Tokio Hotel
Spalter:"Humanoid"
[Stunner / Universal / VÖ: 02.10.2009 ]
Text:
linus volkmann,
Benjamin Walter
Tokio Hotel gelten allein wegen Erfolg und Look als extrem verdächtig. Viele Benachteiligte denken, die Band habe ihnen sicher etwas weggenommen. Und jetzt sollen die Typen auch noch musikalisch geadelt werden. Wie konnte es nur so weit kommen - bzw. kann man das noch verhindern?
Pro:
Böswillige, homophobe, pophassende Idioten und Langweiler, ich künde euch: Lasst alle Hoffnung fahren! Tokio Hotel werden mit diesem Album auch noch in den Olymp des Feuilleton-Mainstreams aufgenommen. Als hätten sie nicht schon sonst alles abgeräumt, was es je gegeben hat!
Das Phänomen bewies über die letzten fünf Jahre so viel Substanz, dass selbst all jene, die bis dato nur widerwillig drum herum tigerten, nun weich gekocht sind. Ein Effekt, der schon bei Robbie Williams zog und in Deutschland wenig Referenzen besitzt. Höchstens die Band Echt geriet mal in diesen Strudel der Umarmungen, was ihnen allerdings (die Hater schöpfen neuen Mut) die Karriere versaute. Denn als Echt alle mochten, kaufte sie letztlich keiner mehr. Und tschüss.
Tokio Hotel haben allerdings einen größeren Puffer, sie sind zu groß für den Crash - zumal auch ihr Album funktioniert. Nach dem Fame-Verwaltungsoutput "Raum 483" ist der Sound nun endlich mitgewachsen. "Humanoid" ist ein Blockbuster. Gitarrenwände von Muse wirken lo-fi gegen "Für immer jetzt" oder "Hunde". Das ist alles auf larger than life gebürstet, die Android-Figur des Covers erinnert vom Stil her nicht von ungefähr an die übergroße Michael-Jackson-Statue von "HIStory".
Der Refrain der ersten Single "Automatisch" mit der kleinen Pause davor ist so catchy, ohne gewollt zu wirken. Die Kraft im Sound und der Hit-Appeal der Stücke machen das Album fast unangreifbar. Lupenreiner Mega-P!O!P! voll Manga und Pathos. Wer das weiter als Kleine-Schwester-Musik belächeln möchte, soll ruhig weiterschlafen. Er verpasst ja eh mal wieder alles.
Linus Volkmann
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