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Der Sommer kann kommen!

Printemps de Bourges 2008

Thomas Bohnet besuchte für uns das alljährliche französische Musikfestival.
Geschrieben am
15.-20.04.08, F-Bourges, diverse Locations.

Neben dem Riesenerfolg der Provinzkomödie 'Bienvenue Chez Les Ch`tis' von Dany Boon (18! Millionen Franzosen sahen den Film bislang) und dem Boykott französischer Produkte und Geschäfte in China, eine der großen Diskussionen im Moment in Frankreich: Sebastien Tellier und der europäische Eurovision Song Contest. Wird der vollbärtige Musiker mit den langen Haaren doch mit seinem Song 'Divine' die Grande Nation beim Schlagerfestival vertreten? Im Diskussionspunkt: Monsieur singt auf englisch und nicht französisch! Erstmals in der französischen Geschichte des Wettbewerbs: Schon gibt es Stimmen, ob das denn überhaupt gehe, schließlich sei man eine Kulturnation und der 33-jährige hätte gefälligst, wie alle Teilnehmer vor ihm, in der Landessprache zu singen. Bei den Printemps de Bourges, dem alljährlichen, wunderschönen Festival in der Kleinstadt Bourges tritt Tellier mit seinem neuen Programm und eben diesem Song auf.

Im ausverkauften, stickigen kleinen Club Le 22 Ouest"gibt er sich als gut aufgelegter Entertainer und bringt den Song mit dem Hinweis "Eurovision!" gleich zu Anfang seiner Show. Frankreichs Kulturministerin Christine Albanel, die auch das Festival besucht, passt die Vorstellung eines englisch singenden Vertreters nicht. Sie führt im Interview mit einer Lokalzeitung ausgerechnet Tokio Hotel als Beispiel nationaler Identität ins Feld. Die deutschen Chartstümer würden schließlich auch in ihrer eigenen Sprache singen und hätten dennoch internationalen Erfolg. Bei den französischen Kollegen, die man im Festival trifft, kommt das nicht so gut an. Man verweist zu Recht darauf, dass Tokio Hotel Teil einer weltweiten "Jugendkultur" seien und man das nicht mit Tellier/Eurovision vergleichen könne.
Neben den Francofolies in La Rochelle sind die Printemps De Bourges (Printemps = Frühling) das wichtigste Festival für französische Popmusik in unserem Nachbarland. Zwei Autostunden südlich von Paris gelegen, erwacht dort jedes Jahr das hübsche kleine Provinzstädtchen zu neuem Leben, wenn zehntausende Festivalfans dort einfallen. Sechs Tage und Nächte lang gibt es Konzerte in den  verschiedensten Locations der Stadt, allesamt gut zu Fuß erreichbar. Von kleinen Undergroundclubs, wie dem oben erwähnten 22 Ouest und seinem Pendant 22 Est (Kapazität: 350) über den Palais D`Auron (2400), und das Auditorium (480) sowie zwei kleine Theater bis zum eigens aufgestellten großen Festivalzelt, dem Le Phenix, mit einer Kapazität von 6000 Besuchern.

Lanciert wurde das Festival 1977 von ein paar Musikenthusiasten, die bewusst aufs Land, in die Provinz gingen. Hatten zu Anfang die Bewohner des konservativen Städtchens noch ihre Probleme mit den (damals) langhaarigen, seltsam gekleideten Besuchern, den "Indiens" ("Indianern"/"Indern"), so hat man inzwischen das Festival als wichtige kulturelle Aktivität und wirtschaftlichen Faktor angenommen. Sechs Tage lang verwandelt sich die ganze Stadt in ein riesiges Festival mit Konzerten in Bars und Clubs und auf einigen Plätzen der Stadt. In Deutschland undenkbar. Alleine der Lärmpegel, der jede Nacht bis in die frühen Morgenstunden durch die Stadt tobt, würde hier sofort Bürgerinitiativen und -wehren auf den Plan rufen. Man stelle sich vor, eine 20köpfige sehr laute Samba-Band  mit Trommeln und Rasseln zöge Donnerstag nachts durch die Straßen von - sagen wir Marburg oder Bayreuth....

Das Programm des Festivals ist jedes Jahr extrem gut zusammengestellt und bringt bekannte Namen und Newcomer, alte Säcke und "heißen jungen Scheiß" zusammen. Indie-Rock und Weltmusik, Reggae und Electro, französichen Rap und Nouvelle Chanson. Das Verhältnis von französischen und internationalen Acts ist dabei recht ausgewogen, obwohl das Hauptaugenmerk auf einheimischen Künstlern liegt. Dieses Mal sind international unter anderem mit dabei: The Kooks, The Wombats, Blood Red Shoes, The Hives, Holy Fuck, Dub Pistols oder Gogol Bordello.

