BEWERTEN
 

Tortoise

Beacons Of Ancestorship

Text: Martin Büsser
[8 Kommentare]

Tortoise haben - zumindest in Deutschland - eine ganze Diskurs-Lawine losgelöst: An ihnen wurde in den Neunzigern der Begriff "Postrock" festgemacht. Elektronische Musik war angesagt, Rock galt als passé, und wer doch noch Rock hören wollte, musste das mit dem Begriff "Post" legitimieren.

Wo die Vorsilbe "Post" draufstand, dort war sichergestellt, dass diese Form von Rock nicht rockistisch war, sondern vielmehr Rock-Dekonstruktion und ironisches Spiel mit Zeichen und Stilen, gekennzeichnet von einer Zurückgenommenheit, die dem Authentizitäts-Versprechen des Rock misstraute.


Außerdem galt "Postrock" - und das war ja auch erst einmal sympathisch - als Absage an den Macho im Rock. Introvertiertes Jazz-Gefrickel statt Guns N' Roses. Der Instrumentalband aus Chicago wurde damit ganz schön viel aufgebürdet. Vor allem im Gespräch mit deutschen Journalisten begannen sie schnell zu kapitulieren und erklärten knapp und bündig: "Uns geht es doch nur um die Musik!"



Hört man sich ihr inzwischen sechstes Album an, wird deutlich, dass es sich bei Tortoise heute wie damals tatsächlich in erster Linie um komplexe Musiker-Musik handelt, die es in der Rockgeschichte auch schon vor der Einführung des "Post"-Präfix gegeben hat, etwa bei Soft Machine und Steely Dan. So notwendig das Nachdenken über nicht-rockistischen Rock auch war, so seltsam mutet es heute an, dass die Debatte um posthistorischen Rock ausgerechnet an einer Gruppe festgemacht wurde, die noch tief in der Geschichte verwurzelt war und ist. Und zwar in der Geschichte des klassischen Prog-Rock, der auf ihrem neuen Album wieder fröhlich sprudelt. Der von Tortoise repräsentierte Chicago-Sound ist dem Canterbury-Sound der Sechziger und Siebziger, wie er von National Health, Matching Mole oder Hatfield & The North gespielt wurde, so verdammt nahe, dass man sich fragt, warum diese Achse seinerzeit inmitten der Postrock-Debatten übersehen wurde. Hier geht es nämlich wie auch einst in Canterbury um ein Geflecht aus Jazz, Rock und neuer Musik, dessen Progressivitäts-Verständnis weit von der Überwältigungs-Ästhetik bei Yes oder Saga entfernt ist. Und es geht vor allem nicht darum, das Publikum durch Griffbrett-Akrobatik zu plätten. Nein, "intellektueller" Rock darf auch Spaß machen. Das stellen Tortoise mit ihrem nunmehr vielleicht lockersten Album unter Beweis, in dem es von Country&Western-Zitaten bis zu vergnügt knarzenden Keyboard-Hymnen alles Mögliche gibt, nur keinen Krampf. Nichts wirkt hier konstruiert, um Originalität bemüht, sondern locker fließend. "Post" war gestern, willkommen in der Gegenwart.
Martin Büsser

Tortoise "Beacons Of Ancestorship" (Thrill Jockey / Rough Trade / VÖ 19.06.)

Fan werden? Anmelden oder einloggen!



Artikel kommentieren
  • Share/Bookmark   Auf StudiVZ teilen.
  • drucken Drucken
  • Artikel weiterempfehlen Versenden
 
  • Mehr Infos

  •  
Tortoise, Beacons Of Ancestorship
Intro.de Künstlerseite von Tortoise
Alle Artikel von Martin Büsser
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
  • User: nicki
  • nicki 17.06.2009 | 18:34:13
    The World sweats and it stinks
    Langweiliger über- (und teilweise vorsätzlich unter-)produzierter Studiorock zwischen Zitat und Selbstzitat. Bäh. Das Thema ist durch.

  • User: holophon
  • holophon 18.06.2009 | 12:20:15

    Na, das ist ja wohl immer noch Geschmackssache, Tortoise sind vielleicht wirklich ziemlich überproduziert und vielleicht ist das nicht Jedermanns Sache aber es gibt immer noch viele Menschen denen die Musik von Tortoise etwas bedeutet. Langweilig ist die Musik nur, wenn man eh kein Ohr für so was hat, zugegeben die letzten beiden Alben wahren insgesamt nicht recht glücklich, zumeist sogar relativ nervig und vergällt aber die neue klingt eben wieder um einiges besser, fließender, weniger verkopft (ohne diese sinnfreien Breaks der Standards) und nimmt den Pfad des 2. und 3. Albums wieder etwas auf und macht somit endlicht dort weiter, wo sich Tortoise zugegebenermaßen in Selbszitaten und Musikhistorien-geficke scheinbar verloren hatten, nämlich bei rythmischen und bassbetonten Experimenten die sich sehr von der heutigen Musiklandschaft abheben. Wichtig (und das ist ja das Tolle) ist vor allem das es es immer noch ein par wenige Bands gibt, die versuchen die Vergangenheit ohne jeglichen Retrogedanken (eben gegen den Trend) und Rockgepose zu verinnerlichen, ohne dabei ins kreative Nimansland namens Mando Diao zu treffen.

