×
×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Intro Die Woche

Jetzt für den Newsletter anmelden

*
*
*
. .
×

Von der Schönheit

Blumfeld

Die Nachricht kam überraschend: Jochen Distelmeyer hat Blumfeld aufgelöst. Aber den Fans bleiben ja noch die 5-CD-Box, die Abschiedstour und natürlich viele Jahre aus Blumfeld-Songs. Wir treffen Jochen im Cafe Bravo in den Berliner Kunstwerken. Er ist gut drauf, sieht gut aus und bestellt erst mal e
Geschrieben am

Die Nachricht kam überraschend: Jochen Distelmeyer hat Blumfeld aufgelöst. Aber den Fans bleiben ja noch die 5-CD-Box, die Abschiedstour und natürlich viele Jahre aus Blumfeld-Songs. Wir treffen Jochen im Cafe Bravo in den Berliner Kunstwerken. Er ist gut drauf, sieht gut aus und bestellt erst mal ein Mittagessen. Obwohl wir das Interview zu zweit machen, stellt jeder seine eigenen Fragen an ihn. Man kennt Jochen schließlich schon ewig, aus “Vor Blumfeld”-Tagen.



Wie geht’s dir so? Bist du traurig oder schon ein bisschen nostalgisch, weil du Blumfeld aufgelöst hast?
Nostalgisch nicht. Traurig: im Moment noch nicht. Aber je näher die Tour rückt, die Vorbereitungen – im Proberaum, Interviews geben –, desto stärker wird die Ahnung davon.
Welche Lawine da losgetreten wird.
Welche emotionalen Dimensionen das so hat.
Wir möchten gerne mit dir über die 16 Jahre Blumfeld sprechen, ein wenig die Phasen und die Platten streifen. Beginnen wir mit der Blumfeld-Box “Ein Lied mehr”, die jetzt herauskommt. Es ist schön, dabei noch einmal in die musikalische Bandbreite von Blumfeld einzutauchen.
Als wir die Rechte am Backkatalog unserer ersten drei Alben zurückbekamen, haben wir beschlossen, sie auf diesem quasi Kataloglabel Blumfeld Tonträger wieder zu veröffentlichen. Ein Jahr oder anderthalb Jahre waren diese Platten, glaube ich, gar nicht mehr erhältlich! Und dann ist plötzlich die Idee entstanden – bei Sichtung auch von unveröffentlichten Sachen, des Live-Mitschnitts in Wien –, doch gleich eine Box daraus zu machen. Und während wir dann wiederum dieses Paket zusammengestellt haben – dazu gehörten auch Covergestaltung, Fotos aussuchen, der Arbeitstitel “Ein Lied mehr” war schon da –, erinnerte ich mich eines Gefühls, das ich auch schon beim Schreiben einiger Stücke unseres letztjährigen Albums “Verbotene Früchte” hatte: “Komisch”, dachte ich, “wo kommt das denn jetzt her? Das klingt ja wie ein Abschluss oder Abschied.”
Das Gefühl, dass ein Zyklus beendet wird?
Ja, genau. Ich dachte, “Verbotene Früchte” beendet den Zyklus der letzten drei Alben. Und erst bei der Arbeit an dem Backkatalog und an dieser Box-Geschichte ging mir auf: “Abgefahren, okay, das ist ein perfekter Zeitpunkt, Blumfeld abzuschließen.” Was dann ja auch in der Bekanntgabe stand: “Der Kreis schließt sich.” Also, ich fühlte: “Genauso, wie die Box ein Anfang und ein Ende hat, hat auch dieses Blumfeld-Ding jetzt ein Ende.” Quasi, klar.
Das heißt, du hast den nächsten Blumfeld-Schritt nicht mehr gesehen? Und dachtest, dann war das jetzt Blumfeld?
Ja. Wobei es nie darum ging, sich neu zu erfinden. Sondern bestimmte musikalische Vorlieben, Infragestellungen usw. für sich zum Klingen zu bringen und zu befragen. Das ist mir dann beim Machen dieser Box eingefallen. Ich dachte: “Aha, abgefahren, runder geht’s eigentlich nicht.”
