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Seele auf Durchzug

Chelsea Wolfe im Interview

Auf »Hiss Spun« sprengt sich Chelsea Wolfe den Weg in ihr Innerstes frei. Valentin Erning sprach mit der Künstlerin über die Herausforderungen rund um ihr fünftes Album.
Geschrieben am
Der Titel deines neuen Albums, »Hiss Spun«, ist kaum sinnvoll zu übersetzen. Hinzu kommt eine mantrische Kette von vier Wörtern, die an mehreren Stellen auf dem Album fällt: »hiss«, »flux«, »welt«, »groan«. Was hat es damit auf sich?
Der Klang dieser Wörter hatte es mir einfach angetan. Erst wollte ich das Album »Spun« nennen, dann »Hiss«. Am Ende habe ich dann beides zusammengefügt. Für mich hat »hiss« etwas Animalisches an sich, erinnert aber auch an weißes Rauschen, das ich sehr mag. »Spun« klingt düsterer, derber – nach Übelkeit, Sinnestäuschungen, Schwindel, so etwas. Die vier Verben sind die Geschichte, die das Album erzählt – sein Lebenszyklus. »Flux« steht für Bewegung, »hiss« steht für Lebenskraft, »welt« steht für Dunkelheit und Verletzung, »groan« ist zugleich sinnlich und tödlich. Ich versuche immer, abstrakt zu bleiben und keine Nennwerte vorzugeben.

Du warst wild entschlossen, das Versteckspiel zu beenden und dich zu öffnen – dir selbst und der Hörerschaft gegenüber. Woher kam dieser Impuls?
Als ich anfing, das Album zu machen, zog ich gerade zurück nach Nordkalifornien, nicht weit entfernt von dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Ich habe dort Zeit verbracht, wo ich mit Anfang zwanzig gelebt habe. Das ist nicht einfach, es stiftet einige Verwirrung. Du erinnerst dich an die Fehler in deinem Leben, an Familie und Beziehungen, und setzt dich mit der Frage auseinander, wer du eigentlich bist. Das sind die Themen des Albums. Ich wollte nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich spüre, dass es mir immer leichter fällt, mich zu öffnen. Ich möchte mich wohler dabei fühlen, für mich selbst zu sprechen. Denn wenn man nicht für sich selbst spricht, werden einem die Dinge in den Mund gelegt.

Was war die größte Herausforderung auf diesem Weg?
Ich wollte brutal ehrlich mit mir und der Welt sein, zugleich aber auch vor der Wirklichkeit fliehen. Das braucht jeder mal, ich habe es aber zeitweise übertrieben – insbesondere, was Alkohol und Drogen anging. Ich habe persönliche und familiäre Dinge konfrontiert, mit denen ich mich mehr als zehn Jahre nicht befasst habe und wollte mir dabei durch meine Kontrolle nicht selbst im Weg stehen. 

Hast du dabei Unterstützung erfahren?

Nein. Manche gehen zur Psychotherapie oder sprechen sich unter Freunden oder bei ihrer Familie aus. Ich habe diesen Weg nie beschritten. Für mich war da nur meine Musik mit ihrer spirituellen Seite. Manchmal habe ich auch Pilze zu Hilfe genommen, um beim Songwriting zu mir selbst durchzudringen. Man muss den Deckel öffnen und das Chaos herauslassen. Damit fängt alles an. Wenn du allein bist mit deinem ganzen Equipment und dich deinem ganzen offenen Bewusstsein stellst, kannst du dich sehr intensiv mit dir selbst auseinandersetzen. 

Du nennst immer wieder auch die desaströse momentane Weltlage als Inspiration. Würdest du so weit gehen und »Hiss Spun« als politisch bezeichnen?
Bisher gab es auf jedem meiner Alben zumindest ein paar politische Songs. »Mer« auf »Apokalypsis« zum Beispiel ist während der Bush-Ära entstanden und an politische Führer gerichtet. Aber auch gegen mich selbst als Person, die mehr tun könnte, um etwas auf dieser Welt zu ändern. »Hiss Spun« hat einen noch klareren politischen Unterton. Es geschehen Dinge, die sich nicht mehr ignorieren lassen. Schalte die Nachrichten ein: Alles ist im Arsch – falls es das nicht immer schon war. Da Reden nicht meine Stärke ist, schreibe ich Songs, das fällt mir leichter. »Offering« zum Beispiel dreht sich um den Saltonsee, einen See in Kalifornien, der ein gutes Beispiel dafür ist, wie verantwortungslos wir mit unserer Umwelt umgehen. Ich wollte einen Song aus der Perspektive des Sees schreiben und so der Erde eine Stimme geben.
Mit welchem Gefühl geht man nach einem so aufwühlenden Prozess aus dem Studio?
Es war eine große Erleichterung. Ich habe sehr viel Arbeit und Energie investiert und mich gepusht wie nie zuvor. Wie viel mir das nun in therapeutischer Hinsicht gebracht hat, weiß ich nicht sicher. Es ist ein weiter Weg. Aber mir meine selbstzerstörerischen Tendenzen einzugestehen, war ein guter erster Schritt. Andererseits sind Songs auch nie wirklich fertig – insbesondere dann, wenn man sie live immer wieder spielen wird. Sie haben ein Eigenleben, sie verändern sich. Und du dich ja auch.

