Originellem und Zwingendem vergeblich. Wie Rockriffs hier in discoverträgliche Arrangements gebacken werden, klingt mal nach Pink minus kindlich-prolligen Überschwang, mal nach Peaches minus modernistischen Biss. Beth Ditto singt nach wie vor toll, erfindet schöne Melodien – ihre vokalakrobatische wortlose Hook à la Morrissey macht die Single »Picture Perfect World« beispielsweise zum todsicheren Smashhit. Aber sie muss sich alles in allem echt abstrampeln, um – die ganze Prägnanzlast allein am Hals – nicht im amorphen Quark der Produktion zu versinken.Damals im Kackdorf

Unendlich weit weg scheint die alte Riot-Grrrl-Zeit zu sein. Einzig konsequent ist das neue Album darin, dass es die unterwegs entwickelte Strategie, den befreienden Geist der Bewegung gegen deren eigenen Purismus zu wenden, an die letzte Grenze treibt. Um das zu verstehen, muss man einen Blick zurück werfen.

Gitarrist Brace Paine, Beth Ditto und die erste Schlagzeugerin Kathy Mendonca wuchsen in den 1990ern alle in Searcy auf, einem faschistoid-fundamentalistischen Kackdorf in Arkansas. Abweichendes Denken, Lieben oder Aussehen wurde rasch und unbürokratisch bestraft – siehe auch: Lynchjustiz. »Ich war der einzige Punk in der Stadt. Das klingt cool, tat aber oft sehr weh. Ich meine damit: wirklich körperlich weh«, so Brace. Ein Exodus war unvermeidlich, das gelobte Land der Freaks hieß Olympia, Washington State. Hier blühten rund ums Evergreen State College die schönen Künste. Schwerpunkte: Punk, Feminismus und DIY. »Sogar das College selbst war DIY«, erinnert sich Hannah Blilie. »Man konnte sich selbst Seminare ausdenken. ›Gras rauchen für Fortgeschrittene‹ oder so.«

Auch das Riot-Grrrl-Movement stammt aus Olympia. Als Beth Ditto und Co. 1999 hier aufschlugen, um ihre Band zu gründen, war die Bewegung in ein Stadium eingetreten, das dem Nachholbedarf der drei Zugezogenen an fröhlicher Ausschweifung entgegenkam. War die Riot-Grrrl-Frühphase Anfang der Neunziger noch von ästhetisch drastischer Agitation gegen allgemeinen Sexismus und besonders Punk-Machos geprägt, begann man nun, die erstrittenen Freiräume für eine spielerischere, zärtlichere Selbstentfaltung zu nutzen. Die erste Le-Tigre-Platte legt davon immer noch wundervoll klingendes Zeugnis ab. Beth Ditto drückt ihre Erlebnisse von damals so aus: »Es waren viele Schlachten vor uns geschlagen worden. Wir kamen genau rechtzeitig zur Party.« Helmut Kohl sprach in dem Zusammenhang ja auch von der Gnade der späten Geburt.

Gossip passten mit ihrem auf Schlagzeug und Gitarre reduzierten gutartigen Krawall zunächst perfekt ins bunte Nischenparadies. Als Kathy Mendonca ausstieg, um Hebamme zu werden, mit Hannah Blilie die bessere Schlagzeugerin kam und die Ambitionen wuchsen, wurde aber immer klarer, dass man sich auch den ungeschriebenen Gesetzen des Underground nicht fügen wollte. Zuallererst nervte Gossip das Dilettantismus-Dogma: »Es galt in Teilen der Szene als total uncool, sich mit irgendwas Mühe zu geben«, ist Ditto heute noch fassungslos. »Jeder, der nicht unfertige, schlecht gespielte Songs in schrecklicher Qualität aufnahm, machte sich verdächtig. Das beeinflusst einen unterbewusst. Erst Rick Rubin hat mir die Selbstzensur ausgetrieben und mich davon überzeugt, dass es nicht spießig ist, sich und was man macht ernst zu nehmen.«

Darüber hinaus teilten Gossip auch keineswegs die Ressentiments gegen Stardom. Zwar erschienen die ersten Platten beim Indie-Label Kill Rock Stars, doch so sehr die Band den Schutzraum der studentischen Avantgarde schätzte, insgeheim sehnte sie sich nach den frühen Achtzigern zurück. Dieser unwahrscheinlichen Zeit, in der Künstler wie Alison Moyet und Boy George das große Rad drehten, als wären sie die Normalsten der Welt. Hannah Blilie: »Sängerinnen konnten damals viel weiter vom Schönheitsideal abweichen als heute. Die Leute akzeptierten das Queere, gerade, weil sie es nicht auf dem Schirm hatten. Sie wussten noch gar nicht, wovor sie Angst haben sollten.«
Als Gossip mit »Standing In The Way Of Control« einen ersten Hit landeten, war klar, was die Stunde geschlagen hatte: Welteroberung. Keine Kompromisse, sondern die müde Massenkultur aufmischen, wo es geht. Dass die Karriere mit einem dezidierten Protestsong gegen Bushs Schwulenpolitik erst richtig begann, sollte nicht über das wahre Wesen der Idee hinwegtäuschen, die die Band von gemeinnützigem Ruhm hatte. Man wollte, anders als Chumbawamba, nicht in erster Linie politische Statements in den Mainstream schleusen, sondern vielmehr sich selbst als personifizierte Devianz. »Wenn eine Band wie Team Dresch oder wir ein Liebeslied schreiben, dann ist das radikal, weil es queer ist«, erläuterte die Gossip-Frontfrau einst in der Jungle World die Grundannahme. Dass die Infiltration dann so völlig reibungslos funktionierte, dass »Heavy Cross« ein Radiohit und Beth Ditto eine Catwalk-Königin wurde, der sogar der Anorexie-Apologet Lagerfeld Kleider schneidert, war für die Band natürlich nicht abzusehen. Ebenso wenig wie die Gefahr, dass sie sich auf diese Art totsiegt.

Die Normalität, die man einst als U-Boot durchkreuzen wollte, hat man sich mit der neuen Platte nicht nur soundästhetisch, sondern auch textlich anverwandelt. Neben vielen wenig überraschenden Zugriffen auf Liebesdinge gibt es mit »Get A Job« sogar einen recht wertkonservativen Ratschlag an ein haltloses Party-Girl. Auch der scheinbar außenpolitische Songtitel »Casualties Of War« stellt sich nach näherem Hinhören als Metapher für Zwischenmenschliches heraus.

Wenn Beth Ditto begeistert erzählt, wie sie und die Band im Rahmen einer bizarren Veranstaltung für Abiturienten in der Türkei ausgebuht worden seien, zeigt sich, wie sehr die Strahlkraft der Selbstinszenierung mittlerweile auf äußere Widerstände angewiesen ist. Gleichzeitig wird so deutlich, wie mühsam diese konstruiert werden müssen. Wenn sie, wie zuletzt geschehen, öffentlich postulieren: »Wir sind immer noch die Weirdos, die Outcasts, die Freaks!«, möchte man der Band nicht unbedingt widersprechen. Aber doch hoffen, dass sich das bald auch wieder in ihrer Kunst niederschlagen möge.

Gossip »A Joyful Noise« (Smi Col / Sony / VÖ 11.05.)

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