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The Rifles

»Great Escape«

[Sixsevennine / Rough Trade]

Text: Christian Steinbrink

Es ist schon bemerkenswert, wenn eine Band, die aus London kommt, die ihre Heimat mitsamt deren Musiktradition stolz hoch hält und die sogar noch so etwas wie den Idealtypus von Britpop verkörpert, von Teilen der nationalen Musikpresse nicht nur nicht geliebt, sondern sogar kritisiert wird.

In dieser Beziehung traf es in den letzten Jahren wohl keine Band so hart und ungerecht wie die Rifles. Ihr Debüt "No Love Lost" war ein absolut gelungenes Album in der deutlichen Tradition von The Jam, mit kleinen, aber funktionierenden Popsongs, die besonders live eine außerordentliche Euphorie und Klasse offenbarten. Eigentlich werden solche Bands schnell von ganz Großbritannien geliebt, in diesem Fall stellte sich aber nur einer an die Seite der vier Londoner: Paul Weller, die Lichtgestalt himself, besuchte sie sogar einige Male auf der Bühne, um mit ihnen seinen Klassiker "Eton Rifles" zu intonieren. Und dieser Support reichte, um der Band Erfolge zu bescheren, die - wie schon lange bei keiner Band mehr erlebt - von unten kamen: Die Fans stürmten Plattentheken und Konzertkassen, fassten sich in der "Rifles Army" zusammen und wurden immer mehr. Besonders in Deutschland wuchs die Band so groß, dass ihr der Gedanke an ein zweites Album ein paar Sorgenfalten beschert haben dürfte.


Dieses zweite Album ist nun da. Es heißt "Great Escape", und es markiert überdeutlich den Anspruch der Band auf Weiterentwicklung und Emanzipation vom großen Protegé Weller. "Great Escape" ist lang nicht mehr so eindimensional und knackig wie das Debüt, man könnte die Platte sogar heterogen nennen, so offensichtlich haben sich die Rifles in verschiedene Richtungen ausprobiert. Etwa die Hälfte der elf neuen Stücke hat deutlich ausgedehnte Arrangements mit Streichern, Synthesizern und einer größeren Palette an Gitarreneffekten, die andere Hälfte ähnelt dann doch, dem Selbstverständnis als Liveband geschuldet, den alten Songs. Ihre alte Schmissigkeit haben die Rifles dadurch ein Stück weit aufgegeben, einige Fans werden sich an die neuen Facetten ihrer Lieblingsband gewöhnen müssen. Aber auch auf modifizierter Spielwiese macht sich das Quartett gut, und letzten Endes dürfte die Weiterentwicklung des Stils sowieso unabdingbar sein. Die alten Fans sollte trösten, dass das Songwriting selbst den hohen Standard des Debüts halten kann. Hits wie der als erste Single ausgewählte Titelsong sprechen für sich. Deshalb stimmt auch jetzt noch, was zu Zeiten des Debüts den Nagel auf den Kopf traf: eigentlich eine simple Britband, aber von der cleveren Sorte.

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