Animal Collective - Animal Crack Box Artikelbild (groß)
 
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Animal Collective

»Animal Crack Box«

[Catsup Plate / Fusetron Mailorder]

Text: Joachim Henn

Natürlich erfüllt diese 3LP-Box erst einmal alle Kriterien des Liebhaberstücks: angefangen beim üppigen Einheitspreis (nicht weniger als 92 Dollar) über die aufwendige Aufmachung (Siebdruck-Illustration von Jon Vermilyea) bis zur begrenzten Verfügbarkeit (die 1000 ausschließlich auf Vinyl und über einen exklusiven Mailordervertrieb erhältlichen Exemplare waren, von ein paar retournierten Bestellungen mal abgesehen, binnen zwölf Stunden vergriffen).

Dazu kommt die überwiegend abenteuerliche, Standards negierende Klangqualität der bislang unveröffentlichten Live-Aufnahmen von zur Hälfte auch unveröffentlichten Stücken - was die Sache anfangs etwas schwer verdaulich macht. Das enge Klangspektrum, ausschließlich mit MiniDisk aufgenommen, lässt beim ersten Höreindruck wenig Schlüsse auf die Beschaffenheit der Räumlichkeiten zu, in denen aufgenommen wurde. Kleine Kellerräume, mit oder ohne Publikum, gar im Proberaum? Klar, das kann man dann nachlesen. Doch machen die Aufnahmen an sich schon Rahmen und Setzung aus: Im Grunde handelt es sich um Field-Recordings, nebenbei mittels eines Speichermediums, das vorm Aussterben bedroht ist.


Mag dem rohen, spröden Sound auch oft die klangliche Brillanz abgehen - er lädt sie von anderswo auf, noch dazu mit jeder Menge Charme. Denn das Material ist zwar fast ebenso Vocal-lastig, aber längst nicht so fokussiert wie auf den letzten beiden Alben. Stattdessen bewegt es sich eher am anderen Ende des Spektrums, in erkennbarer Nähe zum 2002 veröffentlichten Live-Album "Hollindagain", und zwar in zeitlicher Hinsicht (die Aufnahmen stammen aus den Jahren 2000 bis 2003), insbesondere aber durch Struktur und Atmosphäre. Hier hört man nur noch Skelette von Songs, teils mit dynamisch stimmigen Anschlüssen, teils aber auch harten Brüchen. In der Kohärenz des beengten Klangraums findet sich womöglich auch ein Grund für die Auswahl des Materials, die, kleiner Wermutstropfen, bisweilen doch etwas erstaunt. Dass beispielsweise für die eher enttäuschende Version von "Who Could Win A Rabbit" keine Alternative verfügbar war, ist schwer vorstellbar. Wie dem auch sei, das Material gewährt einerseits einen spannenden Einblick in Arbeitsweise und -prozesse (die düstere Version von "Ahhh Good Country" hat noch einen weiten Weg bis zur Albumversion von "Danse Manatee"), doch ist diese 3LP-Box weit mehr als nur eine Werkschau von womöglich zyklischem Arbeiten mit Akustikgitarren, elektronischen Klangquellen und tribalistischen Elementen. Die Songs atmen, sie nehmen sich Zeit, wie bei "Jungle Heat", wenn sich aus mäandernden Improvisationen harmonische Verbindungen ergeben, sich lose Enden auf unerwartete Weise verknüpfen und sich veritable Songs herausschälen, etwa das ebenso zerbrechliche wie großartige "De Soto De Sun" (ein Re-Release der "Campfire Songs" soll übrigens anstehen). Urplötzlich wähnt man sich für einen kurzen Moment bei einer der Beatles-Anthologien: Da ist der Chorgesang, hier gar ein Gitarrenmotiv, das ans Outro von "Strawberry Fields" erinnert, nur längst nicht so verhallt, sondern ganz nah. So macht dieses Werk eigentlich durchgängig, ganz sicher aber in den guten Momenten die Einmaligkeit eines offenen Zusammenspiels und dessen Nichtreproduzierbarkeit fast greifbar. In dieser Hinsicht ist die "Crack Box" weniger ein Verweis darauf, wo Animal Collective herkommen. Sie setzt vielmehr ein Ausrufezeichen hinter ein wesentliches Grundverständnis der Band und den daraus resultierenden ästhetischen Überschuss. Das abschließende "We Tigers", völliger Freak-out, ist in seiner übersteuerten Verzerrtheit so entstellt, dass es kaum noch zu erkennen ist. Übersteuert? Wo das Speichermedium diesen "Fehler" eigentlich ausschließt, findet er auf dem Tonträger dennoch einen Widerhall. Über das MiniDisk am Mikrofon im - Raum.

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aus Intro #177 (November 2009)
 
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