Das spricht mir gerade etwas aus der Seele. Ich habe auch gerade eine lange Erzählung mit meinen Texten aus 16 Jahren beendet. Da habe ich dauernd überlegt: Wie bring ich die Texte so zusammen, dass etwas Neues entstehen kann? [Ende März erscheint das Musikgeschichtenbuch “Zungenkuss. Du nennst es Kosmetik. Ich nenn es Rock’n’Roll. 1990 bis heute” (Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007), darin formt Kerstin Grether ihre Original-Texte aus 16 Jahren zu einer langen Erzählung. Blumfeld kommen darin öfters vor.]
Genau!
Die Akustik-Versionen auf CD #4 sind neue Versionen bekannter Stücke. Wie seid ihr dazu gekommen?
Das waren zum Teil Probenmitschnitte, die wir aufgenommen haben, als Lars dazukam. Songs, die wir schon seit geraumer Zeit live anders spielen als auf Platte: “Immer wieder Liebeslieder” oder “Verstärker” mit der live bekannten “Extended Version”.
Ist ja toll, dass man das endlich mal auf Platte hat: “Everytime we say goodbye, I die a little” und so. Noch mal zurück zu deinem Gefühl, dass Blumfeld beendet ist. Kannst du das noch genauer beschreiben?
Noch nicht wirklich. Das Gefühl ist zwar ganz klar, aber noch nicht greifbar in dem Sinne, dass es geklärt, abgeschlossen wäre, sondern einfach so.
Ist da auch so ein Moment von “Jetzt hab ich alles mal gesagt” enthalten?
Nur in dem Sinne, wie die einzelnen Platten untereinander zueinander miteinander stehen, worum es da so unter anderem ging.
Wenn ich mir eure sechs Alben jetzt mal so anschaue: Würdest du sagen, dass die dritte Platte “Old Nobody” aus dem Jahre 1999 den Übergang markierte zu den “erwachsenen” Blumfeld? Oder kann man das so allgemein nicht sagen, weil die Platten ja, wie du sagtest, “untereinander miteinander” kommunizieren?
Ich möchte jetzt nicht mein eigener Interpret oder Exeget sein.
Gut, dann lass uns über die Rezeption reden, vielleicht kommen wir ja später noch mal genauer auf einzelne Songs zu sprechen. Ich habe mich schon bei den ersten Alben “Ich-Maschine” (1991) und “L’Etat Et Moi” gefragt – nicht zuletzt 1994 in meinem Spex-Artikel, wenn auch da auf einer Subebene –, warum Blumfeld in der Öffentlichkeit fast ausschließlich als “vergeistigte Band für Studenten” wahrgenommen werden. Denn das waren ja doch sehr verzweifelte und drastische und auch klare Lieder! Das Individuum, das sich darin so durchrockt, findet seine Stimme ja vor allem, um Schmerz und Erkenntnis zu formulieren.
Genau! Das sehe ich auch so. Das habe ich auch immer so gesehen. Und daher habe ich auch nie verstanden, warum Blumfeld dieses Image haben.
Was glaubst du, warum bringen die Leute Literaturzitate, Diskurs, ein genaues Reflektieren von Sprache immer so automatisch nur mit studentischem Milieu in Verbindung? Es ist schließlich normal, dass gute Songwriter auch Bezüge außerhalb der Musik haben. Und Menschen lesen Bücher ja nicht nur, um Scheine an der Uni zu erwerben, sondern auch aus allen möglichen anderen Gründen.
Ich habe nie darüber nachgedacht, woran genau das liegt. Ich selbst habe Blumfeld jedenfalls nie als Band betrachtet, die für eine bestimmte Klientel Musik macht. Das sind vielleicht alles so historische Missverständnisse, die sich mit der Zeit eingeschlichen haben.
Es gibt ja bei jeder Band diese Band-Klischees, die sich dann so forttragen, von Platte zu Platte. Und die in der Öffentlichkeit halt aufgegriffen werden.
Die gibt es in der Tat immer. Ich denke, es ist offensichtlich, dass wir uns die Klischees, von denen du sprichst, nicht zu eigen gemacht haben! Also, dass diese Zuschreibungen, ob jetzt im Positiven oder im Negativen, keinerlei Einfluss auf unsere Musik oder Arbeit hatten. Vielleicht hat es die Leute wirklich von Anfang an verstört, dass wir auch andere Bezüge als Musik hatten – wenn sie das nicht gewohnt waren, dass jemand sich mit so was beschäftigen oder auseinandersetzen kann. Aber das ist ein Deskriptionsproblem. Wie gesagt, für mich dann nicht meins. Ich glaube einfach, wenn die Leute einen scheiße finden wollen, dann werden sie etwas finden, was sie unter einen General-Verdacht stellen können.