Eine spezielle Sektion "Les Découvertes" widmet sich französischen Newcomern, jede Region entsendet einen Vertreter, der dann dort vor Fachpublikum und zahlenden Zuschauern spielt. So wurden bereits viele Acts entdeckt. Später bekannte Bands wie Mano Negra, Zebda, Tetes Raides, Anais oder Jeanne Cherhal spielten dort einst.

Die Qualitäten der Newcomer sind unterschiedlich. Dieses Jahr stehen den bezaubernden Chansons von Melanie Pain (eine der 3 Sängerinnen von Nouvelle Vague; eine andere, Phoebe Killdeer tritt mir ihrer Band im regulären Programm auf) bis zum Postrock des Delano Orchestra, die mit einem Sänger aufwarten, dessen "französisches Englisch" allerdings nicht mehr als charmant bezeichnet werden kann. Warum singt so einer nicht doch lieber auf französisch?

2008 scheint das gesamte Programm des Festivals wohl besonders gut zusammengestellt. Denn so viele Konzerte wie dieses Jahr waren noch nie im Vorfeld bereits ausverkauft. 66 000 Besucher (darunter allerdings  auch 10 000 Fachbesucher) waren heuer da. Die Kapazität war zu 100 Prozent ausgelastet.

Unbestreitbarer Höhepunkt des Festivals: Frankreichs Nouvelle-Chanson-Star Camille präsentierte erstmals überhaupt ihr neues Programm im kleinen Theater Jacques Coeur (350 Plätze), einem wunderschönen, alten Haus, das so aussieht, als habe schon Frankreichs Klassiker Molière seinerzeit dort höchstpersönlich inszeniert (so er jemals in Bourges war?). Drei Abende lang begeistert die sympathische Sängerin mit einer grandiosen Show, verspielt und unterhaltend, innovativ und amüsant. Nach dem Riesenerfolg ihres zweiten Albums 'Le Fil', das auch bei uns glänzende Kritiken erhielt, ist grade erst das neue Werk 'Music Hole' erschienen (VÖ bei uns: 9. Mai).

Camille singt diesmal überwiegend auf englisch, wobei die musikalischen Innovationen des Vorgängeralbums wiederholt werden. Auf Platte nicht der große Wurf - live aber phantastisch. Begleitet wird sie von sechs Sängerinnen und Sängern, die alle Register der A-Capella-Kunst ziehen, alles mit ihrer Stimme machen (können), ihren ganzen Körper als Klangorgan nutzen, dabei auch im Rhythmus stampfen, Fingerschnippen und mit Handclaps arbeiten. Lediglich ein Pianist unterstützt die Vokalisten und Percussionisten. Sonst wird hier ganz auf die Kraft der menschlichen Stimme gesetzt. Wobei das kein akademischer Vortrag ist, sondern amüsant, unterhaltsam und höchst funky, sag ich mal. Die Stücke grooven regelrecht.

Herausragend dabei Sly Johnson, ein korpulenter schwarzer Rapper, dessen human-beatbox-Künste Rap-Fans von der Pariser Band HipHop-Combo Saian Supa Crew her kennen. Umgeben von soviel Musik inszeniert Camille, die im schwarzen Gymnastikanzug mit orangenem Kapuzenkleidchen aussieht wie ein süsses Rumpelstilzchen ihre Show. Neben neuen Stücken wie der feinen Single 'Gospel With No Lord', 'Cats And Dogs' oder 'Home Is Where It Hurts' kommen auch ältere Stücke zum Einsatz: 'La jeune fille aux cheveux blancs' von 'Le Fil' oder 'Paris' von ihrem Debüt. Bei diesem Stück rennt sie während die Vortrags auf die erste Galerie, um dort ohne Mikro weiterzusingen. Dass Camille Sinn für Theater und Komödien hat, beweist sie auch mit ihrer Version des Punkhits 'Too Drunk To Fuck' der guten alten Dead Kennedys, das wir ja von schon Nouvelle Vague kennen. Ein famoser Abend. Camille spielt im Juni in Deutschland (03.06. Berlin, 04.06. Hamburg)`. Unbedingt ansehen!!!

