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»Schallbladd - Sagen aus Schwaben«
[Jon Shit / Hafenschlammrekords]
Text:
Thomas Venker
[1 Kommentar]
Wir können gar nichts - vor allem kein Hochdeutsch oder gar Englisch! Diese Version des abgewandelten Baden-Württemberg-Spots drängt sich zumindest nach der Pressekonferenz zum Amtsantritt vom neuen EU-Kommissar Oettinger auf. Dabei können Schwaben doch so viel mehr. Sie sind fast wie wir Menschen!
Das Format Plattenbesprechung ist ja nicht nur dem Transport schnöder Fakten und Empfehlungs- bzw. Abratungsstatements geschuldet, nein, es schenkt einem auch und vor allem den Ort und die Zeit, von der Musik ausgehend Geschichten zu erzählen. Je nach Autor und Gegenstand haben die dann mehr oder weniger mit dem eigentlichen Verhandlungsgegenstand zu tun. Erinnert sei hier an Clara Drechslers legendäre Besprechungen in der Ur-Spex, in denen wir viel über ihre Haushaltsführung erfuhren - und, wenn man sich denn drauf einließ und die Doppelcodierung zu lesen vermochte, auch über das Werk selbst.
Ich möchte die Besprechung dieser atemraubenden, tollkühnen Compilation mit einer persönlichen Geschichte beginnen. Es war im April 2000, ich war gerade in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von Stuttgart nach Köln gezogen, hatte Frau und Haus hinter mir gelassen und war voller Tatendrang, Intro gemeinsam mit dem bestehenden Team voranzubringen. Wie es sich für solche Anlässe gehört, mit einer schön pathetischen Antrittsrede auf den Lippen. Doch kaum war diese gehalten, kamen extreme Zweifel in mir auf, ob das Team denn das richtige sei. Keine Regung war zu sehen. All die Emphase umsonst von mir gegeben? Doch siehe da, es kam zu Regungen, aber sehr fragwürdigen. Dann endlich die Frage zu den Gedanken: "Ähm, entschuldigen Sie bitte, aber ich glaube, wir verstehen Sie alle nicht. Was sprechen Sie denn da für eine Sprache? Und KÖNNEN SIE UNS DENN VERSTEHEN?" Mein Schwäbisch war offensichtlich auf komplett taube Ohren gestoßen. Das mit dem Verstehen hat irgendwann dann doch geklappt. Wir verstehen uns. Geblieben ist aber der stete hausinterne Spaß gegen alles, was an süddeutschen Lokalkolorit erinnert, sei es das Mauldaschasüpple, das in langen Produktionsnächten serviert wird, der allgegenwärtige Bolle oder mein Wunsch nach einer Kehrwoche.
Ja ja, man hat es nicht leicht als Schwabe. Und die Deppen, die uns regieren, machen es nicht besser, wenn sie Werbekampagnen fürs Ländle fahren, in denen - kokett gemeint - "wir können alles, nur nicht Hochdeutsch" verkündet wird. Die Zuständigen sollten sich ein Beispiel an "Schallbladd - Sagen aus Schwaben" nehmen, denn diese Compilation zeigt, dass es keinen Anlass für Erklärungen gibt, wenn man mit dem richtigen Schmackes loslegt, humorvoll, musikalisch ambitioniert und vielseitig. Wie heißt es im Begleittext von Aram Lintzel so schön treffend: "Schwäbische Popkultur hat es schon immer verstanden, virtuos zwischen den Polen 'gemütlich' und 'ungemütlich' zu changieren."