Die finden das mit dem Studentischen ja gar nicht scheiße. Sie wollen es halt nur auf jemanden abwälzen. Sie spiegeln sich ja darin.
Okay, aber ich meine jetzt: Es gibt natürlich Klassiker von so Zuschreibungsmodellen, die dann ganz bestimmten Vorstellungen – also, wie “ein Typ”, “eine Frau”, “eine Band” zu sein hat – entsprechen sollen. Und dem haben wir so nicht entsprochen, und auch wenn das manchmal anders gesehen worden ist: in dem Sinne auch nie damit gespielt oder so.
Das war dann möglicherweise auch so ein ... “Missverständnis” würde ich jetzt nicht sagen ... aber, dass die Leute gedacht haben: Ach so, die spielen jetzt so mit intellektuellen Klischees.
Na wenn, dann halt höchstens auf eine hysterische Art.
Hast du das Gefühl, dass die Fans euch auch primär über “das Studentische” wahrnehmen?
Nee, ich glaub nicht. Ich glaube, dass die, wenn man das so nach den Konzerten mitbekommt oder auch während der Konzerte, den Weg gefunden haben, durch den Rezeptionsfilter hindurchzusehen. Durch irgendwelche Nebelmaschinen, die da angeschmissen worden sind. Sich zu ihrem Bild oder Empfinden oder Verständnis davon auch zu bekennen. Klar, man kann nichts ausschließen, das ist völlig okay. Natürlich lebt eine Band auch davon, dass sie auf unterschiedliche Art und Weise wahrgenommen wird. Das ist ja so ein quasi unsichtbarer Austausch, der da auch auf eine Art stattfindet. Und der muss vielleicht gar nicht so reflektiert sein, kann er aber natürlich. Wenn ich da so zurückblicke – merkwürdig, das zu sagen [lacht nachdenklich] –, dann finde ich das alles sehr nachvollziehbar. Und kann die Reaktionen also auch verstehen. Auch wenn ich selber es aus den Platten heraus so nicht in dem Maße hab nachvollziehen können.
Du schreibst tolle, außergewöhnliche Songtexte. Und somit ist es auch ein Zeichen von Respekt, wenn die Rezipienten deine intellektuelle Kraft betonen.
Ja, genau. Ich möchte aber auf deine “Old Nobody”-Frage zurückkommen: An die gängigen Subversionsmodelle, die quasi an Popkultur drangeklebt worden sind oder damit in Zusammenhang standen, habe ich in dem Maße spätestens seit “Old Nobody” nicht mehr geglaubt. Was man natürlich sagen kann, ist, dass Rock’n’Roll erst mal primär antiautoritär ist. Ob das dann in irgendeiner Form tatsächlich eine emanzipatorische oder subversive Konsequenz hat, sei jetzt erst mal dahingestellt! Aber ich glaube, das antiautoritäre Moment bleibt schon dadurch bestehen, dass es immer wieder Leute gibt, die in die Pubertät kommen. Und von ihrem Recht auf Faulheit und Widerspruch Gebrauch machen. Und weil das so ist, ist es natürlich völlig okay, wenn die Leute dann eben auch unsere Autorität nicht anerkennen wollen oder in Zweifel ziehen. Wenn sie sagen: “Find ich scheiße” oder “Fand ich mal gut, find ich jetzt doof.” Oder was auch immer. Das hat mir an den Reaktionen auf “Verbotene Früchte” gut gefallen. Was es dazu in Internetforen an Gesprächen gab, als bekannt gegeben wurde, wie die Platte heißen soll. Dass die Leute sich selbst Songtitel ausgedacht haben und Texte schrieben und eigentlich die Band egal war!
Stimmt. Da haben sich die Intro-Leser echt mal was Schönes einfallen lassen!
Ich hatte den Eindruck, dass das Verhältnis zwischen Achtung der Band auf der einen Seite und Respektlosigkeit der Band gegenüber ziemlich ausgewogen und toll war. Da dachte ich: “Okay, wenn das die Leute sind, die zu unseren Konzerten kommen, dann find ich das gut!”
