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»Wellen der Angst«
[Trikont / Indigo]
Text:
Martin Büsser
Ruppige Austropop-Parodie, so wütend wie Thomas Bernhard und so witzig wie Josef Hader.
Es beginnt mit einem Liebeslied, dazu Klavierbegleitung. Erster Eindruck: Das könnte auch von Konstantin Wecker sein, Kleinkunst-Schmäh, gefühlte fünfhundert Jahre SPD-Kultur. Zweiter Eindruck, nach weniger als zehn Sekunden: Nein, könnte es eben nicht. Denn der, der da singt, ist zutiefst gestört. Bleibt in Wien immer in seinem Bezirk, würde nie zum Museumsquartier "raus" fahren (wobei "raus" schon ein Witz ist, denn das Museumsquartier befindet sich im Herzen von Wien ... oder habe ich da als Ausländer etwas missverstanden?), es sei denn, der/die Geliebte würde dort auf ihn, den schmachtenden Sänger, warten.
Selbsthass und Welthass verschränken einander in dieser Musik die Hände, hinzu kommt die bei allem mitschwingende Ironie, aus diesem Hass zugleich auch ein Glücksempfinden zu ziehen und sogar so etwas wie Selbstekel-Identität aufbauen zu können. Das ist die alte, hohe österreichische Schule des elementaren Zweifelns und Genießens zugleich, die sich von Karl Kraus bis Thomas Bernhard zieht, von Ulrich Seidl, dem Filmemacher, bis zu Josef Hader, dem Schauspieler und Kabarettisten, hier fortgesetzt in der Musik einer Band, die einen blöden Namen hat und eigentlich auch nichts weiter macht, als den über weite Strecken längst zum Klischee geronnenen Austro-Pop bis zur Groteske überzustrapazieren. Diese musikalische Groteske der liebenswerten FM4-Heroen, darunter Radio-DJ-Legende Fritz Ostermayer, zirkuliert herzergreifend und banal zugleich wie ein guter Aphorismus von Peter Altenberg zwischen Witz und Weltschmerz, Wut und Melancholie, Blödelei und zutiefst ernstem Nihilismus - eine Kunst, die unsere österreichischen Nachbarn so dekadent wie ein Stück Sachertorte zu präsentieren verstehen: Genuss und Reue sind ein und demselben Kuchen eingeschrieben, die Wollust ist stets dialektisch. Erst kommt der Zucker, dann das große Kotzen. Wären Kritiken auf diesen Seiten nicht in der Zeichenzahl limitiert, könnte an dieser Stelle eine Überlegung darüber beginnen, warum das Ex-Nazi-Land Österreich es im Gegensatz zum Ex-Deutsch-Nazikernland geschafft hat, nicht den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, und statt "Sommermärchen" in Folge immer schon so brillant reflektierte Identitäts-Hasser wie Jelinek, Gustav oder eben Neigungsgruppe hervorgebracht hat. Neigungsgruppe sind auf ihre Weise witzig, klug und peinlich zugleich, etwas, das alle erdenklichen momentan erfolgreichen "Deutsch-Acts" nie erreichen werden, weil sie dummerweise glauben, es sei möglich, in einem Land wie diesem ohne Zweifel, Selbsthass, Selbstverarsche und Selbstverwerfung "flippig" sein zu können. Auf unflippige Weise beweisen Neigungsgruppe aus und in Österreich hingegen, wie cool resp. uncool es sein kann, als Deppen, Weltverächter und völlig widersprüchliche Subjekte dazustehen.
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