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Stereo Total

»Patty Hearst. Princess And Terrorist«

[Intermedium / Indigo]

Text: Martin Büsser

Stereo Total behandeln die Geschichte der entführten Millionärstochter, die selbst zur Terroristin wird, als ironisches Camp-Hörspiel - und werden ihr gerade dadurch gerecht.

Es soll eine grausame Entführung gewesen sein. Fast 60 Tage lang hatten die Kidnapper ihr Opfer in einen Schrank eingesperrt. Weniger grausam war jedoch das, was die Entführer mit dem Lösegeld machten, das sie von der Millionärsfamilie erpressten: Es wurde in einer Robin-Hood-Aktion für Lebensmittelspenden in amerikanischen Armenvierteln verwendet.


Die Geschichte der Millionärstochter Patty Hearst, die 1974 von den linksradikalen SLA entführt wurde und sich nur wenige Monate nach ihrer Freilassung selbst der Gruppe anschloss, übersteigt jedes noch so abenteuerliche Drehbuch - zumindest, wenn man deutsche "Tatort"-Maßstäbe ansetzt. Die Geschichte vom wohlhabenden Mädchen, das zur Bankräuberin wurde, ist selbst längst ein Pop-Mythos und Patty Hearst ihrerseits eine Pop-Ikone, die nach ihrer Begnadigung durch Präsident Jimmy Carter als Schauspielerin unter anderem in Filmen von John Waters auftrat. Hier passt alles zusammen: Terror und Camp, Rösner und Degowski in sexy und linksradikal. Und weil Terror meist etwas schablonen- und parolenhaft ist - das letztlich verbindet ihn ja mit Pop -, passt es hervorragend, dass sich ausgerechnet Stereo Total dieses Stoffes angenommen haben. Als Hörspiel in einer Mischung aus Songs, TV-Talkshow-Fake mitsamt Werbeunterbrechungen und Medien-Collagen ist ein ambivalentes Werk entstanden, das allerdings gar nicht anders als ambivalent ausfallen konnte: Stereo Total geben erst gar nicht vor, den Stoff "seriös" zu behandeln, wie das einige misslungene RAF-Filme in den letzten Jahren getan haben, sondern sie gestalten eine bunte Revue, in der letztlich alles in Frage gestellt wird, nicht aber, dass der Kapitalismus selbst die Zustände hervorbringt, die er verdient hat. Die Herangehensweise ist mit "Raspberry Reich" von Bruce LaBruce vergleichbar, dem möglicherweise einzig guten RAF-Film, der je gedreht wurde. Also nicht wundern, wenn viele Parolen (wie "the revolution is my boyfriend") aus "Raspberry Reich" und "Patty Hearst" identisch sind.

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aus Intro #174 (August 2009)
 
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