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DJ Scientist & DJ Arok Present: Godly Grooves

[Godly Groove Music]

Text: Frank Apunkt Schneider

Die toten Winkel der Popgeschichte sind erfasst und vermessen. Eine letzte noch unentdeckte Merkwürdigkeitsinsel ist der deutsche Sakropop.

Auch hartgesottensten Archäologen des Unglaublich-Seltsamen ist das, was sich dort wider alle ästhetische Vernunft und gegen jeglichen popkulturellen Minimalkonsens abspielt, wohl zu bizarr. Sakropop ist die lange, zähe und tragikomische Geschichte davon, wie Pop in die Kirche kam, und Letztere ist sein natürliches Habitat. Mit freigemeindlich organisierten Subkulturen wie "White Metal", christlichem Punk (z. B. Christcore mit "Jesus hat mein Haus besetzt"), Oi (die Jesus Skins, bekannt für ihr Zitronen-Cover "Für immer Christ") oder Dark Wave (Psalm 129, Selbstversuch des Autors, ca. 1992) hat er nichts zu tun.


Denn besagte Subkulturen unterscheiden sich vom unteren Mittelmaß ihres Bezugsgenres meist ebenso wenig, wie es christlicher Rock in den USA tut, der eben nicht so praller Rock mit christlichen Texten ist. Zu seinen besten Zeiten (ca. 1970-1985) war Sakropop dagegen das Total-Andere, der besondere Ausdruck einer besonderen Verkrampftheit. Bzw.: Verquastheit, Verdruckstheit, Verstocktheit, Verklemmtheit. Ein ästhetischer Ausnahmezustand, der die schillernden Widersprüche zwischen religiösem Dogmatismus und popkulturellem Freiheitsversprechen in eine aus allen Fugen klappernde Form brachte. Diese Form sollte die Kids in einer Sprache ankumpeln, von der Sakropop-Aktivisten annahmen, dass es die ihre sei. Die Ekstase und Sexualisiertheit von Pop wurde trotzdem rausgerechnet bzw. überschrieben: mit schrillen Frauenkopfstimmen, gnadenlos verschachtelten 9/4-Takten, blutleeren Progrock-Blähungen. Und Texten, die sich viel zu wichtig nahmen. Sie wurden mit soldatischer Überartikuliertheit vorgetragen und besaßen noch echtes Urvertrauen in die Macht der Phrase: "Meine Kreativität wollen sie knebeln / In Konsum und Gleichgültigkeit / Auflösen meine Sensibilität / Mit ihrer Wohlstandsgesellschaft" und so was. Unsingbarkeit war kein Hindernis, Silbenreichtum eine Tugend. Mit alledem war Sakropop natürlich der größtmögliche Selbstentfremdungszustand von Pop, der niemanden erreichte und schon gar nicht überzeugte. Auch die Kirchenobrigkeit nicht - autoritäre Oldschool-Klerikale, darunter Ratzinger, bekämpften ihn, und die Szene wurde zur kircheninternen Gegenkultur, nach innen so rebellisch, wie sie nach außen unvermittelbar war. Von diesem komplizierten Dazwischen erzählt die Unentspanntheit des Sakropop, der dennoch manchmal ein trotziger, irgendwie slicker Groove entfährt, eine Lockerheit, die an der nächsten Ecke aber sofort wieder herabgezogen wird durch einen dieser typischen sauertöpfischen Breaks.

Dieser mit sich selbst zerfallende Groove musste natürlich die Rare-Groove-Fraktion interessieren, die ihn nun endlich im Rahmen eines DJ-Mix-Albums untersucht. "Godly Grooves" interessiert sich nicht so sehr für die Fundamentalaussetzer, sondern für eine Smoothness, der die vermixten Bruch- und Fundstücke bis zu der Stelle folgen, wo sie sich wieder hoffnungslos in Anspruchs- und Sinnfülle verheddern. Insofern: eine niedrigschwellige Einstiegsmöglichkeit ins Paralleluniversum des radikalen christlichen Antipop.



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aus Intro #174 (August 2009)
 
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