Jay-Z / Raekwon
»Blueprint 3 / Only Built 4 Cuban Linx PT II«
[Interscope / Universal // Icewater / Soulfood]
Text:
Thomas Venker
Kurz bevor wir das Scheunentor hinter diesem für HipHop eher enttäuschenden Jahrzehnt zuschmeißen (mehr dazu in Intro #178 im Gespräch mit Jay-Z), kommen noch mal zwei Alben rein, die an dem Punkt anschließen, wo uns zuletzt Mos Def mit "The Ecstatic" hoffnungsvoll rausgelassen hat, und den Blick versöhnlich-optimistisch auf die nächste Dekade richten.
Jay-Z ist der gute Don im HipHop-Biz. Während Dr. Dre zuletzt einen Mangel an Kreativität eingestand und sich stattdessen lieber um seine neue Kopfhörerserie kümmerte, die Neptunes irgendwo und -wann in all dem Theater um die Soloveröffentlichungen von Pharrell an Luft verloren haben, Timbaland sich in seine egozentrischen Träume, selbst ein Popstar zu sein, reinsteigerte, und P. Diddy sowieso immer schon eine - zugegebenermaßen sehr professionelle - Nullnummer war, ist Jay-Z vor allem eins: Jay-Z.
Keiner kommt so cool-abgehangen daher und weiß sich auf eine derart charmant-laidbacke Art wichtig zu nehmen. Stil kann man eben nicht kaufen, auch wenn das die Prämisse der meisten Protagonisten in diesem Genre ist, den muss man haben oder eben verdammt hart dafür arbeiten.
Insofern muss man das hier auch erst mal bringen: ohne Aufblende gleich mit voller Wucht rein in den aufgewühlten Pop. "What We Talkin' About" heißt das erste Stück, und verhandelt wird nicht weniger als der Sinn des Lebens: Fiktion versus Wahrheit, Profit versus Schmerz ... Mit dem dann doch sehr überraschenden Gast Luke Steele von Empire Of The Sun, zuständig für den Schmalzfaktor im Backing, und einem Pop-Ambient-geschulten Technoloop groovt sich Jay-Z für seine Anklagemission ein. Da ist er also wieder, der Kerl, dem es ein ums andere Mal gelingt, konsensfähigen Pop mit den Mitteln von HipHop zu machen. Es mag Tage gegeben haben, an denen er sich vielleicht gewünscht hat, dass alles anders gekommen wäre und dass er seinen Erfolg mit straightem HipHop eingefahren hätte, aber danken wir Gott oder wem auch immer, dass es damals, Mitte der 90er, des Crossovers bedurfte. Denn wo bei anderen die Querschläger der Hoodkugeln auf Dauer nur noch nerven, schwingen sie hier so erhaben in den Raum gesetzt, wie wenn in "Matrix" mal wieder die Zeit stillsteht und die Kamera so kreisen kann, wie es Ballhaus einst für Fassbinder ohne Tricks hinbekommen hat. Wer all das eingesackt hat, der kann es sich leisten, freundlich "Thank You" zu sagen, dabei auf zehn Nummer-eins-Alben zu verweisen, das elfte als solches zu antizipieren und trotzdem bescheiden abzuwinken, wenn die Leute ihm zu sehr huldigen wollen.
Dann ist es auch mal genug mit Bescheidenheit. Zeit, um Klartext zu sprechen: "Death Of Auto-Tune". Und als wäre die Ansage, dass man keine Stifte braucht, um Geschichte zu schreiben als echter HipHopper, und deswegen Auto-Tune auch völlig unangemessen sei, nicht schon genug, macht Jay-Z zur Untermalung noch den Ausfallschritt und verfällt in zungengelockerten Stadiongesang Liverpooler Schule. Dagegen stellt er gleich in aller Entspanntheit wieder seine gewohnt erstklassigen Produktionsskills.
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