Morrissey
»Years Of Refusal«
[Decca / Universal / VÖ 13.02. / VÖ: 13.02.2009 ]
Text:
linus volkmann,
Thomas Venker
[15 Kommentare]
Morrissey - Schlange, Chamäleon, Indiepop-Daddy, ein Mann, der Heilandfantasien weckt, alles auf einmal. Vor allem aber natürlich Musiker und als solcher (kurz gesagt): in den 80ern Legende, den 90ern Murks, den 2000ern auferstanden. Und wie geht's weiter?
pro
In den Neunzigern wollte man Morrissey nicht nackt auf den Bauch gebunden bekommen. Denn selbst dann hätte sich nichts geregt. Außer vielleicht, man war Smiths-Addict und nicht bereit, das Ende der Band und der Achtziger in seine eigene Vita aufzunehmen. "Vauxhall And I" von 94 war eine enttäuschende, elende Platte. Das wurde damals bloß nie gesagt, aus Pietät vor der scheidenden Ikone Morrissey, aber im Herzen arbeitete jeder Zurechnungsfähige bereits an der eigenen Ent-Morrisseyierung - wie schon bei Stalin, dem anderen Typen von den Smiths. Fulminant kehrte M dann dieses Jahrzehnt wieder zurück. Schande über all die Zweifel, aber egal, das Denkmal stand ja eh noch, nur hatte man endlich wieder Bock, es auch zu besuchen.
Die größte Leistung aber, dass dieses Comeback (vielleicht eines der größten der kontemporären Popgeschichte) von Dauer und Substanz ist. "Years Of Refusal" beweist das eindrucksvoll. Außer der Überraschung, dass er es noch draufhat, fehlt auf dieser Platte überhaupt nichts. Nichts von dem, was den Morrissey 2000 so unantastbar macht. Allein die Melodieführung über skurrile Schachtelsatzslogans hinweg ist wieder eine Kunst für sich. Und all dieser abgehangene Charme, der nicht wie bei einem Charles Aznavour auf rüstige Sexualität verweist, sondern in Abgründe taucht, der versöhnlich wird an Stellen, wo man es nicht erwartet, und gleichermaßen an anderen Orten das Messer zieht. Morrissey singt von "the absence of a human touch" und ist dabei nie Schwerenöter, sondern immer bloß der schlaue, stilvolle Indiepop-Daddy, der über all die Zeit nur weiter Klasse aufgeschaufelt und diese untrennbar mit seinem Werk verbunden hat. Zum Niederknien - wer gegen dieses Album spricht, schändet die Gute Seite. So sieht's nämlich aus!
Linus Volkmann
contra
Well, Sir, was zum Teufel hat Sie denn da geritten? Wie in Gottes Namen kann man so ein Coverbild freigeben? Aber skippen wir das, diesen Mann haben wir ja schon immer nur an seiner Musik gemessen, alles andere hätte es zu schwierig gemacht ...
Tasten wir uns statistisch an die Ursache heran, warum "Years Of Refusal", um es gleich mal zu bilanzieren, ein gescheitertes Album ist: Es ist das dritte Album von Morrissey in für ihn relativ kurzer Zeit. Hier hat sich einer mit seinem Arbeitspensum schlechthin verlupft, beschwingt durch die Renaissance, die er sich selbst mit dem fantastischen "You Are The Quarry" und dem immerhin noch soliden Folgealbum "Ringleader Of The Tormentors" besorgt hat. Vielleicht ist es aber auch nur diese Fallhöhe, die ihm und mir hier zum Verhängnis wird: Was wäre gewesen, wenn ich "Years Of Refusal" zuerst zu hören bekommen hätte? Hätte ich es nach Jahren des Schweigens nicht voller Freude und wohlwollend aufgenommen? Spekulation.
Zeitverschwendung. Okay, es gibt Ausnahmen wie "When I Last Spoke To Carol" (aus dem Werk ausbrechend mit dem mexikanischen Einfluss), "Mama Lay Softly On The Riverbed" (welch Dramatik: Der Raum wird geradezu enger mit jeder Sekunde, die Luft dünner) oder "I'm Throwing My Arms Around Paris" (wieder mal die ganz große Geste und dabei eins jener Stücke, bei denen einem der Erzählduktus den Atem raubt), das ist aber zu wenig für ein zwölf Stücke umfassendes Album. Beim Rest handelt es sich um B-Ware. Im besten Fall Single-Rückseiten. Die Songs sind zwar gespickt mit typischen Morrissey-Momenten, sowohl textlich ("... there is no hope in the modern life ...", "... there is nothing I could do to make you mine ...") als auch musikalisch (pathetische Singalongs), doch leider sind sie entweder überspielt oder schlittern ihm aus der Hand.
Thomas Venker
Morrissey "Years Of Refusal" (Decca / Universal / VÖ 13.02.)