Ich könnte mir vorstellen, dass eure Alben seit “Old Nobody” auch deshalb kontroverser diskutiert wurden, weil sie sich aus dem Durcheinander eines universell-jugendlichen Gefühls-Spektrums hinauswagten – und es ist ja immer schwieriger, die individuelle Entschiedenheit eines erwachsenen Lebensentwurfs an viele verschiedene Leute zu adressieren. Das ist euch erstaunlich gut gelungen.
Ja, was diese Platten in der Lage sind zu sagen oder was die machen, das ist jetzt auf eine Art abgeschlossen. Natürlich können Leute auch sagen: “Ich find nur ‘Ich-Maschine’ und ‘L’Etat Et Moi’ gut” – aber nach meiner Auffassung sehen sie dann halt nur einen Teil von dem, worum es mir und uns in der Band von Anfang an ging. Das kann aber jeder handhaben, wie er oder sie möchte.
Was ich immer beeindruckend an der Person Jochen Distelmeyer fand: dass du von Anfang an wusstest: “So, ich bin jetzt Musiker oder Schriftsteller oder Künstler – und das mach ich jetzt.” Wie dir scheinbar immer schon klar war, dass dein Leben darauf hinausläuft, ein Kunstwerk zu schaffen. Hat das auch mit deiner damaligen Clique aus Bad Salzuflen zu tun, alles starke Künstler-Persönlichkeiten? Ihr hattet ja noch diese 70er-Jahre-Cineasten-Prägung. Eure ganz eigene Art, z. B. über Fassbinder-Filme zu diskutieren oder über Männlichkeitsbilder im 80er-Jahre-Mainstream-Kino.
Ja, unterschiedliche Prägungen! Was ich aus Fast-Weltweit-Zeiten mitgenommen habe, ist, banal gesagt, dass es sich gut anfühlt, sich mit Leuten auszutauschen, die ganz unterschiedlich an was arbeiten. Und das als etwas Gemeinsames zu sehen, was auch über die Musik hinausgeht bzw. hinausgehen kann. Da ist man dann allerdings schnell bei so einem Überbau-Ding, einer übergeordneten Konzeption. Und die ist mir ab “L’Etat Et Moi” nicht mehr wichtig gewesen. Da ging’s mir nicht um Konzeption oder Programmatik.
Meinst du jetzt “ab” oder “nach” “L’Etat Et Moi”?
So durch und mit. Also bei “L’Etat Et Moi” quasi immer noch. Da fühlte ich mich dem Szene-Kontext noch verbunden. In der Zeit zwischen “L’Etat Et Moi” und “Old Nobody” habe ich oft an diesen Satz von Paul Celan gedacht, den er bei der Büchner-Preis-Rede gesagt hat. Er meinte, sinngemäß zitiert, dass es darum gehe, in die “eigenste Enge” zu gehen. Das ist das, wo es wirklich entscheidend wird! Auf “L’Etat Et Moi” gab es ja das titelgebende Sprechstück oder “Sing Sing” – das waren so HipHop-Texte; Silver Bullet kennt man ja vielleicht noch? Und da kam ich irgendwann zu der Überlegung: “Was hat das mit Gospel und Blues zu tun? Wie könnte ‘L’Etat Et Moi’ als Sprechtext so eine Art Umbruch erfahren?” Das habe ich dann in “Eines Tages”, einem Song von “Old Nobody”, umgesetzt. Denn zu dem Zeitpunkt hatte sich HipHop in der Bundesrepublik gerade durchgesetzt; war für mich als Sprache nicht mehr so interessant. Und ich fing stattdessen an, mich zu fragen: Was passiert mit demjenigen, der sich aus der Gemeinschaft, dem Diskurs, der Gemeinde, dem Gospel-Chor – oder auch aus dem “Szene”-Chor unseres Songs “Superstarfighter” – hinausbewegt? Was passiert also mit dem “Hobo”, “dem Tramp”, der den Bruch zum religiösen Anrufungswesen der Gemeinde, des Chors vollzieht? Und daraus wurde dann “Eines Tages”. Das Stück sollte wie ein Gebetstext funktionieren, also: “Eines Tages, du wirst ihn vergessen” – wie “Vater unser, der du bist im Himmel”. Und außerdem [singt] “dadadamm, du wirst ihn vergessen” – wie ein Talking Blues. “Old Nobody” sollte also schon eine Blues-Platte sein, aber ohne dass da jetzt originär Blues drin wäre.
