N*E*R*D
»Seeing Sounds«
[Interscope / Universal]
Text:
Heiko Behr, Sandra Brosi
Heiko Behr und Sandra Brosi sind sich uneins, was Pharrell Williams mit N*E*R*D wirklich bezwecken möchte: Resterampe oder Blockbuster der Popindustrie?
Contra:
N*E*R*D sind nicht weniger als ein Blockbuster der Popindustrie. Aber einer bei dem man neben Popcorn-Momenten und Big Screen auch noch echte Innovationen erwartet. Keine leichte Bürde. Aber sind ja auch schwere Jungs.
Pharrell Williams behauptet in Interviews gern, seine Band N*E*R*D mit Chad Hugo und Shae zeige, wer sie wirklich seien. Was erfährt man also über das Produzentenduo The Neptunes, wenn es nicht gerade für Snoop, Timberlake und Madonna gezielt für die Charts arbeitet?
Es war immer schwierig abzuschätzen, wie viel Zeit sie in das Seitenprojekt N*E*R*D stecken. Besonders der Terminkalender von Posterboy Pharrell ist ja seit jeher prall gefüllt mit modeln, jetsetten, Klamottenmarke designen. Ach ja, und zwischendurch noch Musik aufnehmen. Sind N*E*R*D also Pharrells Resterampe? Wie die beiden Vorgängeralben ist auch "Seeing Sounds" wieder prall gefüllt mit Sounds, Schnipseln und Ideen. Oft unausgegoren, kurz angerissen, weg damit. Nehmen wir den Album-Opener "Time For Some Action": Synthiestreicher, Kindergeschrei, hektisches Pianogeklimper. Break bei einer Minute. Prägnante Bassline, reduzierter eingespielter Beat, geflüsterter Refrain, funky dudelnde Gitarrennote. Break bei zweieinhalb Minuten. Angezerrte Synthiebässe, stampfender Beat, gegrölter Chor. Break bei drei Minuten. Und in der letzten Minute stöhnt dann eine Stimme: "I've got nothing to say, nothing to do. But I've been waiting for so long and I think, I think, I think I'm through." All das zusammengepfercht in vier Minuten? Kann man natürlich als hyperaktiv-musikalischen Wahnsinn auslegen. Oder eben als spaßiges Entleeren des musikalischen Enddarms. Jeder, wie er mag. Nun sind die Neptunes zweifelsfrei ein überaus talentiertes Produzententeam. Wenn sie das Songwriting allerdings komplett übernehmen, wird die Luft arg dünn. Mehr ist eben nicht immer mehr.
Pro:
Pharrell Williams behauptet in Interviews gern, seine Band N*E*R*D mit Chad Hugo und Shae zeige, wer sie wirklich seien. Also, wenn ich diesen Einstieg des Kollegen mal aufgreifen darf ..., macht er doch ordentlich Sinn und kann nach Hören dieser Platte nur zu einer Erkenntnis über die Band führen: Sie sind geniale Prolls, die nebenbei noch Firmenimperien durch schwärzeste Zahlen führen.
Sicherlich sind der Innovationsglanz und der Überraschungseffekt von Pharrell und Co. längst Schnee von gestern. Die Zeiten, in denen man staunte über die Beats, über ihre Neuerfindung angestaubter Pop- und Rockikonen: passé. Und dennoch: Auf dem Gipfel tobt das Leben. "Seeing Sounds" ist eine ihrer ganz großen Produktionen. N*E*R*D sind Hollywood, sind der big Blockbuster, N*E*R*D sind Paris Hilton (alle finden sie angeblich drüber, aber jeder will was von ihr, und wenn sie eine Party macht, ist man besser dabei).
Sie sind Profis an der Schwelle zur Seelenlosigkeit. Aber eben nur an der Schwelle. Denn ihr Ehrgeiz bringt sie dazu, auch noch auf dem Zenit nicht nur im Zitat zu leben, sondern immer noch mal einen rauszuhauen. Die erste Single "Everyone Nose" zum Beispiel ist einfach eine klasse Zumutung. "American Pie" als Musikstück: witzig, kuchenfickend und auch noch mit zwei Promille goutierbar. Damit steht sie dem ganzen Album in nichts nach. Und dennoch gibt es eben übermütige genauso wie dröge Blockbuster. N*E*R*D ist in jedem Fall Ersteres gelungen. Ein Sammelsurium an Styles, das selbst Drum'n'Bass lässig ins eigene System überführt, und eine Stimmung wie auf der Hausparty eines It-Girls. Bauernschlauer Konsumismus-HipHop, der zeigt, wie schön Kapitalismus eigentlich sein kann, wenn man alles hat.
Artikel kommentieren
» N*E*R*D - Seeing Sounds für 9.99€ bei iTunes kaufen
» N*E*R*D - Seeing Sounds bei Amazon kaufen
Mehr Infos
Diese User besitzen die Platte
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
WEITERE PLATTEN
ÄHNLICHE PLATTEN
- » Common - The Dreamer, The Believer
- » The Roots - Undun
- » The Roots - How I Got Over
- » Kelis - Flesh Tone
- » Mos Def - Spalter: "The Ecstatic",...
- » Kanye West - 808's & Heartbreak
- » Lupe Fiasco - Lupe Fiasco's The Cool
- » Jay-Z - American Gangster
- » KanYe West - Graduation
- » Talib Kweli - Ear Drum