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buenaventura 26.01.2009 | 19:17:28
hashomer
gluecklicherweise wurde die kommentar funktion (noch?) nicht deaktiviert, laesst sich doch so immerhin sagen, dass es zwar schoen gewagt ist, die qualitaet von "years of refusal" an der angeblich mangelnden qualitaet von "vauxhaull & i" fest zu machen, aber ausser der - kalkulierten? - empoerten sprachlosigkeit mancher besserwisserischer connoisseurs duerfte damit langfristig wenig zu erreichen sein. denn "vauxhall & i" ist, wie im grunde jede morrissey-platte seit "viva hate" eine durchwachsene ansammlung durchschnittlicher klischee-songs mit wenigen hoehepunkten gewesen. aber gerade die hoehepunkte bei "vauxhall & i" hatten immerhin stalinsche ausmasse, waehrend - wenn man schon in solchen tiefen nach vergleichen suchen will - "years of refusal" einfach nur beim musikalischen standardmassenmord verbleibt.
Reverend 26.01.2009 | 19:30:49
war immer aufrichtig
Linus, hast Du sie noch alle?
Ist es schon so weit gekommen, dass ich nun ausgerechnet dem Venkerle zu Deinen Lasten Recht geben muss? Aber das hast Du Dir - buenaventura hat es angedeutet - mit dem Vauxhall-Unsinn wirklich selbst eingebrockt.
Mannometer!
hitchy 26.01.2009 | 19:54:57
"Vauxhall And I" von 94 war eine enttäuschende, elende Platte. Das wurde damals bloß nie gesagt, aus Pietät vor der scheidenden Ikone Morrissey, aber im Herzen arbeitete jeder Zurechnungsfähige bereits an der eigenen Ent-Morrisseyierung
das ist wahr. allerdings ist die neue, ohne je einen ton gehört zu haben, vermutlich noch viel schlimmer.
buenaventura 26.01.2009 | 19:56:19
hashomer
ah, kevin wildert in jeff_dieters gefilden. spannend!
ledivo 27.01.2009 | 10:52:53
DandyFromTheUnderworld
Hat irgendeiner hier wirklich die neue Morrissey Scheibe schon gehört?
Ich schon, und ich finde sie durchweg passabel!
Auch wenn ich ein großer Smiths Fan war, Morrisseys Solo-Pfade fand (auch) ich meist eher medioker.
Besonders enttäuschend war ein Live-Konzert 1992, als Morrissey meinte auf der Bühne 'nur' rumhampeln, und bei rund 70% aller gesungen Töne danebenliegen zu müssen (was er auch heute gerne live macht!)
Dennoch finde ich die neue Platte flott und frisch, und wenn dann noch die ein oder andere Mariachi-Kappelle durch's klangliche Bild läuft, ist das schon sehr Ok!
hitchy 27.01.2009 | 11:35:40
kann ich hier irgendwann nochmal einen satz sagen, ohne dass mich die üblichen immer gleich doof von der seite ansabbern?
ledivo 27.01.2009 | 11:39:43
DandyFromTheUnderworld
@hitchy
Hab' Dich doch gar nicht angesabbert :-/
Holmenkollen 04.02.2009 | 12:01:24
und alle, die schon beim baby-im-arm-cover nicht so recht wussten, schon mal Link
'büschen nach unten scrollen.
haru_specks 04.02.2009 | 12:06:35
shine on
...oder als emphatisches Bekenntnis zu Wohlstandsbauch und Körperbehaarung. Vielleicht ist es eine Grußadresse an einen schwulen Bärenclub?
wie dumm.
michael_madsen 04.02.2009 | 18:05:42
Dumm ist der, der Dummes tut...
bierhoffstinkt 04.02.2009 | 18:51:42
vom weltfrieden erigiert
Grußadresse an einen schwulen Bärenclub?
haha.
haru_specks 06.02.2009 | 13:08:09
shine on
Dumm ist der, der Dummes tut...
ja. und der tut dumm schreiben.
Pascal82 15.02.2009 | 19:10:19
Entgegen vieler positiver Rezensionen, die ich bisher gelesen habe, gibt es an dieser Stelle doch deutliche Kritik.
gtr456e 10.03.2009 | 21:46:58
Herr Direktor
Und das Bild...
... bestätigt nur was allen klar ist: Morrissey ist nicht mehr 19. Und der Großteil der Anhängerschaft auch nicht. Wer bei Meat is Murder oder The Queen is Dead eingestiegen ist wird die 4 vorne stehen haben, und damit wissen, was M meint.
Habe selber mal mit Kindersitz direkt vor der Halle bei einem Neubauten Konzert geparkt. War schon komisch!
Tolle Platte!
buenaventura 10.03.2009 | 21:50:50
hashomer
Wer bei Meat is Murder oder The Queen is Dead eingestiegen ist wird die 4 vorne stehen haben, und damit wissen, was M meint.
da kann aber jemand nicht rechnen.
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