Jim O'Rourke
»The Visitor«
[Drag City / Rough Trade]
Text:
Martin Büsser
O'Rourke malt Americana zu einem großen Disney-Gemälde aus, das so ziemlich das Gegenteil von allem verkörpert, was das heutige, als "new weird" apostrophierte Amerika kennzeichnet.
"I'm just a visitor in this land", sang Jeb Loy Nichols von den Fellow Travellers in den frühen Neunzigern. Die Neunziger waren zugleich das Jahrzehnt, in dem Jim O'Rourke als Tausendsassa bekannt wurde.
Er saugte alles wie ein Schwamm auf, Industrial-Noise ebenso wie das Gitarrenspiel von John Fahey, den Pop der Beach Boys und die Minimal Music von Tony Conrad. Jim O'Rourke war stets ein anderer und dabei möglicherweise nie er selbst - "just a visitor" in der Popgeschichte. Dieser beobachtende Blick des Musik-Touristen passte hervorragend in die damals viel gepriesene, distanziert zitierende Haltung des Postrock, dessen Entwicklung O'Rourke von Chicago aus maßgeblich mitbestimmt hat. Heute wirkt es dagegen - ganz anders als im Fall des neuen Tortoise-Albums - fast schon nostalgisch, wenn O'Rourke auf einer einzigen Nummer Countryklänge in symphonischen Pop übergehen lässt und den großen Zitat-Zuckerbäcker spielt, der mal wieder bei Van Dyke Parks und Brian Wilson genascht hat. Fast eine Spur zu harmonisch und gerade dadurch wiederum distanziert wirkend, malt O'Rourke Americana zu einem großen Disney-Gemälde aus, das so ziemlich das Gegenteil von allem verkörpert, was das heutige, als "new weird" apostrophierte Amerika mit seinen Fusselbärten und hippiesken Eindringlichkeits-Gesten kennzeichnet. Musik aus einem anderen Jahrzehnt eben.
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