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All inclusive nach Babylon

Bilderbuch im Gespräch

Falsche Bescheidenheit? Nicht mit Bilderbuch. Sie haben Bock. Sie wissen, was sie können. Sie haben was zu sagen. Und sie haben keine Lust, sich zu verstecken. Auf ihrem neuen Album »Magic Life« zelebrieren sie die Liebe zum Pop und meditieren zugleich über den Niedergang unserer luxuriösen Existenz. Aida Baghernejad traf Maurice Ernst, den Sänger von Bilderbuch.
Geschrieben am
Machen Österreicher eigentlich bessere Musik, weil ansonsten bei ihnen vieles noch beschissener ist als in Deutschland? Der Wahlkrimi, der unserem Nachbarn um ein Haar einen neu-rechten Präsidenten beschert hätte, sorgte bei vielen nördlich der Grenze für eine Mischung aus Schrecken, Arroganz und später dann Erleichterung. Wiener Schmäh ließ in den letzten Jahren sämtliche Musiknerd-Herzen höher schlagen. Hängt das irgendwie zusammen? Maurice, Sänger und Rampensau vom Dienst bei Bilderbuch, lacht: »Kann man schon sagen.« Seine Theorie ist dennoch eine andere: »Unsere Musik ist eine Reaktion darauf, dass wir keine Perspektive hatten, Musik zu machen, von der man leben kann.« Es gab keine Bands, die es ganz nach oben geschafft hatten, keine Idole, die aktueller waren als die alten Austropop-Granden. Und die sind schon zu lange tot oder vergessen, um noch als Vorbild zu taugen. Und überhaupt, der hedonistisch-koksgetriebene Lifestyle eines Falco wäre heutzutage als Musiker gar nicht mehr drin: »Vor ein paar Jahren wurde mir von Leuten in der Musikbranche noch gesagt: ›Von der Musik leben? Da hättet ihr euch einen anderen Job suchen müssen.‹« In so einer feindlichen Umwelt kann man aufgeben. Oder einfach darauf scheißen: »Wir wollen es krass machen, wir wollen es plakativ machen, wir wollen nach vorne gehen. Es kann ja nicht sein, dass wir das nicht schaffen. Wir sind ja gut.« Also haben Bilderbuch es einfach krass gemacht. Mit überspitzten Videos, mit plakativen Texten, mit einer ganz eigenen Form von Sexiness und mit einer Attitüde, die von vornherein klarmachte: Wir wollen auf die großen Bühnen.

Maurice und der Rest seiner Crew sind einfach zu lange dabei, um falsche Bescheidenheit vorzutäuschen. Als Teenager gründeten sie 2005 Bilderbuch und wurden schon für Alben wie »Die Pest im Piemont« abgefeiert – zu einer Zeit, in der von einer Austro-Renaissance noch gar nichts zu spüren war. Vor ein paar Jahren dann die Entscheidung: »Wir stellten uns die Frage: Lassen wir die Band mit dem Indie zusammen sterben? Und verneinten sie. Als Musiker musst du dich von diesen Konventionen und Erwartungen befreien.« Warum sollte man sich dafür schämen, auch mal Beyoncé zu feiern? Für Pop wollen sie sich nicht schämen, für ihr Können nicht verstecken: »Wir wollten aus der Kleinkunst ausbrechen. Nicht mehr nur aus Wien sein. Nicht stolz darauf sein, nichts auf die Reihe zu bekommen, sondern sagen: ›Wir können auch was!‹ Warum müssen wir so tun, als wären wir Versager?« Das Ergebnis war »Schick Schock«, die letzte Platte, auf der hemmungslos die Geilheit der Welt abgefeiert wurde. Oder, wie Maurice es beschreibt: »Das war der Peak der glorreichen Zeiten unserer Gesellschaft! Sie hat Glamour zelebriert, aber eben einen morbiden Glamour.«
Auf ihrem neuen Album widmen sich Bilderbuch nun dem »Magic Life«. Oberflächlich erinnert es stark an den Vorgänger und seine »Party! Party! Hits! Hits!«-Attitüde, aber hört man genauer hin, ist alles doch ganz anders: 2017 strebt die Band nur noch nach Free Drinks statt Lamborghinis, die Sounds zerfallen in Fragmente, und die Songs wabern bisweilen minutenlang vor sich hin. »Ich sehe das Album sehr ehrlich«, erklärt Maurice ernst. »Und der Name ›Magic Life‹ hat perfekt zu 2016 gepasst. Für unsere Gesellschaft, das Politische, für alles. Wir in Europa leben ein magic life.« In Österreich ist der Name noch mehr mit Bedeutung aufgeladen. Dort heißt sogar eine beliebte All-Inclusive-Hotelkette so. Man fliegt in ein Ressort in Nordafrika, das Tor geht zu, und ab dann befindet man sich eine Woche lang in einer alternativen Realität, wo der Prosecco niemals zu fließen aufhört und die Welt da draußen ganz weit weg ist. »Diese All-Inclusive-Kultur ist in den Neunzigern entstanden. Und wir fühlen uns eben manchmal, als wären wir hineingeboren in so einen All-Inclusive-Moment. Und fragen uns so langsam: Wann fahren wir nach Hause? Haben wir noch ein paar Tage?« 

So ist »Magic Life« auch ein höchst tanzbarer Abgesang auf die fetten Jahre. Da lugt zum Beispiel ein Investmentbanker hinter dem Song »Investment 7« hervor und sinniert über Liebe, als wäre sie ein unsicheres Investment: »Es ist nicht das erste, sondern eben schon das siebte Investment«, sagt Maurice. »Vielleicht gibt es noch ein achtes und ein neuntes. Es geht mir um diese gewisse Belanglosigkeit, die sich überall auszubreiten scheint.« Eva Illouz lässt grüßen: Der Kapitalismus hat die Liebe gefressen, und jetzt sind nur noch Tinder, Freidrinks und Sneaker übrig. Oder so ähnlich.
Bild: Peter Kaaden
»Magic Life« ist als Reaktion auf die Geschehnisse des letzten Jahres entstanden. Diese Tatsache ist Maurice wichtig: »Ich glaube, die Unsicherheit, die man unserem Album selbst in den schönen, zerbrechlichen Momenten anmerkt, ist mehr Sinnbild für das, was letztes Jahr in Österreich passiert ist, als irgendein Facebook-Post.« Einfach nur Statements raushauen und sich dann einbilden, man könnte jemanden überzeugen, das ist Bilderbuchs Sache nicht: »Wir können Kunst machen und damit ein Gefühl in die Welt setzen, das viel größer und breiter ist und viel weiter geht als eine einfache Momentaufnahme.«

Neben den Songs auf »Magic Life« sind in den letzten Monaten noch weitere entstanden, die eine andere Geschichte erzählen. Was da noch kommt, behält Maurice bisher für sich, aber er spoilert zumindest, dass die Konzepte für das aktuelle und das kommende Album zusammen entstanden sind. Der Zwilling ist noch nicht ganz fertig, aber mit »Babylon« wird ein Song aus den Sessions als Bonustrack gereicht. Es ist eine Elegie über das Saufen mit Christus und Mohammed, in der es heißt: »Jetzt ist Babylon. Wir leben in Babylon. Und Europa steht dafür.« Schöner kann man den Untergang in diesem Jahr nicht umarmen.

Bilderbuch

Magic Life

Release: 17.02.2017

℗ 2017 Maschin Records, distributed by Virgin Records

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