Tomte
»Heureka«
[Grand Hotel Van Cleef / Indigo / VÖ: 10.10.2008 ]
Text:
Thomas Venker
[95 Kommentare]
Was machen Tomte da eigentlich? Statt den vorbestimmten Weg der Dinge zu gehen, der da heißt: ab spätestens 30 darfst du nicht mehr umdrehen, stemmen sie sich mit allem Wissen gegen den für einen selbst richtigen Weg und klingen in diesen Momenten mal eben wie vor drei Alben, also wieder ungestümer im Sound, rauer: sie weisen die Glätte, die die letzten beiden Alben für all jene schwer greifbar gemacht hat, die den langen Weg durch sonnige Nächte mit ihnen schon so lange gehen, in die Schranken. Und wirken dabei keineswegs regressiv.
Tomte sind für mich die deutschen All bzw. Descendents - aber natürlich ganz anders. Thees Uhlmanns Texte geben der ewigen Datingwelt Kaliforniens eine zweite und dritte Ebene mit dem sie noch immer bestimmenden Themenkosmos vom Weg des Lebens, der ewigen Freundschaft und dem Tod - und das so nonchalant, wie es nur jene tun können, die gelernt haben, wann es richtig ist, die Gefühle laufen zu lassen und all die Nachdenklichkeit hinten anzustellen. Wie heißt es in "Küss mich wach, Gloria" so prägnant: "Du nennst das Pathos und ich nenn das Leben." Klar kann man sich jetzt wieder am Kitsch reiben, aber man kann auch mal vorher nachdenken und das Maul halten. Für all jene, die das immer noch nicht verstanden haben: In dieser Störrischkeit der Themen auf "Heureka" zeigt sich, wie früh Thees Uhlmann diese Themen für sich als die richtigen gefühlt hat. In seiner Welt ist kein Platz für Berechnung. Kein Platz für aus Egobefindlichkeiten und Kalkül aufgemachte Schauplätze. Nur Platz für das, was er Leben nennt. Und, jetzt werde ich mal pathetisch: Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr Leute so sprechen würden.
Natürlich geht das nicht immer gut. Ein Song wie "Es ist so, dass du fehlst" beispielsweise ist mir musikalisch in seiner Liaison aus Element Of Crime und Céline Dion nicht ganz koscher, wobei die Bilder ("Du bist das Beil, ich bin der Wald, hier hat noch jeder, jeder gezahlt") die klangliche Gefühlsduselei angenehm brechen. Trotzdem, und da sind wir wieder bei All/Descendents: Tomte will man nicht weichgezeichnet, Tomte will man als Emo-Styler, Working-Class-Rocker. Wenn sie das abliefern, will man dabei sein. Keiner hat das so gut drauf wie sie, diesen Emo-geprägten, UK-Rock-beeinflussten Sound, gespickt mit dem gewissen musikalischen Weitblick, der ihnen Möglichkeiten gibt, wie sie die einfacher ausgestatteten Bands des Genres nie haben werden. Solange das Basisstück diesen Emo-UK-Spagat erfüllt, arbeiten Klavier und stilistische Raffinesse, die man sich über die Jahre angeeignet hat, dem zu; wenn das Boot aber, wie im Großteil der zweiten Albumhälfte, eher auf ruhiger See schippert, dann verlieren die Songs ihre Stringenz, ihr Leitmotiv, schippern so vor sich hin ohne wirkliche Existenzberechtigung.
Das Kernstück des Albums ist sicherlich "Wie sieht's aus in Hamburg". Beim ersten gemeinsamen Hören erzählte Uhlmann von kritischen Reaktionen aus Hamburg. Was man verstehen kann, das Stück kann man tatsächlich falsch lesen mit Textzeilen wie "wer ist pleite und wer ist fertig und wer hat es ans Ufer geschafft", "deine Geschichte, die auf ein Reiskorn passt" oder "alle 100 Jahre kommt jemand wie ich und nimmt dich mit". Aber ehrlich, Leute, Leute, wenn einer zwischen Pudels und Schanze geblutet hat mit und für euch, dann dieser Kerl. Und wenn einer in seiner "Ich will die ganze Welt knuddeln"-Haltung nicht fähig ist, Arroganz wirklich performativ zu leben, dann er. Insofern: Nehmt es als Wissen um die Probleme des Lebens, die Nichtigkeit der eigenen Existenz und vor allem als eine Geste der Sehnsucht, die nur sehr mannsartig verpackt ist. Hier spricht einer von vielen, die nach Berlin rübergemacht haben, aber - so wohl sie sich dort fühlen, und so richtig es für sie als Einzelne auch ist - noch immer ein Stechen in der Brust spüren. Da spricht, wenn man tiefer gräbt, das Heimweh. Was an "Wie sieht's aus in Hamburg" abseits dieses Kriegsschauplatzes wirklich auffällig ist, ist das textliche Neuland, das Thees Uhlmann hier betritt mit Zeilen wie "du bist ein hübscher Junge / in einem schönen Quartier / fühl dich einmal wie ein König / ich weiß, heute Nacht geht jemand mit zu dir". Das hat was von den verträumt-melancholischen Berichten aus den Hamburger Kneipen, wie sie uns einst Tilman Rossmy geschenkt hat, nur eben nicht aus der Sicht des Indie-Playboys protokolliert, sondern als väterlicher Zuspruch. Wenn er da textlich dranbleibt, wird es spannend.
