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Postdigitales Nachglühen

CTM / Transmediale 2014

»Afterglow« ist das Motto der Transmediale 2014. Katerstimmung in der Welt der Netz- und Medienkunst, Technologie-Kritik und subversive Medienpraktiken in Hacker- und Cyberkultur? Thomas Venker und Christoph Büscher gingen im Jahr nach Snowden der Frage nach neuen Optionen für Medienaktivisten und Künstler nach.
Geschrieben am

»Afterglow«, das diesjährige Motto des Medienkunst-Festivals Transmediale, kann als Ausdruck einer spürbaren Katerstimmung in der Welt der Netz- und Medienkunst verstanden werden. Technologie-Kritik und subversive Medienpraktiken in der Hacker- und Cyberkultur sind zwar schon seit Jahren zentraler Bestandteil des Festivals, im Jahr nach Snowden und dem NSA-Überwachungsskandal bekommt die Frage nach dem künstlerischen Umgang mit dem sichtbar gewordenen Überwachungsstaat jedoch eine völlig neue Bedeutung. Vier Tage gingen die Festivalteilnehmer im Haus der Kulturen der Welt in Berlin deswegen der Frage nach, welche Optionen Künstler und Medienaktivisten nach dem Verglühen der Heilsversprechungen des Digitalen bleiben.

Bereits im Foyer des Gebäudes wurden dabei eifrig Metadaten gesammelt. Kameras, wie man sie aus der Vermessungstechnik kennt, standen als Teil der Arbeit »Critical Infrastructures« der Künstler Jamie Allen and David Gauthier im Blickfeld des Besuchers. Auf den Bildschirmen sah man Visualisierungen von Datenströmen aus dem Umfeld der Ausstellung. Doch die auf den ersten Blick wissenschaftlich und neutral wirkenden Grafiken warfen schnell Fragen nach ihrem Nutzen und Wahrheitsgehalt auf: Ist das noch “Big Data” oder schon »Fake Data«, und wem nutzt diese ständige Vermessung der Welt am Ende überhaupt?

 

Große Aufmerksamkeit erntete  in diesem Jahr auch die Veranstaltungsreihe »Hashes To Ashes«, in der Organisatorin Tatiana Bazzichelli in vier Gesprächsrunden Hacktivisten, Whistleblower und Künstler zu Fragen der Informationspolitik und Privatsphäre im Internet zusammen brachte. Zwei, die aus eigener Erfahrung wissen müssen, was das Gefühl ständiger Überwachung bedeutet, saßen im Rahmen der Veranstaltung »Art As Evidence« mit dem Künstler Trevor Paglen auf der Bühne und redeten über die Rolle der Kunst unter Bedingungen umfassender staatlicher Kontrolle: Dokumentarfilmerin Laura Poitras, die schon seit Jahren zum Thema arbeitet und zusammen mit Glenn Greenwald eines der ersten Interviews mit Edward Snowden führte, sowie der Computer-Sicherheitsexperte Jacob Appelbaum (unter anderem Sprecher des Tor-Projekts) sprachen über ihre Arbeit und die Bedeutung von Whistleblowern für die aktuelle Debatte über die Privatsphäre.

 

Club Transmediale (CTM)

Mit ganz so fundamentalen Problemen war man im Rahmen des zeitgleich stattfindenden CTM Festivals zwar nicht konfrontiert, wobei auch in diesem Jahr wieder beim »Festival for Adventurous Music and Art« den sperrigen Seiten elektronischer Musik viel Aufmerksamkeit zu Teil wurde, mit Schwerpunkt auf akustische Musik und Klangkunst.

 

Das Klischee des stoisch hinter seinem Laptop verschanzten Künstlers, der wahlweise radikalen Noise oder minutenlange Drones über das Publikum ergießt,  wurde bereits im Eröffnungskonzert erfüllt und sogleich wieder gebrochen. Thomas Köner und Asmus Tietchens repräsentierten als »Kontakt der Jünglinge« mit ihrem reduzierten Auftritt im Hebbel Theater eher die Erwartungshaltung akademisch orientierter Konzertgänger. Ihr Auftritt, geprägt von einem dichten Mix aus Rauschen und kontrollierten Drones, entfaltet jedoch auch ohne charismatische Bühnenperformance seine hypnotische Wirkung. Charlemagne Palestine und der kurzfristig für den erkrankten Mika Vainio eingesprungene Rhys Chatham - beide Pioniere der Minimal Music und der 70er-Jahre Avantgarde - setzen in der zweiten Konzerthälfte auf einer mit Stofftieren dekorierten Bühnen den Gegenpol. Ihr Auftritt wirkte in weiten Strecken spontan und improvisiert, basierte auf handgespielten Piano-Drones sowie Flöten- und Gitarrenloops und besaß mit skurrilen Slapstick-Einlagen eine deutlich menschlicheren Touch, und begeisterte am Ende nicht weniger.

