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Die Sache mit dem Zwergschimpansen

Bonobo im Interview

Simon Green aka Bonobo behauptet, dass er mit Politik wenig zu schaffen hat – obwohl sein sechstes Album »Migration« heißt. Und dann hat er doch eine klare Meinung zu Trump, der Spaltung der US-Gesellschaft und den »plastic people«, die London zu Tode gentrifizieren. Annette Walter erwischte den rastlosen Soundsammler am Telefon seines gerade aktuellen Hauptwohnsitzes Los Angeles.
Geschrieben am
Was die Musik von Bonobo mit einem Zwergschimpansen gemeinsam hat, wird wohl immer Simon Greens Geheimnis bleiben. Mit der Tierwelt hat das Projekt des Briten jedenfalls wenig zu tun –trotz des ungewöhnlichen Künstlernamens. Wie auch immer: Bonobo ist seit vielen Jahren eine Konstante der elektronischen Musik. Ihn in seiner Wahlheimat Los Angeles am Telefon zu erwischen, ist fast schon Glückssache: Simon Green ist ein rastloser Künstler, der es nie lange an einem Ort aushält. Seine Heimat London hat er verlassen. Nach einem Intermezzo in New York lebt er mittlerweile seit zwei Jahren in Echo Park, wenn er nicht gerade für eines seiner zahlreichen DJ-Sets um die Welt jettet. Nach L.A. hat ihn nicht die Nähe zu Hollywood verschlagen, sondern die Ruhe, wie er begeistert erzählt: »Ich lebe mitten in den Hügeln. Dort ist alles sehr friedlich.« Das inspiriere ihn beim Musikmachen: »Während der Aufnahmen habe ich die Tapes mit ins Auto genommen, bin in die Berge gefahren und habe die Musik dort angehört.«

Die Arbeit an »Migration« begann bereits 2015 während der Tour zum letzten Album. Green fühlte sich selbst als ewig Getriebener, wie er erzählt, immer auf dem Sprung, nirgendwo zuhause. So komponierte er erste Entwürfe der Songs weltweit – in Hotelzimmern, Flugzeugen und Tourbussen, vornehmlich mit Kopfhörern auf dem Laptop. Für ihn ein ganz besonderer Prozess: »Wenn ich an einem Sonntagmorgen irgendwo in der Welt an einem Flughafen gesessen bin, war das ein einzigartiger Raum. Manche Musiker brauchen bestimmte Rituale, wenn sie arbeiten, aber für mich gilt das nicht. Ich stürze mich ganz in eine Situation, in der ich mental und physisch an einem fernen Ort bin.« 

Dieser nomadische Lebensstil hat also eine große Rolle bei der Platte gespielt, auch wenn er den vielsagenden Titel »Migration« nicht als politisches Statement versteht: »Natürlich gewann dieser Begriff in letzter Zeit an Bedeutung. Mir geht es aber generell um etwas anderes: die Bewegung von Menschen und unserer Kultur über einen gewissen Zeitraum.« Bei der Frage, ob ihn Politik interessiere, seufzt er laut: »Ach weißt du, die Menschen wollen immer über Politik und nicht über Musik sprechen. Ich bin aber kein Songwriter, der tiefgründige Botschaften in seinen Songs vermittelt. Mit instrumenteller Musik ist es ohnehin schwer, Statements abzugeben.«
Dennoch treibt ihn die gegenwärtige politische Situation in seiner Wahlheimat USA um. Auf die Präsidentschaft von Donald Trump angesprochen, findet er deutliche Worte: »Fuck, er ist verrückt. Es ist deprimierend. Ich habe in der Woche nach seiner Wahl kaum geschlafen.« Die Spaltung, die es nun zwischen verschiedenen Schichten der Bevölkerung in der amerikanischen Gesellschaft gebe, findet er schrecklich: »Die Leute realisieren nicht, dass es keinen Sinn macht, dass sie für ihre Probleme andere Menschen als Sündenbocke suchen. Sehr beängstigend. Das beeinflusst natürlich auch mein Leben. Alles ist ungewiss. Ich habe das Gefühl, dass sich die Haltung der Menschen verändert. Wenn ich hier in L.A. herumlaufe, nehme ich eine andere Stimmung zwischen den Menschen wahr als früher. Sie können sich nicht in die Augen sehen. Trump legitimiert Rassismus, Homophobie und Sexismus. Viele Amerikaner denken nun, dass es okay ist, diffamierende Haltungen zu vertreten.«

Okay, sprechen wir lieber über Musik. Green ist ein Soundtüftler, besonders gut ist das beim Opening-Track »Migration« zu hören. Den hat er auf unkonventionelle Weise aufgenommen – was für ihn selbst eine Premiere war. »Ich habe einen zufälligen Algorithmus mit Loops programmiert. Der Computer hat aus diesem Algorithmus immer wieder einen Loop getriggert. Man kann sich das so vorstellen, dass es komplett vom Computer improvisiert wurde.« Darüber wurden dann die Aufnahmen von Jon Hopkins und seiner Band gelegt, die in Pasadena eingespielt wurden. Green macht seine Vorgehensweise mit dem Algorithmus hörbar stolz: »Das war für mich die größte Errungenschaft des Albums: die Idee, dass sich ein Songs quasi von selbst schreibt.« Aber auch Weltmusik floss in »Migration« ein. Die marokkanische Band InnovGnawa aus New York ließ er die Vocals zum housigen »Bambro Koyo Ganda« einsingen: »Für mich gab es immer einen Dialog zwischen Dancemusik und arabischer Musik, was sich beim Rhythmus bemerkbar macht.«
Zu Marokko hat er eine besondere Beziehung. »Ich war dort zum Klettern, habe in einfachen Behausungen in Berberdörfen auf dem Boden geschlafen, bin um fünf Uhr morgens aufgestanden und wieder geklettert. Wenn ich auf dem Gipfel stand, konnte ich die Sahara sehen.« Auf mehreren Songs des Albums hat er außerdem Field Recordings benutzt, etwa Motorengeräusche und Regen: »Ich sammle Sounds, die ich immer auf einem kleinen Rekorder aufnehme. Ich finde in abstrakten Sounds Melodien und Rhythmen und versuche, sie in meine Musik zu integrieren.«  

Auch wenn ihn die gegenwärtige Entwicklung Londons sichtlich nervt, kann Green sich vorstellen, irgendwann wieder zurückzugehen. »Leider mussten mittlerweile viele Clubs wegen der Gentrifizierung schließen. Überall in der Stadt sind nur noch Plastic People unterwegs«. Zwei der wenigen guten Clubs, die noch übrig sind und in die er selbst gern geht, sind die Corsica Studios und der Hydra Warehouse Space in Wapping.
  Für Club-Besuche wird Simon Green in der nächsten Zeit aber sowieso zu beschäftigt sein. Mit »Migration« plant er eine ausgedehnte Tour, auf die er sich momentan in L.A. vorbereitet. 2017 wird also ein weiteres rastloses Jahr für Bonobo.

Bonobo

Migration

Release: 13.01.2017

℗ 2017 Ninja Tune

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