“Eines Tages” habe ich heute Morgen wieder gehört. Es ist auch ein wahnsinnig trauriges und düsteres Lied. Kaum auszuhalten, dieser Zustand, der da beschrieben wird. Nihilistisch bis an die Grenzen der Existenz. Und so einsam! Schlimmerweise glaube ich, dass man solche Lebens- oder Arbeitsphasen manchmal aushalten muss.
Ja. Aber diese Figur in dem Stück, die ist ja nicht wirklich alleine oder so was. Man ist beim Schreiben – das kennst du ja vielleicht auch, wenn du allein am Schreibtisch sitzt oder du auch beim Songschreiben – natürlich nie ganz alleine. Man hat ja seine unsichtbaren Freunde!
Bevölkerte Einsamkeit.
Ja, also, die sind ja immer auch noch da.
Wo ging denn das Lied hin auf den folgenden Platten? Hast du “Eines Tages” dann noch mal weitergeschrieben?
Nee, das hab ich jetzt auch nur versucht zu erläutern, weil Kerstin von der “Entschiedenheit des erwachsenen Lebensentwurfs” sprach. Und um zu erklären, warum mir dieses Aufgehobensein in Theorie, Sprechweisen oder was auch immer ab da nicht mehr so wichtig war. Oder nicht mehr diesen Stellenwert hatte und schon in etwas anderes übergegangen war. Immer noch in den Spurenelementen enthalten natürlich, wenn man so will. Also es ist ja nicht verdrängt oder vernichtet worden, sondern wurde auf eine andere Perspektive in einen anderen Sound – in einen anderen Gestus – überführt.
Man kann keinen anderen Stil haben als den, den man hat, während man schreibt. Also keine andere Schreibweise oder auch Arbeitsweise. Deinen Stil kannst du nicht kontrollieren. Du setzt dich hin, und so, wie du es machst, so machst du es.
Das, was in dem Moment passiert, passiert einfach.
Ja. Du kannst es nicht anders machen. Du kannst es natürlich schon. Und natürlich versuchen das einige. Das klingt dann aber bemüht oder fakemäßig. Und nicht wahrhaftig und schön. Und deshalb tritt man nicht nur moralisch oder menschlich, sondern eben auch als Teil der Arbeit, als Teil der Schreibweise, wieder ein in den Chor, wenn man so will.
Sehr schön gesagt. Für dich kam das Schreiben eines jeden Stückes also immer wieder aus diesem ursprünglichen Gefühl? Ist das auch der Grund, warum du dich gewehrt hast, wenn die Leute sagten, dass ein Paradigmenwechsel innerhalb der Band stattgefunden habe?
Wenn du im Fluss bist, dann fließt du! Wenn du am Fluss stehst und guckst, dann siehst du die eine Stelle, an der du stehst. Und die unterscheidest du von der anderen Stelle, wo du dich dann hinstellst. Aber wenn du im Fluss bist oder fließt oder dich fließen lässt, dann nimmst du das anders wahr.
Kennst du das auch: Man liest die eigenen Teste später wieder und erkennt dann, warum genau man das so gemacht hat, bzw. sieht plötzlich andere Ebenen?
Immer. Die ganze Zeit. Bei allem.
Du hast ja jetzt darüber gesprochen, warum du dich aus dem “Chor” herausbewegt hast. Jetzt würde uns noch interessieren, warum du bei dem “Chor” dabei warst! Also anders gesagt: Was war für dich Anfang bis Mitte der Neunziger das Besondere an dem Hamburger Musik- oder Boheme-Umfeld?
Für mich gab es viele Gründe, Teil dieser Szene zu sein. Ich erinnere mich vor allem an eine Zeit: Obwohl es da ganz viele Bands und Akteure gab, Tummelei und alles Mögliche – es gab kein Konkurrenzempfinden! Das war ziemlich abgefahren. Das hatte es, wenn auch nur für eine gewisse Phase von vier, fünf, sechs Jahren, so noch nicht gegeben. Jetzt nicht nur in Hamburg, sondern auch mit befreundeten Bands aus anderen Städten, Lassie Singers und Attwenger z. B, war das so. Und das hat sich ab einem bestimmten Moment schon auch geändert auf eine Art.
Was würdest du sagen, wann?
Hab jetzt die Jahreszahl nicht im Kopf.
Vielleicht 1995?