Die mehr als zwanzig beteiligten Künstler kreieren mit ihren eigens hierfür gegründeten Projekten ein kurioses Cluster freier Musikzusammenhänge, in denen wie selbstverständlich Outsider-Folk, Swing, Bossa Nova, Kraut- und Psychedelicrock, 60s-Pop und Free Jazz zu ihren Momenten kommen, Referenzen an populäre Melodien genauso eingeflochten werden, wie krudes Experimentieren zelebriert, bekannte Mundart aufgegriffen und frei getextet wird. Manche Stücke sind dabei nur Stützen für das größere Ganze, einzelnen gelingt es gar, Hitapproach zu kanalisieren. Beispielsweise das rhythmusbetonte, an Beat Happening erinnernde "Schlangamilch" von Dia Dirre, das die beste Katerzeile seit Langem enthält: "Beim Saufa han i a Schlanga verschluggd ..." - dann wird es leider etwas unverständlich, es folgt wohl irgendwas mit "Ranza druggt", was so viel heißt wie, dass der Magen wehtut. Man merkt: Schwabe ist nicht Schwabe, und auch wenn die Rheinländer mir das nie glauben wollen: Die Stuttgart-Schwaben, zu denen ich mich zähle, sind meilenweit vom Wissen um die Tiefe des Dialekts entfernt, wie es auf der Alb kultiviert wird. Da kann man sich staunend noch viel abholen.
Ein weiterer magischer Compilation-Moment ist, wenn sich Elena Lange (von Stella-Fame) mit ihrem passenderweise D'Neigschmeggda betitelten Projekt (was so viel wie die Zugezogenen meint) in diese so ungewohnten Klänge reinschwingt. "Drei Kirschkern" heißt das Stück und ist eine anmutige Hymne, die, was bei der Besetzung nicht wundert, viel Hamburger Popverständnis einbringt und dabei an Rocko Schamonis Disco-Verneigungen erinnert.
Das Vinyl kommt übrigens mit Gratisdownload. Da sag doch noch einer, wir Schwaben seien geizig.
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hafenschlammrekords 27.02.2010 | 19:16:56
KLASSE DENG! MUSS MAN HABEN!
Wahnsinn! Endlich am Start! Mit wunderschönem Beigleitheft! Die Songs auf diese Schallplatte sind ein umwerfendes Beispiel für das, was ein Punk-Papst einmal als „fetzige schwäbische Moralschocker“ feierte und ein Pop-Papst als „neo-pietistische Protestlieder“ verhöhnte. Wer hat nun Recht? Eins jedenfalls ist klar: Die gut zwei Dutzend Leute, die an „Schallbladd“ beteiligt waren, wissen, was geht und was nicht. Griffig und spekulativ zugleich präsentieren sie uns einen bisher kaum bekannten Diskurs, der über Generationen hinweg gehegt und gepflegt wurde. Ob als krasser Schwank, ulkige Spuk- und Spaßgeschichte, erschütterndes Märchen oder befreiender Popsong – schwäbische Popkultur hat es immer schon verstanden, virtuos zwischen den Polen ‚gemütlich‘ und ‚ungemütlich‘ zu changieren. So auch hier! Fast 30 Jahre nach der semi-legendären Postpunk-Kompilation „Schwabesäkel International“ (1983) dokumentiert „Schallbladd“ heute den Status Quo. Und was für geniale Schnapsideen wahr geworden sind! Jeder Tic ein Treffer! Man sieht Masken wandern und hört fremde Zungen singen. Entsprechend dem Motto ‚Lokal lieben, global klingen‘ liefert „Schallbladd“ den Beweis, dass Folklore keine Falle sein muss. Wenn es mal hakt, helfen spektakuläre Sparwitze weiter. Das alles ist vor allem musikalisch eine Wonne. Twee Pop, Neue Musik, Yachtrock, Bossa Nova, Disco, Avantjazz oder Psychobeat – alles ist im Überfluss vorhanden. Der Imperativ ist ganz schlicht: „Embrace!“, „Enjoy!“, „Nastracka Now!“ Das geht jetzt durchaus auch an die Adresse der Hineingeschmeckten und anderer Novizen. „Schallbladd“ sollte für lange Zeit unser aller schönstes Plaisir sein. Aram Lintzel, Berlin/Stuttgart, Herbst 2009
“Brudal schdargg, auf dera schallbladd do send subbrbends druff, geiler heavysound, ond aber au ebbas fier d weiber hods au drbei. Onds beschde isch: mer verschdåhd au amåle ebbas von deam was se sengadd.“ Georg Haas, (Haasenstall),
Blaustein, Herbst 2009
I wedd grad drzuanåschdragga Gerlinde Scheiffele, Oberdrackenstein, Herbst 2009
Aus Kender werrad Leit Carl Benz, Zähringen, Frühjahr 1848
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