Das auch hierzulande beliebte Vorurteil "frogs don`t rock" widerlegen die Bands Déportivo und BB Prunes im ausverkauften Phenix, wo vor allem letztere von 6000 Fans, die meisten zwischen 12 und 18 Jahre alt sind, hysterisch gefeiert werden. Wo Déportivo etwas rougher sind, an die Buzzcocks erinnern, sind BB Brunes eine gute Teenie-Band mit hübschen Hits  ('Dis-moi' und 'Le Gang') und können zumindest bei den Fans auch gegen die supertighten Kooks bestehen. Die allerdings zeigen auch den Unterschied zu Déportivo auf: hier Champions League, dort Uefa-Cup. Die junge Band aus Brighton legt jedenfalls ein packendes Konzert hin.

Vierte Band im Bunde an diesem Abend, und Ersatz der verhinderten Babyshambles, das französisch-finnische Duo,  The D , die Überraschungband der Saison in Frankreich. Wurde ihr schönes Debütalbum 'A Mouthful' mit dem Hit-Kracher 'On My Shoulders' doch unlängst vergoldet. Leider werden die finnische Sängerin Olivia Merilahti und der Pariser Dan Levy samt zusätzlichem Drummer live den Vorschußlorbeeren nicht gerecht. Der verspielte Indie-Pop kommt auf der grossen Bühne nicht so rüber wie man sich das wünscht, die hohe Stimme der Sängerin ist ein bisschen dünn. Zwei Tage später im kleineren Auditorium, beim zweiten Konzert der Band klappt  das schon besser, wobei man auch hier den Eindruck hat, dass hier eine Band etwas zu schnell groß geworden ist...

Beliebtes Ziel des Spottes an verschiedenen Abenden: Pete Dohertys neuerlicher Knastaufenthalt und infolgedessen die Absage des Auftrittes der Babyshambles. Auch die kleine Französin SoKo, Heldin von MySpace kommt nicht ohne Witz über Doherty beim Konzert aus. Selbst bringt sie samt Gitarrist und ihrem Bruder einen knuffigen, charmanten Auftritt mit Mini-Drum-Set, Ukulele, Casio. Eine Mixtur aus Sesamstrasse und White Stripes, Kinderladen Berlin-Mitte, Stereo Total und Velvet Underground. Das hat was, wenn sie mit scharfem Akzent englisch über die Vorzüge der Peanut-Butter singt oder zum 'Babycat' trompet. Als Höhepunkt kommt natürlich mit Ukulele ihr MySpace-Hit 'I`ll Kill Her'.

Ganz anders die nach ihr folgende US-amerikanische Songwriterin Alela Diane, deren Album 'The Pirate`s Gospel' beim französischen Label Fargo erschienen ist und die vor allem in Frankreich grosse Erfolge feiert. Wo SoKo girliehaft blödelt und den Bruder auf die Bühne bittet, ist Alela Diane sehr ernst, hat eine grossartige Stimme und tritt zusammen mit ihrem Vater an der Gitarre auf. Unterstützt von einem weiteren Gitarristen, der auch Banjo und Minimal-Drums spielt sowie der Backingsängerin Marie Sioux (selbst eine Songwriterin) spielt sie ihre Songs zwischen Folk und Country Noir, Americana. Hier gibt es nichts zu lachen, dafür aber zwei Handvoll exzellenter Songs, allen voran den kleinen Szenehit "The Pirate`s Gospel". Ende April, Anfang Mai ist sie auch in Deutschland unterwegs.

Auch sehr amerikanisch klingen die in Frankreich lebenden Moriarty, deren Mischung aus 40s, 50s Oldtime Music, Folk und Americana manchmal an Calexico,  erinnert, wobei man auch diese Band lieber in einem kleinen Club als auf der großen Bühne gesehen hätte. Die hochgelobte israelische Sängerin Yael Naim, deren hübscher Apple-Song 'New Soul' auch bei uns in allen Radiostationen zu hören ist, kann auch nur streckenweise überzeugen. Allzuoft ist das dann doch  nur nett gemachter Folk-Pop.

Nach dem Sohn der beiden französichen Pop-Legenden Françoise Hardy  und Jacques Dutronc, Thomas Dutronc, räumt der Star des Abends, der Südfranzose Cali im Zelt ab: Der "Luca Toni des französischen Pop" strahlt mit jungenhaftem Charme und mit flotten French-Pop-Songs, jagt Hit an Hit und ist auf der Bühne keine Minute still.  Er wird zwei Tage später noch als Überraschungsgast beim Bastard-Pop-Mixer DJ Zebra auftauchen. Zebra, Held des französischen Mash-Up, also des Mischens verschiedener Hits, hat  Calis 'Je m`en vais'  mit U2s 'Sunday Bloody Sunday' gekreuzt und rockt hier mit weiteren, eigentlich besseren Kreuzungen (ganz groß Nirvana meets Camille) das Haus. Stichwort elektronische Musik. Das neue Star-Duo Justice ist in Bourges ebenso mit dabei wie jüngere DJs Surkin oder Yuksek. Mit zu den Highlights gehören auch die vier Turntablists Birdy Nam Nam und die kanadischen Holy Fuck lassen das 22 Est erbeben.

