Erobique & Palminger
»Songs For Joy«
[Staatsakt / Rough Trade / VÖ: 23.10.2009 ]
Text:
Frank Apunkt Schneider
Alle machen mit, jeder, wie er kann, und es gibt kein "Falsch" in der Musik - mit dieser Sozpäd-Einstellung gilt man gemeinhin nicht gerade als cool und wird auch nicht gern an die Anlage bei einer Party gelassen. Erobique und Palminger ziehen dieses Prinzip mit "Songs Of Joy" komplett auf links.
Die "Song Poems" der 70er gehören zum Entfremdetsten, was Pop hingekriegt hat. Das Genre entstand in den USA als cleveres Geschäftsmodell kleiner Tonstudios, die per Anzeige selbst verfasste Songtexte akquirierten und von einer Studioband im Fließbandtakt vertonen ließen.
Das kostete was, aber es gab ein Schallplattenunikat im Gegenzug. Bekannt wurde "A Blind Man's Penis" von John Trubee, ein Text über LSD und Stevie Wonders Penis, als das wohl ausdrucksärmste Stück der Countrygeschichte. Allerdings war nur "Stevie Wonder" in "the blind man" geändert worden. Heute sind "Song Poems" ein Sammelgebiet, werden wertgeschätzt und in schicken Zusammenstellungen zur Wiedervorlage gegeben.
"Songs For Joy" mit Jacques Palminger und Carsten "Erobique" Meyer orientieren sich an diesem Modell, erfinden es aber aus dem Geiste der sozialen Plastik noch mal neu. Sie vertonen den Anzeigenrücklauf, ohne finanziellen Vorteil daraus zu ziehen. Ausbezahlt wird stattdessen in ideologisch nicht unbelasteten Alternativwährungen wie "Gemeinschaft", "Nestwärme" und "Gutfühlen". Die Vorgabe "bewirten, nicht bewerten" soll vom Pol-Potpourri der Castingshows im Bohlen-Einzugsbereich abgrenzen.
Die oft ungelenken Texte nahmen sie dabei mit der unerschöpflichen Contenance einer Kreuzfahrtkapelle, das Holprige fingen sie sanft auf und betteten es behutsam ein - mit allen bekannten (und ein paar unbekannten) Tricks. Dass es schnell gehen sollte, lässt die Stücke leicht und unaufdringlich werden. Sie stehen dem bizarr-coolen frühen Manfred Krug (Amiga-Phase) oder den Moulinettes näher als dem ästhetischen Bleifuß des deutschen Blähsoul von Cicero bis Herre (obwohl die Texte schon mal nach Max-Herre-Gelaber klingen).
Die alte Soulidee von Trost und Empowerment, von der Indieboys wie Billy Bragg immer nur ein Fanlied singen konnten, scheint dabei tatsächlich durch, wenn auch nur als "deutsche Coverversion". Denn das große Soulmoment, das Break-down-and-cry, ließ sich ins Ausgangsmaterial freilich nicht hineingeheimnissen. Soul auf Deutsch wird nie aufgehen. Das "Songs For Joy"-Konzept hingegen schon. Nach einer stark durchwachsenen ersten Platte lassen sich hier nämlich tatsächlich Umrisse einer musikalischen Vision erkennen.
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Intro 20.10.2009 | 12:29:00
Das "Songs For Joy"-Konzept geht auf: Nach einer stark durchwachsenen ersten Platte lassen sich tatsächlich Umrisse einer musikalischen Vision erkennen.





