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The Hidden Cameras

»Origin: Orphan«

[Arts & Crafts / Al!ve / VÖ: 30.10.2009 ]

Text: Martin Büsser

The Hidden Cameras gehen dem, was sie da an großen Gefühlen erzeugen, nicht auf den Leim, vielmehr changiert die Musik zwischen Melodramatik und Camp, zwischen dem Anzitieren von Standards und deren ironischer Überhöhung.

Es beginnt mit einem langen Grollen, inspiriert von Richard Wagners "Rheingold", erst nach knapp drei Minuten setzt Gesang ein, untermalt von einer orientalischen Melodie. Ob diese Verzahnung von deutscher Romantik und Orient-Pop von Joel Gibbs zweiter Heimat Berlin inspiriert worden ist? Möglich, aber eigentlich auch egal. So viel jedoch steht fest: Für "Origin: Orphan" war Gibb auf der Suche nach etwas Neuem. Und fällt doch immer wieder zurück in die teils hymnischen, teils an Kinderliedern und Gospels orientierten Singalongs zu einfach beschwingt gespielter Gitarre, für die The Hidden Cameras nicht nur von Mehmet Scholl geliebt werden.


Gibb hat das genau Richtige getan: Er stößt die Erwartungshaltungen seiner Fans nicht vor den Kopf, moduliert jedoch, sucht nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, mischt manchmal dunkle Untertöne ein und schreckt auch nicht vor enorm verhalltem Pathos-Pop zurück, der sich auf dem Titelstück "Origin: Orphan" anhört, als sei das Stück in einer riesigen Kathedrale aufgenommen worden.

Doch die queere Affinität zum Pathos, die sich von Queen bis Klaus Nomi durch die Popgeschichte zieht, erschöpft sich nicht im Affirmativen. The Hidden Cameras gehen dem, was sie da an großen Gefühlen erzeugen, nicht auf den Leim, vielmehr changiert die Musik zwischen Melodramatik und Camp, zwischen dem Anzitieren von Standards und deren ironischer Überhöhung. Das klingt selbst dort nicht kitschig, wo sich die Gitarre wie die Begleitung zu einem späten Elvis-Auftritt in Las Vegas anhört - etwa auf "Silence Can Be A Headline" -, sondern bleibt stets wohldosiertes Spiel mit Klang-Klischees. Verqueerung findet auf "Origin: Orphan" fast nur noch im musikalischen Material statt, nicht mehr in den Texten. Da gibt es kein provokantes "Ban Marriage" mehr, sehr wohl aber so etwas wie eine queere Grundstimmung, ein freudiges Umcodieren hetero-normativer Ästhetik durch queere Überhöhung. Das Album ist noch zu frisch, um ein endgültiges Urteil über seine Bedeutung und Wirkung zu fällen - fühlt sich aber ähnlich gigantisch an wie "Welcome To The Pleasuredome" von Frankie Goes To Hollywood. Falls solche Vergleiche im posthistorisch gewordenen Pop noch Sinn machen.

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