Relativ zeitnah zu “L’Etat Et Moi” auf jeden Fall merkte man, dass es jetzt einen Hype über diese Stadt gibt. Und wie dem auch sei – es ist sicherlich generell eine gewisse Qualität von Hamburg gewesen, nicht nur damals und über eine sehr lange Zeit: dass es eine sehr engagierte, gefestigte, aber auch immer wieder sich neu verortende politische Szene gegeben hat.
Konkurrenzlosigkeit – das ist wirklich eine Utopie innerhalb der gnadenlosen Musikszene und Pop-Boheme. Hatte es auch damit zu tun, dass es gemeinsame Ideen oder Ziele gab?
Es war ja jetzt auch nicht so, dass man sagen kann: “Oh, es gab eine gemeinsame Wahrheit.” Das hat mich auch damals immer gestört, wenn das dann so gelabelt worden ist.
Ja, gut. Aber es war ja schon mal was anderes als das gängige “Ich-Ich-Ich” so vieler Szenen oder Branchen. Auch wenn diese Szene dann nach außen hin doch wieder leicht arrogant wirkte.
Es war eben auch eine andere Zeit. Ich will das gar nicht glorifizieren oder nostalgisch irgendwie hochhalten. Hab das jetzt nur gesagt, weil Sandra meinte, wir sollen mal über Hamburg reden. Und es ist mir wichtig, dass auch rüberkommt, dass ich Hamburg nicht glorifiziere. Vielleicht hat sich für mich das Ganze ja auch konkurrenzloser angefühlt, als es war. Das kann ja auch sein.
Also, ich habe das Musikmachen in Hamburg mit meiner ersten Band Parole Trixi auch zu einem späteren Zeitpunkt noch als relativ konkurrenzloses Miteinander erlebt. Insofern kann ich das Gefühl von Konkurrenzlosigkeit bestätigen. Man kann nur leider natürlich nicht bestreiten, dass es eine totale Männerszene war. Das war für mich ein trauriger Widerspruch.
Echt?
Ja.
Ich glaube, “Jungsclub”, das beschränkt sich nicht auf den Radius einer Stadt. Und, wie gesagt, spätestens seit “Old Nobody” war mir der Bezug zu einer Stadt oder einer Szene oder irgend so was nicht mehr wichtig. Wir hätten dieselben Platten auch in Köln oder Barcelona oder sonst wo machen können.
Billy Corgan sagte, als er die Smashing Pumpkins auflöste – er hat ja auch so früh damit angefangen –, so was wie: Nun habe er die Welt während seines ganzen Erwachsenwerdens, während seines halben Lebens also, immer nur aus der Sicht der Smashing Pumpkins gesehen. Kannst du das Gefühl nachvollziehen?
Interessant! Kann ich nachvollziehen. Also, hab ich so noch nie darüber nachgedacht. Aber find ich eine erstaunlich klarsichtige Selbsteinschätzung von dem. Ich kenn mich mit den Sachen von den Smashing Pumpkins überhaupt nicht aus, das hat mich nie angeturnt; aber erstaunlich klarsichtig, diese Aussage. Also, ich empfinde Blumfeld nicht als etwas Reduzierendes. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mein Blick auf die Welt sich dadurch einengt, sondern der hat sich dadurch auch auf eine Art erst ermöglicht. Es bestand für mich deshalb nie ein Anlass für irgendwelche Seitenprojekte. Das Tolle für mich an Blumfeld ist und war, dass sich alles, was mich musikalisch interessiert hat, da verwirklichen ließ. Aber eben auch, weil Leute, Fans und Freunde der Band uns begleitet und unterstützt haben.
Wir gehen jetzt mal selbstverständlich davon aus, dass du weiter Musik machst. In welcher Form auch immer.
Ja, klar!
Möchtest du noch etwas hinzufügen?
Nee, ich hab alles gesagt. Vielleicht noch Folgendes: Ich habe die Arbeit an der letzten Platte in allerbester Erinnerung. Sowohl die Arbeit im Studio als auch die Tour war von einer sehr entspannten Euphorie getragen. Das hat meinen Beschluss, die Band jetzt aufzulösen, auch eher noch begünstigt, im Sinne von: Wenn’s am schönsten ist, soll man gehen.
Das ist doch ein schöner Schlusssatz. Wir wünschen dir viel Glück und Erfolg für die nächsten 16 Jahre!
Danke, das wünsche ich euch auch.

Folgt uns auf

  • folgen
    mehr
  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr