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Drag-King-Gruppen erobern Berlin

Boys Will Be Boyz

Drag-King-Gruppen gewinnen bereits seit einigen Jahren stetig an Beliebtheit in der schwullesbischen Szene. Partys und Konzerte, aber auch Workshops zum richtigen "Kinging" erlebten (zeitweilig) einen regelrechten Boom. Vor allem in Berlin, der europäischen Hauptstadt der Szene, sah man auf der Bühn
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Drag-King-Gruppen gewinnen bereits seit einigen Jahren stetig an Beliebtheit in der schwullesbischen Szene. Partys und Konzerte, aber auch Workshops zum richtigen "Kinging" erlebten (zeitweilig) einen regelrechten Boom. Vor allem in Berlin, der europäischen Hauptstadt der Szene, sah man auf der Bühne, im Publikum und auf den Dancefloors plötzlich allerorten Herren der eigenen Schöpfung. Dabei wissen die wenigsten auf Anhieb, worum es eigentlich geht: Eine Drag Queen, da sind sich Mann und Frau, Homo und Hetera schnell einig, ist doch wohl ein Mann, der als Frau auftritt. Ist ein Drag King nun die Umkehrung - eine Frau im Herrenkostüm? Ein Modetrend für die Gay-Community, der Szenefremden außer Marianne-Rosenberg-Playbacks nichts zu bieten hat?

"Nein", denke ich. Und dann noch mal: "nein", als auf der Bühne des Bastard am Prenzlauer Berg Mitglieder der Kingz Of Berlin plötzlich ihre Brüste tanzen lassen. Das Playback kommentiert fröhlich "Rama Lama Ding Dong". Als ob es nicht schon genug wäre, dass sich mein Freund für das lesbische Frühjahrsfest heute Abend extra einen Bart angeklebt hat. Eine Freundin fragt brüllend durch den Applaus, ob das nun Männer oder Frauen seien. Ein straff gespanntes T-Shirt mit der Aufschrift "Any gender is a drag" drängt sich an uns vorbei.

Die Spicy Tigers On Speed spielen in der offenen Uni Berlin, einem aus Studierendenstreiks entstandenen Forum für freie Lehrveranstaltungen in Gebäuden der Agrarwissenschaften im Schatten der Charité. Zu Klängen von Le Tigre, Chicks On Speed und den Spice Girls ist erneut Irritation Programm: Auf offener Bühne immer wieder der Übergang: von Song zu Song, von Choreografie zu Choreografie und von einem Bild von Männlichkeit zum anderen. In hundert Köpfen werden die gleichen Bilder aufgerufen und mit dem Film auf der Bühne abgeglichen: Das Lied kennen wir doch! Aber nicht so. Sind das die Bewegungen aus dem Video? Aber da waren das doch Frauen. "If you wanna be my lover" - und ich lasse mir die Bedingungen durch den Kopf gehen, bei dem oder bei der? Diesmal frage ich eine Freundin, ob das eigentlich alles Männer sind. Sie lächelt: "Tell me what you really, really want." Die Männlichkeit des Macho-Rappers, der Tunte, der Butch-Lesbe? Wirklich wirklich?

Océan steht auf der Bühne des kleinen Sonntagsclubs, wo sich zu DDR-Zeiten Schwule treffen konnten. Heute bezaubert der androgyne Künstler ein überwiegend transsexuelles Publikum. Hier, wo die Tresenkräfte ehrenamtlich arbeiten und die Getränke selbst für Berliner Verhältnisse unfassbar billig sind, hat er den größten Teil seiner Bühnentechnik selbst mitgebracht, für Videoprojektionen und Musik von der Festplatte, auch wenn er mehr und mehr selbst singt und auch an eigenen Songs arbeitet. Océan gibt in seinem Programm erst Madonna, dann Eminem. Muss man sich fragen, an welchem Punkt er am meisten er selbst ist? Überhaupt Eminem! Dieser besingt (scheinbar) seine 15-jährige Geliebte - passend für Eminem, aber auch passend für Océan-Eminem? Und ist das dann die lesbische Version von Eminem? Letztlich geht es aber eben doch nicht um ein Mädchen, sondern um ein Auto.

