Brian Wilson
»That Lucky Old Sun«
Text:
Mario Lasar
Hier haben wir ein Album, das dem Tatbestand der Unhörbarkeit besorgniserregend nahekommt. Vielleicht sollte es eine Kontrollbehörde für alte Musiker geben, die prüft, ob sie noch in der Lage sind, ihren Beruf auszuüben. Wozu gibt es denn die Rente?
Brian Wilson ist auf diesem Album emsig damit beschäftigt, seinen geniegleichen Status zu demontieren. Ein Großteil der Songs scheint inspiriert von der strukturellen Leere von Hintergrundmusik für Marmeladen-Werbespots. Selbst bei den Waltons gibt/gab es mehr Reibung als in diesen Liedern. Senile Rührseligkeit ist nichts, womit man die Öffentlichkeit behelligen sollte. Warum orientieren sich Musiker nicht an Schauspielern wie Cary Grant oder Dirk Bogarde, die sich im Alter einfach zurückzogen, um so in der Wahrnehmung des Publikums immer jung zu bleiben? Eine Methode, die wahre Würde beweist. Davon ist Brian Wilson hier weit entfernt. Nur das Einblick in Wilsons Abgründe gewährende "Midnight's Another Day" lässt erahnen, dass immer noch tolle Songs entstehen können, wenn das Geflecht aus verklärter Vergangenheit von seelenvoller Selbstreflexion durchdrungen wird, die die Gegenwart als maßgeblich anerkennt.
In Schunkelsongs, die im "Musikantenstadl" nicht fehl am Platze wirkten, beschreibt Wilson die prinzipiellen Vorteile ehelicher Harmonie. Im Hintergrund geht immer gerade die Sonne auf oder unter, man ahnt schon, dass L.A. so etwas wie die thematische Klammer bildet, die dieses Album zusammenhält. Aber was Wilson zu sagen hat, ist zu oft erschreckend inhaltslos, tautologisch und zirkulär: die Sonne, L.A., der Strand. Wilson reaktiviert das, was David Berman von den Silver Jews den "leichten Optimismus der 50er, der einen wahnsinnig macht", nennt. Dabei fehlt jene sehnsüchtige Gebrochenheit, die die Nostalgie in dem von Bruce Johnston geschriebenen '71er-Beach-Boys-Meisterwerk "Disney Girls (1957)" noch so berührend machte. Eine Ausnahme in dieser Hinsicht bildet das letzte Stück "Southern California", eine zurückhaltende Pianoballade, in deren Text Wilson träumt, er würde wieder mit seinen toten Brüdern Carl und Dennis singen, seufz.
Wenn es etwas gibt, wo der leichte Optimismus seine Berechtigung hat, sind das Doris-Day-Filme, die man als Zeitdokument rezipiert. Das Schlimme ist, dass diese Platte einem tendenziell das Gefühl vermittelt, Wilson habe gar nicht mitgekriegt, dass sich seit den 50ern die Zeiten ein bisschen geändert haben. Oder er weigert sich, das mitzukriegen. In diesem Sinne wäre die Platte das Resultat maximaler Verdrängung. Das mag besser sein, als völlig verrückt zu werden, aber für Gegenwartsmenschen wie dich und mich ist diese Platte unverständlich. Brian Wilson hat ein schwieriges Album gemacht.
Artikel kommentieren
» Brian Wilson - That Lucky Old Sun für 9.99€ bei iTunes kaufen
» Brian Wilson - That Lucky Old Sun bei Amazon kaufen
Mehr Infos
Diese User besitzen die Platte
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
WEITERE PLATTEN
- » Brian Wilson - Smile
- » BRIAN WILSON - Imagination
ÄHNLICHE PLATTEN
- » The Flaming Lips - Embryonic
- » Dennis Wilson - Pacific Ocean Blue
- » The Flaming Lips - At War With The...
- » Elvis Costello - Il Sogno
- » Talking Heads - Once In A Lifetime
- » The Flaming Lips - Yoshimi vs. the...
- » Elvis Costello - Blood And Chocolate
- » THE FLAMING LIPS - The Soft Bulletin
- » Elvis Costello - Brutal Youth
THREADS ZU DIESEM ALBUM



