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Lost in Trainstation

Bill Murray im Gespräch

Bill Murray und der Cellist Jan Vogler lernten sich auf einem Flug nach New York kennen und beschlossen später, ein Album aufzunehmen. »Denn immer mehr Dinge entfernen sich davon, Spaß zu machen, weil sie allein monetären Interessen untergeordnet sind«, sagt Murray. Was er darüber hinaus für sein Leben als wichtig erachtet und was ein Massageroller damit zu tun hat, erzählte er Christian Schlodder am Gleis 8 des Berliner Hauptbahnhofs.
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Am Anfang waren es zwei Anrufe. Beide mit hiobsbotschaftlichem Beginn – und versöhnlichem Ende. Der erste kam um 09:54 Uhr. Das Kurz-Interview mit Bill Murray und Jan Vogler könne so nicht stattfinden, da der Flug der beiden aus New York verspätet sei. Doch gäbe es eine Lösung, so die Stimme am anderen Ende der Sprechgarnitur: Das Interview könne im ICE von Berlin nach Hamburg stattfinden. Abfahrt um 14:39 Uhr. Mit der Zeit denkt man, sich eine gewisse Interviewroutine erarbeitet zu haben. Ein wenig Vorbereitung, Menschen und Situationen lesen (oder es zumindest versuchen), Fragen stellen, zum Schluss bedanken. Doch etwas war anders. Kindliche Aufregung machte sich nach der Zusage breit: Eine Bahnfahrt im ICE mit Bill f*cking Murray, dem coolsten Typen Hollywoods!?

Der ICE nach Hamburg steht zwei Minuten vor der Abfahrt am Gleis. Doch das reservierte Abteil ist leer. Von Bill Murray und Jan Vogler keine Spur. Dann folgt der zweite Anruf um 14:37 Uhr. »Bist du schon im Zug?«, fragt die Stimme der Promoterin am anderen Ende. »STEIG SOFORT AUS! Wir schaffen es nicht.« Ein beherzter Sprung aufs Gleis, das Piepen der Türen – und schon verabschiedet sich der ICE 800 mit dem Ziel Hamburg im Tunnel.

Wenige Augenblicke später steht die Entourage um Bill Murray am Gleis 8 des Hauptbahnhofs, gejetlagt vom Flug, übermüdet vom bisherigen Programm. Jan Vogler mit seinem über 300 Jahre alten Cello. Bill Murray mit Anglerweste und roter, zusammenklappbarer Brille um den Hals. Er träufelt sich Augentropfen in die Pupillen. Die Flüssigkeit läuft ihm über die linke Wange. Er wirkt abgekämpft, doch schrecklich normal, und absurderweise achtet man genau auf diese Normalität, nur um sich davon überrascht zu fühlen.
Dabei ist er doch auch deshalb der coolste Typ Hollywoods, weil er macht, worauf er Lust hat. Beispielsweise ein klassisches Album mit Jan Vogler, dem Cellisten aus Dresden, der mittlerweile in New York lebt. Und Murray fühlt sich darin sichtlich befreit. »Die Chance, zu versagen, ist mit diesem Projekt größer, weil wir niemanden außer uns beiden dafür verantwortlich machen können. Wenn man das aber akzeptiert hat, trifft man allein künstlerische Entscheidungen. Und es macht die Zusammenarbeit viel angenehmer, weil es in diesem Prozess keinen gibt, gegen den man sonst ankämpfen muss«, sagt er. So habe Jan Vogler die meisten Entscheidungen getroffen, sagt Bill Murray. Es sei reines Teamwork gewesen, sagt Jan Vogler.

»Zusammengehalten wird am Ende alles von Walt Whitman«, beschreibt Vogler das Konzept. Whitman kennt man hierzulande nur, wenn man englische Literatur studiert hat oder ein aufmerksamer Dauergucker von »Breaking Bad« ist. Bill Murray verehrt den Literaten Walt Whitman. Auf »New Worlds« rezitiert er sein Gedicht »Song Of The Open Road«, untermalt von Voglers Cello. »The earth never tires«, heißt es darin. »Die Welt kommt immer wieder«, sagt Murray und wiederholt das mantraartig. »Wenn du in den Ozean springst und unter den Wellen hindurchzutauchen versuchst, gegen sie anzukommen versuchst, wirst du merken, dass immer neue Wellen auf dich zukommen. Und das ist nur ein kleiner Teil unserer Welt.« 

