Sorry Gilberto
»Memory Oh«
[CD // Goldrausch / VÖ: 26.09.2008 ]
Text:
Dana Bönisch
Zu Ukulele und Glockenspiel erzählt das Duo Sorry Gilberto Kurzgeschichten über Supermärkte - und spielt damit die schwer intensive Innerlichkeitsliteratur an die Wand.
Woody Allen fragt sich, ob Erinnerung eigentlich das ist, was weg ist, oder das, was bleibt. Marcel Proust sagt: Es ist beides gleichzeitig, und das macht die Sache so unglaublich, dass ich sofort ein Buch mit sieben Bänden darüber schreiben werde.
So ein Thema erschöpft sich nicht, es wird auf ewig durchdacht werden. Auch und gerade in den Städten, wo jeder einen Parallelstadtplan voller Erinnerungsorte mit sich trägt und regelmäßig seinen eigenen Geistern begegnet. Sorry Gilberto sind Berichterstatter aus diesem Dazwischen. Ihre Lieder sind Kurzgeschichten mit Musik, die von der Einsamkeit des Supermarktes handeln, von Neil Young und letzten Dingen oder von dem Sommer, in dem alle plötzlich Kinder bekommen. Und eben von der Erinnerung. "Inspiration kann alles sein, was uns begegnet. Es geht um eine Art von Verzauberung der Realität. Aus etwas Alltäglichem etwas Magisches zu machen. Und um eine Art von Humor, der nicht Witz ist, sondern eine Art, die Welt zu sehen." Damit haben Sorry Gilberto einem gewissen Teil der deutschen Gegenwartsliteratur jedenfalls schon mal etwas voraus. Es verwundert nicht, dass sie den Schriftsteller Jonathan Lethem oder die Künstlerin Sophie Calle als Einflüsse nennen - Experten in Sachen magische Realitätsverschiebung.
Jakob Dobers und Anne von Keller kennen sich "vom Malzusammengewesensein", wie sie sagen. Sie bewegen sich in einem kleinen Netzwerk Berliner Bands, das um das Popschutz-Studio entstanden ist. Früher bestand das Projekt Sorry Gilberto aus noch mehr Freunden: "Es gab mal eine Phase mit Schlagzeuger und Pianist, doch dann merkten wir, dass eine reduziertere Form unseren Songs mehr entspricht." Als Duo entwerfen Anne und Jakob melancholisch-komische Folkminiaturen - oft mit Gitarren, Orgel, Glockenspiel, Ukulele und Bass, manchmal mit Beats aus dem Minicasio oder Blockflöte. Und vor allem: mit ihren Stimmen, die zusammen eine sehr schöne, brüchige Art von Harmonie erzeugen. Manchmal, zum Beispiel in "Love But Zero", erinnern Sorry Gilberto deshalb an die Moldy Peaches und die besondere Melancholie ihrer naiven Duette, in anderen Songs eher an die hektischen Geschichtenerzähler Herman Düne. Allein: Das fleißige Track-by-Track-Referenzsuchen macht zwar immer wieder Spaß, aber eigentlich keinen Sinn, handelt es sich doch gerade bei "Memory Oh" um ein Album voller einzigartiger und im bestmöglichen Sinne eigenartiger Songs - und Geschichten zwischen hier und dort.
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