Drag Kings, lerne ich, führen unterschiedlichste Spielarten von Männlichkeit auf, hetero-, transsexuelle, lesbische oder schwule. King kann jeder sein, Geschlecht und Orientierung egal. Nicht perfekte Imitation, sondern lustvolle Irritation ist das Ziel, der Moment, in dem eine Rolle an- oder abgelegt wird. Das häufige Voll- oder Halbplayback ist Strategie, kein Unvermögen. Das Vorwissen und die Annahmen des Publikums über die Menschen auf der Bühne, die Vertrautheit mit der Musik, der Inhalt der Texte, die Outfits und Choreografien und der als passend oder unpassend empfundene Klang der Stimmen - all diese Elemente treten bei dieser Auftrittsform in immer neuen Kombinationen zusammen, kommentieren sich, laufen parallel oder stellen sich gegenseitig in Frage. Drag Kings sind Zeichen - DJs, die ihre Tracks aus visuellen und akustischen Männlichkeits-Samples basteln. Das sorgt durchaus auch in der schwullesbischen Szene für Irritation. Océan erzählt mir, dass, als er auf der Bühne seine Verwandlung mit Hilfe eines Gummipenis' performte, eine helle Stimme aus dem Publikum "Keine Schwänze!" gerufen habe. Die Tittennummer der Kingz oder der Auftritt der Spicy Tigers mit einer Sexpuppe wurden innerhalb der Gruppen und im Publikum kontrovers diskutiert. Bei all den vielen begeisterten Reaktionen treffen Drag Kings doch auch in Räume, die erkämpft wurden, als mit Sexismus noch nicht ironisch gespielt werden konnte und der Kampf gegen aggressive und für das Recht auf eigene Männlichkeit im Vordergrund stand.

Das Verhältnis zur Szene macht auch unterschiedliche Motivationen deutlich: "Ich wollte immer Leute wie uns auf der Bühne sehen", sagt Fronck De Sáster von den Kingz. "So was gab's noch nicht." Er und Kollege Moritz G. legen Wert darauf, dass die Kingz mehr sind als eine Boygroup: "Für uns war immer alles gleich wichtig: die Musik, die Workshops und die Tagungen, die wir machen." Wir sprechen über die Locations und Netzwerke der Bewegung, das alles erinnert doch sehr an den D.I.Y.-Ethos von Punk und Indie und die Block Partys der HipHop-Kultur. Genauso wichtig wie das fertige künstlerische Produkt ist deshalb das Auftun neuer Orte, das Dabeisein und die gegenseitige Hilfe. Mit den eigenen Mitteln die eigene Lebenswelt verändern. Das geht in Berlin besonders gut. Die Humboldt-Uni mit dem interdisziplinären Gender-Studies-Projekt und der aktiven queeren Studierendengruppe Mutvilla, die multinationale Bevölkerung, eine vielfältige und tolerante schwullesbische Szene und nicht zuletzt die niedrigen Lebenshaltungskosten ermutigen Experimente und Eigeninitiative. Für Océan hingegen ist die Szene neben Heimat auch Begrenzung. Er wünscht sich professionellere Auftrittsbedingungen, ein kritischeres Publikum und möchte auch thematisch etwas Neues wagen: "Echte Integration wäre, wenn ich einfach über Liebe singen kann und es keinen interessiert, wer oder was ich bin. Sichtbarkeit heißt eben nicht nur Sichtbarkeit in der Szene", findet er. "Ein breiteres Publikum kriegst du mit Trash und Spaß allein nicht." Die Spicy Tigers überlegen lange, bevor sie antworten: "Welche Szene meinst du denn? Am liebsten wäre es uns, wenn es gar keine Szenen mehr gäbe. Wir wollen eigentlich gerade solche Grenzen in Frage stellen." Auch ihnen geht es um mehr als Nabelschau einer Bewegung. Der Ärger über die unkritische Begeisterung für Mias "Was Es Ist" vielerorts war Grund genug für die Tiger, den Song in schwarz-rot-goldenem Outfit zu bringen, unter dem schließlich deutschlandkritische Parolen sichtbar wurden.

Mit dem ersten Boom hat sich unter dem Label "Drag Kings" eine Vielfalt von Gruppen und KünstlerInnen mit ganz verschiedenen Zielen und Strategien entwickelt, deren weiterer Weg noch offen ist. Ein Spicy Tiger sagt mir zum Abschied: "Schreib bloß nicht, das sind x Männer und soundso viele Frauen!" Ein anderes Gruppenmitglied lacht und fragt: "Als was hättest du mich denn da gezählt?" Niemand fragt das zurzeit so provokativ und unterhaltsam wie Drag Kings.



Zu den Gruppen

Die im Text genannten Gruppen findest du im Netz unter www.kingzofberlin.de und www.oceanleroy.biz. Außerdem führt von diesen Seiten der Weg zu zahlreichen anderen King-Gruppen und -Veranstaltungen.

Kinging gestern und heute

Obwohl in Deutschland erst seit einigen Jahren populär, gibt es Drag Kings natürlich schon länger. "The Drag King Book" von Judith Halberstam und Del LaGrace Volcano ("Serpent's Tail") beschreibt die US-Szene der 90er-Jahre und liefert einen interessanten, wenn auch etwas veralteten Überblick über einige europäische Hauptstädte. Del LaGrace Volcano ist mit seinen fotografischen Arbeiten zum Thema auch im Netz zu finden unter www.dellagracevolcano.com.

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