Oi Va Voi
»Travelling The Face Of The Globe«
Text:
Martin Büsser
Spielen Oi Va Voi jüdischen Pop? Sie selbst würden es wohl eher als Pop mit jüdischen Elementen bezeichnen.
Als sich die britische Band gründete, stellten die Musiker fest, dass sie alle aus jüdischen Familien stammen. Das war der eigentliche Anlass, die vielfältige jüdische Musiktradition in ihren Pop-Crossover zu integrieren, der so ziemlich alles von Ska bis Punk, von Reggae bis Swing vermengte.
Das war manchmal ein bisschen überanstrengt, doch seit ihrer neuen Veröffentlichung ist Schluss mit dem artistischen Gemenge. Nachdem die sechsköpfige Band zu einem Trio geschrumpft ist, haben sie zu stringentem Pop gefunden, garniert mit Klezmer und osteuropäischer Folklore, was bisweilen an Beirut und A Hawk And A Hacksaw erinnert. "Travelling The Face Of The Globe" bietet urbane Folklore, die das ganze Spektrum jüdischer Musik erstmals sehr elegant in filigranem britischen Indie-Pop einfließen lässt. Auf dem Song "S'brent" singen Oi Va Voi erstmals in Jiddisch und zeigen, dass diese Sprache bestens für Pop geeignet ist. Die Entwicklung hin zu einer neuen Einfachheit hat ihrer Musik auf jeden Fall sehr gutgetan.
John Zorn hat mit seinem "Radical Jewish Music"-Manifest darauf hingewiesen, dass nahezu alle musikalischen Innovationen auf jüdische Musiker zurückgehen, die ihr Jüdischsein allerdings oft aus Angst vor Diskriminierung verschwiegen haben. Teilt ihr diese Ansicht?
Steve: Ich kenne dieses Manifest nicht, aber es ist richtig, dass die Musik des 20. Jahrhunderts von jüdischen Künstlern geprägt wurde. Das gilt für die Avantgarde und experimentelle Musik ebenso wie für den Pop, denn viele kommerzielle Songschreiber am Broadway waren Juden. Die andere Innovation haben wir den Afroamerikanern zu verdanken. Alle relevante moderne Musik ist also jüdisch oder schwarz. [lacht] Wir selbst leugnen unsere jüdischen Wurzeln nicht, das geht ja gar nicht, sie treten offen in unserer Musik zutage. Aber wir haben auch niemals Probleme mit Diskriminierung gehabt. Ich denke, wir entstammen der ersten Generation von Musikern, die jüdische Elemente ganz normal als Bestandteil von Pop behandeln, ohne damit etwas Politisches oder Didaktisches zu verbinden. Genau darum geht es uns: Jüdisches soll kein Exoten-Bonus mehr sein, sondern völlig normal.
Ist Pop so etwas wie die Folklore unserer Zeit?
Exakt. Popsongs oder auch HipHop haben den klassischen Folksong abgelöst, haben aber dieselbe Funktion. Deshalb kann ich auch die Leute nicht verstehen, die bedauern, dass traditionelle Musik verschwindet und von Pop verdrängt wird. Ich glaube nicht, dass irgendetwas verschwindet. Es verändert sich nur oder durchdringt einander, geht neue Formen ein. Unsere Musik ist ein gutes Beispiel dafür. Gerade in Israel kam unsere Musik sehr gut an, denn in Israel wurden junge Menschen durch unsere Musik erstmals wieder mit traditionell jüdischen Elementen konfrontiert. In Israel ist es nämlich so, dass junge Menschen alles Mögliche spielen, von Punk bis Heavy Metal, von Elektronik bis HipHop, aber kaum mehr eine Beziehung zur jüdischen Musiktradition haben. Insofern kann eine Band wie wir sogar Traditionspflege betreiben.
Spielt Religion in eurer Musik eine Rolle?
Nein, wir sind keine religiösen, keine praktizierenden Juden. Uns fasziniert die musikalische Tradition, sonst nichts. Wir plädieren für absolute religiöse Toleranz, jeder sollte selbst entscheiden, an was er glaubt oder ob er überhaupt glaubt. Das sollte kein Anlass für Feindschaften oder Kriege sein.
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