Diverse
»Brand Neu!«
Text:
Frank Apunkt Schneider
Neu! gingen 1971 aus einer Fraktion der Kraftwerk-Besetzung hervor, um ihre ganz eigene Version von Zukunftsmusik zu entwerfen. Beide Gruppen schufen Auswege aus dem sich verhärtenden Deutschrockelend, indem sie Kraut aus der romantischen Dunstglocke stießen, dem esoterischen Dämmerzustand, seinem verpeilten Wabbern und Wallen.
Dagegen stemmte die Düsseldorfer Schule (die sich über Harmonia und La Düsseldorf bis in die NDW-Gruppe Rheingold fortsetzte) ihr nicht immer unbekifftes "Ja zur modernen Welt" ("Autobahn" war ja der unverkrampfte Neudefinitionsversuch von KifferInnen-Musik). Neu! verpassten der modernen Welt ein Sounddesign, in dem für einen kurzen, aber sehr erotischen Moment Zukunft und Zukunftsversprechen (vom anderen Ende des Kapitalismus als entgrenzte Technogesellschaft) noch einmal dicht beieinander liegen durften.
Genauer als Kraftwerk modellierten sie die frei schwebenden Verheißungen der Modernität zu weit ausgeschwungenen, aufgekratzten Soundgemälden, die verkokste Nüchternheit, reibungsfreie Mobilität und einen zutiefst undeutschen Glam ineinanderblendeten. Neu! konstruierten und entwarfen, statt wie der restliche Krautrockismus bloß vor sich hin zu fühlen. Ihre verwirrend glitzernden Soundoberflächen waren weit näher am Puls von Disco als bei den Hyperventilationen des Prog Rock. Die Klarheit, in der sie schwelgten, konnte aber immer und wie aus dem heiteren Himmel, den sie beschwor, abstürzen in verschroffte Monotonie, bei der sich wenige Jahre später Post-Punk-Gruppen wie PIL, The Fall oder die Swell Maps bedienten.
Neu!s exakter Einfluss auf die Nachwelt würde Seminare füllen, "Brand Neu!" vollzieht ihn anhand einer etwas verengten Auswahl nach: LCD Soundsystem, Kasabian, Holy Fuck, Cornelius, Primal Scream, der Sonic-Youth-Ableger Ciccone Youth - und sogar Oasis. Letztere wohl eher Aufmerksamkeitszugpferd als ernst zu nehmender Beitrag, aber immerhin: Ohne den auch hier mitschwingenden Neu!-Drone wären sie wohl noch breitärschiger ausgefallen. Deutlich wird so vor allem eines: So gut diese Neu!-Weiterführungen sein mögen, keiner gelingt es, die äußerste Gespanntheit des Originals zu reproduzieren, die wohl auch eine Gespanntheit auf die Zukunft von Pop war. Gegen diese Leichtigkeit des Noch-Nicht können die Pop-Zukünfte, die sich dann real einstellten, nicht an. Schade, aber konsequent.
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