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Coldplay

»Mylo Xyloto«

[EMI / VÖ: 21.10.2011 ]

Text: Michael Weiland, Lara Malm

Coldplay gelten als die wohl bescheidenste Band im immer kleineren Kreis des globalen Popstar-Jetsets. Dagegen sind Radiohead mit ihren verhaltensauffälligen Digi-Releases richtige Angeber. Chris Martin und Co. teilen einfach Hits aus. Die klingen diesmal aber irgendwie anders. Geht das denn gut?

Pro: Man kann Brian Eno und Rihanna auf seinem Album haben, einer der größten Rockstars der Welt sein und darüber singen, wie man bei seinem Lieblingssong weint: »Mylo Xyloto« steht stolz zu seinen Widersprüchen. Neben den übergeschnapptesten, brillantesten Popnummern, die Coldplay überhaupt im Repertoire haben, sind bewusst kleine Lieder in die erstaunliche Dramaturgie der Platte integriert.


Coldplay verleihen ihren Alben unverwechselbare Identitäten, und sei es nur, weil jede Songsammlung einen Schritt von der vorangegangenen entfernt ist. Das mag bei »Viva La Vida« einer seitwärts gewesen sein, »Mylo Xyloto« geht nach vorne. Coldplay haben die Scham des Indie-Acts, der Stadien füllt, abgelegt und fühlen sich in die große Popnummer ein: Wenn man sowieso schon einmal da ist, kann man es auch gut machen. Man hört Arbeit und Zweifel in den Aufnahmen. Und dass Coldplays beste Musik vielleicht noch nicht geschrieben ist: Eine Band, die sich auf ihren Lorbeeren ausruht, schreibt nun einmal kein Science-Fiction-Graffiti-Konzeptalbum.
Michael Weiland



Contra: Die nachhaltigen Anfass-Schmuse-Poprocker mit dem globalen Gewissen steigen mit »Mylo Xloto« endgültig hinab in die Liga des Stadion-Onlys. Was sich bereits mit »Viva La Vida« abzeichnete, erreicht nun eine neue Dimension der Massentauglichkeit: Soundbass-Gewalt, Synthie-Overkill und ihr absolutes Trademark in Form von Chris Martins Durchgeweine. Coldplay stehen mehr denn je für Crowd-Pleaser-Pop made in England, sie sind die marktförmigen Enkel der Beatles – aufgeklärt, engagiert, lame. Auch wenn sie dabei schon früher mit schwermütigen Balladen manchen Nerv überreizten, lieferten sie doch immer wenigstens authentische Liebeskummer-Musik ab. Die Zeiten sind mit diesem Album nun vorbei, längst dreht sich alles nur noch um Effekt und Politur. Allein die unzähligen »Ohs« und »Ahs« auf der Platte sprechen für die Fremdscham-behaftete Ambition, bloß den nächsten Megahit zu konstruieren. Von wegen Weiterentwicklung – das Album ist eine Deformation, die ultimative Bankrotterklärung von Pop. Und so eignen sich die Singles sicher, die nächsten Mobilfunk-Werbungen flauschig, ja, menschlich auszukleiden. Doch es mangelt an wirklicher Substanz. Da hilft auch kein Brian Eno.
Lara Malm

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