Justice
»Audio Video Disco«
[Ed Banger / Warner / VÖ: 25.10.2011 ]
Text:
Sebastian Ingenhoff,
linus volkmann
Die zwei Franzosen haben zuletzt die Tanzflächen mit schwerem Gerät umgepflügt. Und da wundert sich die Raving-Society, dass die Spiegelfläche jetzt plötzlich total hügelig ist und der Wodka-Red-Bull voller Erde? Ein neues Album gibt all den Unstimmigkeiten noch mehr Feuer.
Pro: Mit dem Hype um Ed Banger und vor allem deren Hauptexportgut in die schmierigen Discokeller oder ravenden Mehrzweckhallen der Welt, Justice, hat sich der House-Purist selbst ins Knie geschossen. Und man hört ihn bereits protestieren: So sei der Flirt des Musikproduzenten mit dem Rock’n’Roll-Schwein ja nun nicht gemeint gewesen! War doch alles nur mit Hintertür, doppeltem Boden, Augenzwinkern gemeint. Zu spät, Justice wurden das Maß der Dinge, flochten in ihre Sets Metallica wie Slayer ein. »Audio Video Disco« stellt also gar keine spezielle Zumutung dar, sondern ist nur konsequent. Das klassische Seventies-Disco-Element wurde hörbar zugunsten des Hangs der Franzosen zu cheesy Prog-Pop der 80er verschoben. Also Harold Faltermeyer, Jan Hammer, Telephone oder aber auch die späten Queen. Damit gelingt ihnen das Kunststück, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen, ohne aber letztlich der Schnelllebigkeit eines Dance-Pop-Acts zum Opfer zu fallen. »Audio Video Disco« mag das Zombie-Virus sein für all jene, die zuletzt erst mühsam von strengem Minimal aufs partyaffinere Beat-Regime umgesattelt haben, okay. Das macht diese Platte aber nicht schlechter. Im Gegenteil!
Linus Volkmann
Contra: Mit ihrem Debüt »†« haben Justice Clubmusik vor vier Jahren schon auf die Spitze getrieben: alle Regler auf Anschlag, Schweiß, Stress, Broch-boller-bumm, Filter rein/raus, ein bisschen Rockhabitus und zwei, drei gute Refrains zum Mitbrüllen. Natürlich wissen Xavier und Gaspard, dass sich derlei Effekte schnell abnutzen. Das neue Album ist daher ein bisschen »slowed down« und trotzdem auf »Heaviness« angelegt, geben sie im Interview zu Protokoll. Eben eine andere Form von Heaviness. »Audio Video Disco« ist nämlich eine Hommage auf die großen Stadionrockbands der Siebziger- und Achtzigerjahre, die hier mit den Mitteln der elektronischen Musik geehrt werden. Die Heaviness spürt man leider an allen Ecken und Enden. Die Franzosen treten nämlich mit voller Kraft aufs Euphoriebremspedal. Die synthetischen Gitarren, die T.Rex, Led Zeppelin und Black Sabbath schreien wollen, klingen leider nur wie ein wahnsinnig müder Abklatsch von Daft Punks Jahrtausendwendewerk »Discovery«. So etwas wie ein Hit fehlt gänzlich. Und der dümmste Albumtitel der Musikgeschichte setzt dem Ganzen natürlich noch die Krone auf.
Sebastian Ingenhoff
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