Was bleibt? "Heureka" ist ein Album mit vielen großen Momenten. Ein Album mit einer unglaublich guten ersten Hälfte, in der sich mit dem Titelstück, "Wie ein Planet", "Der letzte große Wal", dem besagten Hamburg-Stück, "Voran voran" und dem extrem ambitionierten "Küss mich wach, Gloria" gleich sechs Songs aneinanderreihen, die zum Besten der Band zu rechnen sind. Leider hat das Album aber auch eine eher schwache zweite Hälfte. Nun ja, wann haben beispielsweise Oasis, die Band, die Thees Uhlmann so liebt, so ein Quote zuletzt hinbekommen? Wie heißt es in "Wie sieht's aus in Hamburg" ebenfalls leicht missverständlich? "Halte durch" - einerseits die Ansprache an den anderen, der noch mittendrin steckt, gesprochen von jemandem, der es rausgeschafft hat, aber zugleich gesprochen von jemandem, der noch sehr gut weiß, wie sich das anfühlt und sich bewusst ist, dass man sich nie sicher sein kann, dass die Dinge linear weiterlaufen. In diesem Sinne: Tomte haben schon so viel länger durchgehalten als die meisten Bands ihrer Generation; und ich bin mir sicher, dass diese Geschichte noch lange nicht zu Ende geschrieben ist. Da ist noch einiges an Songs und Texten drin.
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gratisbeilage 07.10.2008 | 11:20:16
broker than thou
tomte-rezensionen lösen bei mir mittlerweile die gleichen reaktion aus wie tomte-musik: irgendwo zwischen schockstarre und belustigung.
zilix 07.10.2008 | 13:07:54
vermutlich bin ich da eher bei jan wigger
Link
der song mit dem wal ist auf jeden fall schon mal großer quatsch in transoße.
Gandalf 07.10.2008 | 14:03:15
Graue Eminenz
mir ist irgendwie unklar, was die descendents damit zu tun haben
snorej 07.10.2008 | 15:46:43
hab ich das nur geträumt oder meinte thees in einem interview nicht das er und der drummer von mia buddies sind?
stonyrue 09.10.2008 | 20:47:02
BEI jan wigger trifft es wohl am besten. denn die spiegel "rezension", wenn man sie so nennen will, stammt eigentlich von andreas borcholte, welcher seinen musikgeschmack seid "buchstaben über der stadt" scheinbar drastisch geändert zu haben scheint. nach den bisherigen "heureka"-hörproben klingen tomte nämlich nur unwesentlich dreckiger als noch im voralbum.
wer sich mit den zugegebenermaßen lyrisch nicht vollkommenen texten nicht befassen will, oder kann, der sollte es eben lassen. gerade das nicht perfekte macht die authentizität eines tomte-albums aus. ich will keine 08/15 songs, mit immergleichen phrasen und sofortigen deutungen. ich will die wirre und kaputte dichtkunst eines marcus wiebusch. und da sind tomte eben noch mit am nächsten dran ;)
ich persönlich freue mich auf das album, dass hoffentlich morgen bei mir im briefkasten liegt. denn ich fühle mich hier ebenfalls, wie der letzte große wal.
snorej 09.10.2008 | 21:05:31
wer die wal hat hat die qualle gepachtet.
gratisbeilage 09.10.2008 | 22:05:49
broker than thou
ich will keine 08/15 songs, mit immergleichen phrasen und sofortigen deutungen.
ähem...
AmeisenMän 09.10.2008 | 22:34:49
Die Menschheit zu beschützen!
denn ich fühle mich hier ebenfalls, wie der letzte große wal.
Da bläst er! Harpune klar machen!