  • User: nicki
  • nicki 18.06.2009 | 12:37:18
    The World sweats and it stinks
    das schlimme ist: es ist meine sache und ich bin der größte fan (bis incl. standarts, und "its all around you" war auch noch relativ OK) aber die neue? sorry guys. dann lieber chicago underground duo..

    und wo fließt denn bitte die neue platte???? die hälfte der songs scheint gar nicht fertig zu sein, die andere hälfte ist entweder uninspiriertes selbszitat, artrockzitat (coffin) oder der versuch, durch gute sounds und produktion schlechte ideen zu verbergen. eine gute nummer hat die platte: die letzte (charteroak f.). und die zeigt richtung millions now living.
    auflösen.

    Editiert von nicki am 18.06.2009 12:40:20
    Editiert von nicki am 18.06.2009 12:40:21

  • User: qwert_zuiopü
  • qwert_zuiopü 18.06.2009 | 13:11:24

    ich hab mich zwar noch nicht intensiv damit beschäftigt, aber ein paar mal nebenher lief sie bei mir auch schon und da hat mir das alles recht gut gefallen. auf jeden fall besser als die ep mit bonnie prince billy...

  • User: BadBrain
  • BadBrain 21.06.2009 | 15:37:13
    zack! regierung gestürzt.
    kann man über eine tortoisescheibe eigentlich irgendetwas abschließendes sagen, bevor man nicht mindestens drei monate damit gelebt hat? ich bezweifle dies entschieden. mal ab von der "millions now living..." hab ich mich mit jeder platte ernsthaft auseinandersetzen müssen, ehe ich sie (über das verständnis hinaus, dass das sehr gut durchdachte und gespielte musik) an mich ranließ. und als die platten einschlugen, waren sie nicht mehr wegzudenken - allesamt.
    und auch hier wieder aufs neue. das ganze wirkt turmhoch aufgebaut und zugekleistert - in meinen augen mehr als je zuvor, weil viel geschlossener (als bspw die standards, mit der ich die neue vom sound her am ehesten vergleichbar finde). überdick produziert. und wieder viel stärker groove- und gesamtsoundorientiert; dafür werde ich brauchen.

    was man ihnen aber in jedem fall lassen muss, ist der blick für ein gesamtes, in sich geschlossenes werk. da ergibt jeder baustein sinn und die herangehensweise an den klang wird keine sekunde vernachlässigt (da unterscheiden sie sich m.e. kein bisschen von radiohead). dabei erweist jede platte absolute eigenständigkeit und lotet ein anderes universum aus. so bauen die ein haus.

    es sind halt mucker. immer schon gewesen.


    p.s. allein für thunderroad und calvary cross ist die brave and the bold heilig. gleiche heiligkeit gilt für on the chin auf der its all around you.

  • User: tidbit
  • tidbit 21.06.2009 | 21:08:49
    (@_@)oO0°*anaconcito
    noch nix von gehört, aber die postings über dem hier sind jedenfalls schonmal komplett behindert

  • User: Haar will atmen
  • Haar will atmen 21.06.2009 | 22:33:46

    Och tidde, nun mach doch die schöne Diskurs-Lawine nicht madig.

  • User: nicki
  • nicki 22.06.2009 | 19:01:43
    The World sweats and it stinks
    ich würde mich freuen, wenn ich mich HR äh bad brain anschließen könnte. leider kann ichs nicht. meine hoffnung war die gleiche: hören hören hören. denn, ja, die brauchen die platten. leider wars diesmal umgekehrt: ich so: ok, neue tortoise, die braucht immer, also: immer wieder hören. leider ist dadurch der optimismus, es könne sich doch noch was großes draus entwickeln komplett zerbrochen. ich meine, klar, der erste song ist fett, die beats geil. aber der song ist (natürlich bewusst) zerfasert. das ist nicht per se schlecht, doch leider führt er zu nichts. aneinanderreihung mehr oder minder guter parts mit durchgängig hammergeilem sound. das ist richtig. dann prepare yur coffin: geht gut durch, fließt, ja. aber leider selbstzitat und, noch schlimmer: artrockzitat, progrock zitat, was weiß ich. es ist aber ein unterschied, ob man "ZITIERT" oder zum ZITAT wird und keinen blickwinkel integriert. so bei coffin. im tortoisecosmos gibt es allein von dieser richtung mind 3 nummern, die das thema besser und eigenständiger lösen.
    und was sollen bitte nummern wie "Yinxianghechengqi" ? jetzt zeigen wir mal allen wie krass wir noch sind und machen mal was totla verrücktes oder wie? punkrock? nichts dagegen, aber das hier ist wieder mal NICHTS. nochnichtmal ein zitat, einfach schwachsinn. das gleiche gilt für "de chelly" und "penumbra". "ach, noch nicht fertig? egal, hauen wir mit drauf. klingt schön "arty""
    "the fall of seven diamonds" ist eine schlechte fortführung von "i set my face..." von TNT.
    nee, nee. das wars. ich war bei 4 trts konzerten, diesmal gehe ich nicht mehr hin.
    sorry, je öfter ich die platte höre, desto lieber höre ichh mir die neue Dirty Projectors oder die ICY DEMONS an.
    over.

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • KAUFEN

  •  
 
 
  • Nächste Tour-Termine

  •  
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
 
  • ÄHNLICHE PLATTEN

  •  
 
 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.

 
  • THREADS ZU DIESEM ALBUM

  •