Das französiche Nouvelle Chanson, die junge French-Popszene ist mit Cali, der bezaubernden Rose, den Sängerinnen Daphne und Claire Ditzeri sowie Renan Luce bestens bestezt. Letzterer, ein Bretone mit Schalk ist ein ebenso erfrischender Sänger wie Cali, dessen Album 'Repenti' in Frankreich mit einjähriger Verzögerung zum Hit und dessen Video 'Les voisins', eine lustige Hitchcock (Fenster zum Hof)-Hommage ist.

Gefeiert wurden zwei grosse "Alte" des französischen New Wave. Catherine Ringer, die Überlebende des auch bei uns bekannten Duos Les Rita Mitsouko und Daniel Darc, der einst Kopf des Duos Taxi Girl war und nach langer Pause seit ein paar Jahre wieder starke Songs macht.

Anderer Abend, grosses Zelt. Hier regiert Reggae und Raggamuffin und Rauchschwaden ziehen  durchs eigentlich rauchfreie Zelt. Bevor mit Israel Vibration, Groudation und dem grossartigen afrikanischen Reggae-Star Tiken Jah Fakoly die Rastas das Regiment übernehmen tobt eine kleine Rapperin aus Marseille über die Bühne: Keny Arkana ist die linke Rapperin in Frankreich mit tollen Songs, politisch engagiert. Mit 'Nettoyage au karcher', 'Resistance' und ihrem grossen Hit 'La Rage' jagt sie gleich drei harte Polit-Raps hintereinander ins Publikum, ehe sie dann auch zeigt, dass sie auch singen kann. Akustischen Funk und Reggae, bei dem der DJ und Mitrapper dann zur Akusitkgitarre greift. Ein starker Auftritt und ein Beleg für die vitale HipHop-Szene in Frankreich.

Ebenfalls interessant: die düsteren Ez3kiel, die mit schweren Gitarren, Drums, Electronik und einem Vibraphon dunkle Instrumentals unters junge Volk jagen, zwischen Nine Inch Nails, Pink Floyd und Tortoise pendeln.

Die hochgeloben Blood Red Arms ermüden nach 3, 4 Stücken, während die jungen The Wombats aus Liverpool einen entzückenden Eindruck im kleinen Club hinterlassen. Das finden auch die weiblichen Fans, die mit französichem Akzent nach oben rufen "I love se drammer" oder die auf die Bühne springen und dem dicken Sänger einen raschen Kuss auf die Backe geben - während er singt, was ihn fast aus dem Konzept bringt.......


Entdeckungen macht man in Bourges jedes Jahr aber auch abseits der offizielen Shows, bei den Konzerten in der Stadt auf den freien Bühnen, in den Bars oder mitten auf der Strasse. Eine bekannnte Bierfirma richtet jedes Jahr für Newcomer eine Bühne aus. Dort war dieses Jahr das exzellente Quartett Bensé zu sehen. Von der Band des Sängers Julien Bensé wird man noch hören! Hier gibt es formidabeln French Pop, uplifting nouvelle Chanson. Julien ist übrigens der Verlobte der bekannten Sängerin Rose. Zehn Jahre lang ist er in seiner Heimat Nizza und später in Paris mit Coverversionen in Kneipen und Bars aufgetreten. Sein Debüt 'Bensé' wird Ende Mai bei Naive erscheinen.

Sehr lustig auch R.Wan, einer der Macher der amüsanten Band Java, die Rap mit Chanson mixt und deren Song 'Sex, Accordeon & Alcohol' ein Hit der  Alternativ-Szene ist. R.Wan macht sich in einer Mischung aus Comedy und Rap-Reggae-Rock-Konzert über die Kollegen  vom Schlager oder Rap lustig. Über den Rap mit den Goldketten, für den die Franzosen den schönen Term HipHop pling pling haben......Die Show ist weitaus lustiger als das doch arg aufgesetzte fast zeitgleich im grossen Zelt tobende Spektakel der New Yorker Gogol Bordello, deren Partyrock mit osteuropäischen Zutaten nur kurz lustig ist, dann mit seinem Tempogebolze eher langweilt.

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