»Hiss Spun« ist hochpersönlich, zugleich aber auch von gedeihlicher Teamarbeit geprägt. Du hast eine alte Freundschaft reaktiviert, Kurt Ballou als Produzenten engagiert und Troy Van Leeuwen für die Gitarrenarbeit gewinnen können. Wie habt ihr zusammengefunden?

Mit unserer neuen Schlagzeugerin Jess Gowrie habe ich schon vor einem Jahrzehnt zusammen in einer Band gespielt. Bis vor zwei Jahren war Funkstille, dann haben wir uns wiedergesehen und ich wusste sofort, dass ich wieder zusammen mit ihr Musik machen wollte; sie ist eine großartige Schlagzeugerin. Also haben wir einfach begonnen, Songs zusammen zu schreiben. Dann habe ich Troy Van Leeuwen von Queens Of The Stone Age gefragt, ob er nicht auf dem nächsten Chelsea-Wolfe-Album Gitarre spielen möchte; wir kennen uns von gemeinsamen Shows. Kurt Ballou wiederum kannte ich bereits von »Blood Moon«, meinem damaligen Live-Projekt mit Converge. Ich mochte seine Energie, aber vor allem fasziniert mich, wie er die Drums aufnimmt. Die neuen Songs sind überwiegend schlagzeugbetont, auch wegen der Reunion mit Jess, und ich wollte jemanden, der genau das herausstellt. Das lief alles sehr instinktiv ab, ich musste nicht lange überlegen.

Das Album ist fertig, die letzte Tour liegt nicht weit zurück und die nächste steht schon wieder vor der Tür. Wie wirst du die verbleibende Zeit nutzen?

Ich versuche, mir einen Monat nur für mich selbst zu nehmen. Ich bin eher eine Low-Energy-Person, aber wegen Touren und Festivals nie länger als vielleicht zehn Tage am Stück zu Hause. Hin und wieder muss ich mich für ein paar Tage völlig abschotten und einen Ausgleich finden, um gesund zu bleiben. Ich muss lernen, mehr und öfter zu entschleunigen – auch wenn ich in einer wunderbar idyllischen Umgebung wohne. Ich lese Bücher, schaue mir Filme an und bringe mich auf neue Gedanken. Mir helfen auch temporeiche Aktivitäten wie Boxen sehr, mittlerweile bin ich allerdings bei Yoga angekommen. Auch Massage mag ich. Ich war Heilmasseurin, bevor ich Musikerin wurde, also hat Heilung für mich eine starke körperliche Dimension und hängt mit Berührung und Bewegung zusammen. Damit habe ich mich zuletzt auch wieder mehr befasst und Anatomie- und Physiologie-Bücher gewälzt.

Zuletzt hast du hierzulande mit deiner Band im legendären Berghain gespielt – einer Lokalität, die meiner Meinung nach ästhetisch wie atmosphärisch für deine Musik wie geschaffen scheint. Hast du das ähnlich wahrgenommen?

Ja, ziemlich. Mir gefiel, dass dort keine Foto- oder Videoaufnahmen geduldet wurden. Das macht den Ort und das Erlebnis exklusiv – im Zeitalter des digitalen Oversharings umso mehr. Es hat sich großartig angefühlt, dort aufzutreten; der ganze Ort hat etwas Beeindruckendes. Wenn du viel tourst, hast du manchmal das Gefühl, dass du dich wiederholst. Venues wie das Berghain – oder generell diese ganzen tollen alten Konzertlocations in Deutschland – holen einen da wieder raus. Besonders, wenn du neue Musik an historischen Orten performst, ist das ein Riesenerlebnis.

Chelsea Wolfe

Hiss Spun

Release: 22.09.2017

℗ 2017 Sargent House

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