 

Das gleichberechtigte Nebeneinander von akademisch orientierter Studio-Musik, radikalen Noise-Künstlern und den experimentellen Ausprägungen aktueller Clubmusik macht das CTM-Festival so einzigartig. Ein ausverkaufte Konzert des schwedischen Freejazz-Pioniers Sven-Ake Johansson oder ein volles Haus bei hartgesottener Nischenmusik wie der Glitch- und Noise-Künstler des Wiener Labels Edition Mego zeigten, dass das Festival trotz seiner Beschäftigung mit musikalischen Randbereichen ein echter Publikumsmagnet geworden ist.Höhepunkte des diesjährigen Programms waren die Performances von Kassel Jaeger und Main (Stephan Mathieu & Robert Hampson) im Hebbel am Ufer sowie eine neue Klanginstallation von Jim O’Rourke für Achtkanal-Soundsystem. Auch der Auftritt von Cyclobe, der Band der beiden Ex-Coil Mitglieder Stephen Thrower und Ossian Brown, unterstrich die stilistische Bandbreite des Festivals. Wer Drehleier und Dudelsack bisher für nicht kompatibel mit elektronischer Musik hielt, wurde von den beiden aus der Industrial- und Neofolk-Szene der 90er stammenden Musiker vom Gegenteil überzeugt. Die Frage, welche der unzähligen Soundschichten hier am Ende aus dem Synthesizer oder den akustischen Instrumenten stammte, verlor angesichts der enormen Klangfülle und emotionalen Wucht der ritualistisch inspirierten Songs völlig an Bedeutung.

 

Der heiß erwartete Band-Auftritt von James Holden im Hebbel am Ufer, bei dem er das Material seines letztjährigen Konsensalbums »The Inheritors« mit Trompete, Schlagzeug und manipulierter Gitarre überarbeitet, überzeugte alle im ausverkauften Haus. Einzig an der Lautstärke gab es zu meckern, denn die war einfach nicht laut genug, zumindest oben unter der Decke im zweiten Rang. Das später in der gleichen Nacht im Berghain stattfindende Konzert von Moritz von Oswald und seinem Trio, führte die von Holden angefangene Bandvirtuosität fort. Nicht zuletzt da erstmals die Afro-Funk-Legende Tony Allen am Schlagzeug saß. Eine Lehrstunde, wie man am Beat vorbei Schlagzeug spielen kann – und ihm gerade so stützt. Allen fühlte Räume, in die andere sich nicht rein wagen würden, mit seinem dezenten aber so effektiven Spiel und generierte so Rhythmus mit Mitteln der Auslassung und Täuschung.

 

Ging man am Mittwoch vergangener Woche dementsprechend befriedigt aus dem Berghain nach Hause, sollte der Donnerstag einen mit viel Enttäuschung zurücklassen. Dabei fing alles so gut an: CM von Hausswolff stöhnte durch eine Atemmaske in sein Mikrofon und ließ seine Drone-Soundscapes ganz langsam über den Verlauf des halbstündigen Auftritts anschwellen. So grobkörnig wie die Sounds fühlte man sich am Ende der Performance selbst. Zum Schluss des lange herbeigesehnten Comebackauftritts von Porter Ricks herrschte anderthalb Stunden später nur noch Ratlosigkeit. In den 90er Jahren prägten sie mit ihren Maxis auf Chain Reaction und Force Inc. die deutsche Technoszene maßgeblich mit – davon war aber nichts mehr spürbar. Thomas Köner und Andy Mellwig scheiterten in ihrem Anschlussversuch an die Neuzeit kolossal: die Beats dumpf, die Höhe seltsam abwesend, dümpelte ihr Sound auf halber Lautstärke durch das Berghain, und führte die Besucher recht schnell hinauf in die Panorama Bar. Wo sie aber auch nicht glücklich wurden. Sowohl Sylwia als auch Recondite lieferten Sets ab, für die man normalerweise sofort rausgeschmissen würde. Da an dem Abend aber auch ein seltsam lustloses Publikum durch die Hallen strömte, wurde einfach nur die Lautstärke runter gezogen. Zumindest entstand dieser Eindruck.

 

Der abschließende tolle Berghain-Auftritt von Hypnobeat, der Industrial und Dub zusammenkleisterte, gab einem im Rausgehen dankenswerterweise die Kraft, am nächsten Abend zum Allnighter wieder zurückzukehren. Dieser sollte dann (für uns) den gelungenen Abschluss des Festivals darstellen, mit Sets von Marcel Dettmann (schön trocken, mit einem kurzen Chicago-Ausflug und der für ihn typischen Depeche-Mode-Reminiszenz), Actress (eigensinnig wie man ihn kennt und liebt und mit einem grandiosen Dancehall-Finale) und einmal mehr Helena Hauff, die ihre Position als Newcomerin der Saison sowohl mit Hypnobeat als auch allein im Dj-Set im Berghain, bei dem sie zum »Tanz den Musolini« lud, unterstrich.

 

Am Samstag und Sonntag ging es zwar noch weiter beim CTM, aber man muss ja nicht alles mitmachen....

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