Der Jeff_Dieter 09.10.2008 | 22:51:07
proper tea is theft
Wenn ich Authentizitaet lese, will ich das nicht gut finden.
addictedTOchocolate 10.10.2008 | 10:28:41
an der Bar abhängen, den DJ dämlich belabern und alles besser wissen, cool sein, an der Wand lehnen statt zu tanzen, mit Bier in der Hand, Lemmy is the King, und auf keinen Fall Gefühl zeigen und Tomte is eh bescheuert.
caringiscreepy 10.10.2008 | 10:46:46
einige zeilen auf dem neuen album gehen ja gar nicht.
"im garten der lust " wie bitte ?
den pathosbogen ums 14 fache überspannt.
nanker 10.10.2008 | 11:33:21
mh bisher hab ich nur bei myspace reingehört und die single bei mtv gesehn. bei der single hab ich mir noch gedacht, dass ich mich jetzt wirklich schämen muss eine sonnige nacht und hinter all diesen fenstern gutgefunden zu haben, aber beim im hintergrund durchlaufen lassen des albums fand ich dann doch, dass ich das vcllt doch mal wieder ganz gut finden könnte.
Sister Sneaker 10.10.2008 | 12:40:05
Ein neuer Sound ein neuer Sinn
Dass Texte von Uhlmann durch Renzensionen von Pop-Journalisten noch übertroffen werden können, war mir nicht klar.
In seiner Welt ist kein Platz für Berechnung. Kein Platz für aus Egobefindlichkeiten und Kalkül aufgemachte Schauplätze. Nur Platz für das, was er Leben nennt. Und, jetzt werde ich mal pathetisch: Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr Leute so sprechen würden
Editiert von
Sister Sneaker am 10.10.2008 12:41:27
Sister Sneaker 10.10.2008 | 12:47:13
Ein neuer Sound ein neuer Sinn
Ohjemine. Ich bin grad fassunglos:
Klar kann man sich jetzt wieder am Kitsch reiben, aber man kann auch mal vorher nachdenken und das Maul halten. Für all jene, die das immer noch nicht verstanden haben.
pinion 10.10.2008 | 16:41:47
Es ist nicht so, dass er hier in Hamburg fehlt.
Sein "väterlicher Rat" auch nicht.
gratisbeilage 10.10.2008 | 17:55:27
broker than thou
@sister sneaker: sach ich ja. schockstarre.
snorej 10.10.2008 | 18:10:32
wohl zuviel schafskäse gegessen die herren in der band?
dramaking 10.10.2008 | 18:30:01
lustig, heut bei der arbeit die bild durchgeblättert. auf der letzten seite haben die immer so ne rubrik, was gerade in und was gerade out ist. in nach bild ist gerade tomte mit dem neuen album! :D
au ralenti 10.10.2008 | 19:06:44
quoi que tu fasses...
in die bildzeitung passen sie doch ganz gut. bei zeit online stand die tage ein ganz fürchterliches interview mit dem sänger, der irgendwelche schlechten witze riss, sich der zeitung nachhaltig anbiederte und sich - nach eigener behauptung - nicht für alles "branden" lassen wolle...
ich hatte von tomte beileibe nichts erwartet, aber nach der single bin ich mir recht sicher dass sie selbst das noch untertroffen haben könnten.
Reverend 10.10.2008 | 20:20:43
brüht im Lichte dieses Glückes
Normalerweise setzt T. Venker unter solch peinliche Texte doch eher das "Martina Hergenröther"-Signet, oder nicht? Ist das ein Fehler? Schnell editieren!!!
Andre Bijan_ 11.10.2008 | 10:44:49
Und wie lautet Dein Signet?
AmeisenMän 11.10.2008 | 11:08:27
Die Menschheit zu beschützen!
bei zeit online stand die tage ein ganz fürchterliches interview mit dem sänger, der irgendwelche schlechten witze riss, sich de...
Aus Ekel habe ich das Zeit Magazin direkt entsorgt.
Andre Bijan_ 11.10.2008 | 11:19:44
Daß dich das so berührt. Ekel? Mal ehrlich, Du übertreibst doch jetzt ein bisschen, oder? Hört sich aber lustig an.
snorej 11.10.2008 | 11:29:52
ist der ekel "brechreiz" mäßig?
oder eher so "fremdschäm" mäßig?
bei mir äußert sich das zuweilen in kombination.
aber das er im musikexpress interview was gegen blumfeld sagt, das verzeih ich ihm nie und nimmer.
dramaking 11.10.2008 | 11:37:49
was hat er denn gegen blumfeld gesagt?
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