Marissa Nadler
»Little Hells«
[Kemado / Rough Trade]
Text:
Daniel Koch
Ihr Ruf als Songwriterin gilt als formidabel, Marissa Nadler kann sich vor Zuspruch kaum retten. Dabei ist ihr pechschwarzer Dream-Folk alles andere als eingängig. Das ist auch auf ihrem vierten Album "Little Hells" nicht anders - ein schwerer Brocken, den man sich da in die Sammlung wuchtet.
Marissa Nadler macht einem irgendwie Angst - diese zarte, hübsche Person, die nun auch auf ihrem vierten Album "Little Hells" wieder in die düstersten Gemütszustände abtaucht, mit dieser Stimme, die durchs Ohr hineinschwebt, das Hirn vernebelt, das Herz berührt und dort Bisswunden hinterlässt. Auch auf "Little Hells", das mit seinem weiten, hallenden Sound an "Songs III: Bird On The Water" anschließt, wird man zwar sanft gepackt, aber tief in den Abgrund gerissen. Viele Künstler scheitern dabei und verlieren sich in belanglos plätschernden Klageliedern - Nadler jedoch entgeht dieser Gefahr, weil sie auf ihr erstklassiges Songwriting bauen kann. Die verweht-ätherischen Soundlandschaften bevölkert sie mit verlorenen, verratenen, verlassenen Gestalten, die sie oft innerhalb einer Songzeile ins Verderben schickt. "The man she loved best ... died in a fiery crash", singt sie zum Beispiel in "The Hole Is Wide". Und im nur vordergründig optimistisch betitelten "Mary Comes Alive" beginnt sie mit den Worten "I know we had a beautiful life", und dann saust das Fallbeil hinunter: "... but things changed". Es bedarf einer gewissen Zeit und Stimmung, um in diese kleinen Höllen einzudringen, die Songs schweben anfangs ein wenig vorbei - aber wenn man sich auf Nadlers morbides Storytelling einlässt, findet man zehn Songs, die einen einfach nicht gehen lassen wollen.
Für deine Verhältnisse ist der Titel des Albums ja schon fast optimistisch - immerhin heißt es nicht "Big Bad Hells". Ist die Klangfarbe deiner Musik wirklich ein wenig heller geworden?
Es ist einfach der Name eines Songs, den ich exemplarisch fand. Eine Platte zu benennen ist immer so schwierig. Man muss den Rest des Lebens damit verbringen. Ich wollte sie erst "Ghosts And Lovers" nennen - nach einem anderen Song. Aber "Lovers" - das hätte irgendwie "slutty" geklungen. Also "Litte Hells" - nachdem ich gegooglet habe, ob es nicht schon ein Album mit dem Titel gibt, und nachdem meine Freunde mir versichert haben, dass man nicht gleich an "Little Earthquakes" von Tori Amos denkt.
Du hast vorhin gesagt, dein Arbeitsprozess funktioniere nach dem Stream-of-consciousness-Konzept, die Songs brächen förmlich aus dir heraus. Bei Titeln wie "The Whole Is Wide", "River Of Dirt" oder "Loner" muss man sich ja fast um deinen Gemütszustand sorgen. Oder sind das einfach die Themen, die dich interessieren?
Beides. Die letzten Jahre waren für mich schon wie ein innerer Kampf, ein schmerzhafter Prozess, den ich durchlaufen musste, um meine Persönlichkeit zu finden. Das schlägt sich natürlich auch in meiner Musik nieder. Andererseits bin ich auf seltsame Weise von düsterer, kaputter, melancholischer, abgefuckter Kunst fasziniert - sei es bei Songwritern oder bei Malern. Ich weiß nicht, woher das kommt - vielleicht, gerade weil ich so ein vergleichsweise normales Leben führe.
Vor deiner Songwriterkarriere hast du dir schon als Malerin einen Namen gemacht - das dann aber zurückgesteckt, um dich in das Musikmachen zu verbeißen. Steht zu befürchten, dass du damit genauso verfährst und dich anderem zuwendest?
Nein. Ich werde wohl immer Alben aufnehmen. Obwohl ich auch noch Pläne und Ideen für andere künstlerische Ausdrucksformen habe. Für das Live-Spielen kann ich gerade nicht garantieren. Touren ermüdet so ungemein. Und ich bin eher schüchtern und mag es selbst nach zwei Jahren Touren immer noch nicht, so exponiert auf der Bühne zu sein.
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