Auf »New Worlds« spricht Bill Murray, der Transzendentalist, der Romantiker gegen den Materialismus und der Verfechter der Natur, durch die Werke amerikanischer Literaten. Und zwischen all der leichten Melancholie und dem ebenso leichten Optimismus werden er und Vogler sogar unfreiwillig politisch. Viele Autoren, die Murray rezitiert, agierten zur Zeit des amerikanischen Sezessionskriegs. Bei James Thurbers »If Grant Had Been Drinking At Appomattox«, vertont zu Stücken von Maurice Ravel, ist der Bezug unübersehbar. Und seit einer Weile spielt diese Vergangenheit wieder eine Rolle in der amerikanischen Gegenwart. Die rassistischen Aufmärsche in Charlottesville, der Abbau von konföderierten Denkmälern, eine verhärtete Debatte über die eigene Geschichte.
Murray war nie der große Politaktivist Hollywoods. Auch hier ist seine Position irgendwo in der Mitte, immer auf der Suche nach Verständnis für das große Ganze und Kompromissbereitschaft. »Es gibt bei diesem Thema so viele Wunden in diesem Land. Doch wie heilen wir die?«, fragt er. Die Antworten sucht er woanders, in der Rückbesinnung auf sich selbst und auf die Natur. Nun findet Murray sich allerdings in einer Welt wieder, in der das Zurück-zur-Natur maximal Lifestyle ist, der Rest ist getrieben von Status-Updates und immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen. »Entwicklungen hatten einst das Versprechen, mehr Freizeit und Erholung zu schaffen. Doch überall, wo ich hinschaue, entdecke ich weniger davon«, sagt er. Weniger Zeit für die Familie, für eigene Bedürfnisse und (da spricht erneut der Transzendentalist) für die Natur. Er verweigert sich dieser Entwicklung seit jeher. Er twittert nicht, es gibt keine Facebook-Fanpage. Selbst wenn man ihn für Drehs anfragen möchte, muss man nach wie vor auf einen Anrufbeantworter sprechen, den er selbst unregelmäßig abhört. Nicht einmal seiner Post schenkt er sonderlich viel Beachtung. Auch das hat ihm den Nimbus eingebracht, über den Dingen zu stehen, eben der coolste Typ Hollywoods zu sein.

Unterdessen fällt ihm seine Zahnbürste aus der rechten Tasche seiner Anglerweste auf Gleis 8. Im Koffer hat er noch einen Reisemassageroller. Es sei das wichtigste materielle Ding, das er habe, sagt Murray. Auch weil er ein Symbol dafür ist, dass er nicht nichts tun könne in diesen stillen und leisen Momenten auf Reisen und in den Hotelzimmern dieser Welt. »Lost In Translation«, so sagte er einst, sei der Film, der ihm am meisten Freude bereitet hätte. Er spielt in Tokio, hauptsächlich in Hotelzimmern. Im Film werden er und Scarlett Johansson zu schlaflosen Komplizen der Einsamkeit. Der Massageroller schließt den Kreis. Es gäbe diese Orte, an die er sich zurückzieht, wenn ihm die Welt zu viel werde, sagt er. Zum Beispiel sein Zuhause. »Wenn man so viel unterwegs ist wie ich, fühlt es sich einfach nur gut an, nach Hause zu kommen«, sagt er. Die Augentropfenflüssigkeit auf seinen Wangen ist mittlerweile getrocknet. Im Hintergrund führt die Promoterin noch immer Telefonate. In weniger als zwei Stunden wird sie ihm erzählen müssen, dass er in einer anderen Stadt ist: Hamburg.

»Nach Hause zu kommen ist großartig«, sagt er noch einmal. Mehrmals. Seine Augen wirken traurig in diesem Moment, ein wenig einsam und suchend. Vielleicht möchte man auch einfach nur, dass sie genau so wirken. Dann verabschiedet er sich. 15:37 Uhr. Der Zug ist da. Er müsse noch etwas Kraft tanken im Abteil. Am Ende würde man ihm am liebsten eine aufgeregte, schwärmerische Dankes-Nachricht in den ICE nach Hamburg schicken. Doch die, und das ist Teil der Legende um den coolsten Typen in Hollywood, müsste man auf einen Anrufbeantworter sprechen, den er vielleicht nie abhört.

Bill Murray, Jan Vogler & Friends

New Worlds

Release: 29.09.2017

A Decca Gold Recording;℗2017 UMG Recordings, Inc.

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